25. Dezember 2019

Weihnachten in der Familie Keine Nachsicht für die kleine Sophia

Krieg unterm Weihnachtsbaum

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Oft Anlass für Disput: Weihnachten in der Familie

Weihnachten geht es nach Hause. So will es die Tradition. Auch wenn jede einzelne Heimreise dem Klima unermesslichen Schaden zufügt, muss es sein. Selbst wenn einem davor graut. Graut vor dem Moment, wenn die kleine Sophia mit der ganzen Autorität ihrer 14 Jahre beginnt, ihre Pläne zum Umbau der Wirtschaft im Namen des Weltklimas vorzutragen. Graut vor den Stunden, die Onkel Willy ausgesperrt in der Küche zubringen muss, weil er mehrfach behauptet hat, früher sei es auch manchmal ziemlich warm gewesen. „Du bist wohl ein Klimaleugner“, hatte Vater René anfangs nur kurz kommentiert und versucht, die Sache ins Lächerliche zu ziehen.

Aber kaum war die letzte Faser der Gänsekeule abgenagt, die Bratensoße mit dem Kartoffelkloß aufgetupft, und auch die Veganer, Vegetarier und Fruktarier am Tisch hatten sich eine neue Tasse Kräutertee geholt, brandete der Streit wieder auf. Hier die Daheimgebliebenen, die Leute vom Dorf, ohne Weltkenntnis, niemals in New York, niemals in Athen. Dort die klimabewegten jüngeren Semester, klimastreikerfahren, weltgewandt und bereit, für die Zukunft vieles zu opfern.

Ausgerechnet die engagierten Menschen, die es in jeder Familie gibt, platzen dann oft mit ultimativen Sätzen heraus wie eben gerade die bei Fridays for Future erweckte Sophia: „Tja, Weihnachten wird es wohl auch nicht mehr lange geben, wenn das mit der Klimaerwärmung so weitergeht.“ Es folgt betretenes Schweigen, die Schwester steht wutrot auf, der Vater schenkt schnell noch mal nach, Mutter ist, weil in vielen rückständigen Familien gerade in Sachsen noch die Reste einstiger Rollenaufteilung gelten, noch in der Küche und kann nicht beschwichtigen.

Und nun? Viel Aquavit und vergessen? Schnell vom letzten Urlaub auf den Malediven erzählen? Nein, beides ist keine Option. So ätzend es ist, man darf die Freitagskinder, die Windmühleneuphoriker und Sonnenstromgläubigen, die es in vielen Familien gibt, nicht unwidersprochen schwadronieren lassen. Sondern muss einhaken, nachfragen. Wie sich das rechnen werde? Wie eine höhere Ölsteuer das Heizverhalten in Wohnungen und Häusern beeinflussen solle, wenn dort schon die modernsten Heizungen eingebaut sind? Wie ein Pendler die Mehrkosten auffangen werde, die mit der Kohlendioxidsteuer auf ihn zukommen? Und ob Sophia selbst bereit sei, das Handy und den Laptop künftig ausgeschaltet zu lassen?

Es ist ein Kampf, ein Krieg unterm Weihnachtsbaum. Aber vielleicht gibt es noch Hoffnung, vielleicht ist die kleine Sophia sogar froh, zu erfahren, dass all ihre Facebook-Posts, in denen sie behauptet, man müsse nur wollen, am Umstand, dass man im richtigen Leben auch können muss, kaum etwas ändern. Vielleicht ist sie erleichtert, dass die Klimakatastrophe gar nicht vor der Tür steht?

Es kann allerdings sein, dass der Rest Ihrer Familie nicht begeistert davon ist, dass der Glaubenskampf an der Festtagstafel stattfindet. Doch Sie sollten sich nicht einschüchtern lassen. Mag man Sie auch als Störenfried ansehen und nicht die jungen Leute, heißen sie nun Sophia, Lilly, Ben, Andres oder Anthony. Trotzdem muss es sein. Wichtiger, als das bisschen Familienfrieden zu wahren, ist es, gegen ein menschenverachtendes Klima zu kämpfen, in dem jeder besinnungslos herumschwatzen kann, ohne irgendwelche Fakten zu kennen. Stoppen Sie die kleine Sophia nicht, wird sie vom Festtagstisch aufstehen und glauben, die Welt funktioniere wirklich, wie sie es sich vorstellt.

Genau deshalb ist es auch wichtig, ihr und ihresgleichen entschieden zu widersprechen: Weil diese von Medien und Politikern in akute Angstzustände versetzten Kinder sonst glauben, gar nicht so falsch zu liegen. Nur still zu denken: „Was für ein Idiot“ und sich überlegen zu fühlen, hilft leider nicht. Wenn keiner mit Fakten argumentiert, auf den Zustand der Umwelt verweist, den frühere Generationen vorgefunden haben, und den Lebensstandard verdeutlicht, in den die heutige junge Generation weich gebettet aufwuchs, werden die gratismutigen Kämpfer für einen radikalen Gesellschaftsumbau, für Vergemeinschaftungen, Verbote und die Errichtung einer Ökodiktatur sich bestätigt fühlen. Das wäre schlecht.

Wer dabei Hilfe braucht, findet sie beispielsweise in dem Buch „Anleitung zum Widerspruch“ von Franzi von Kempis. Die Autorin, die in Berlin lebt und was mit Video macht, liefert Fakten zu Verschwörungstheorien, Klimaleugnung und anderen unangenehmen Themen, die am Weihnachtstisch aufkommen könnten, und erklärt, wie man sogenannte Strohmann-Argumente erkennt. Das Buch hat leider 288 Seiten und ist damit sehr, sehr umfangreich für die Verhältnisse der aktuellen Klimadiskussion. Aber man liest es für eine gute Sache, denn wenn kein Störenfried dazwischengeht, fabuliert Sophia nächste Weihnachten vielleicht schon davon, wer alles nicht mehr hierhergehört, weil er das Klima leugne oder den in Deutschland gemachten Anteil der Erderhitzung kleinrede, und fordert, dass auch die Karnivoren der Familie zu Weihnachten gefälligst Kuskus und Kleie statt Ente essen sollen.

Ist dieses Stadium des menschenverachtenden Hasses erreicht, ist die Zeit der Gegenargumente natürlich vorbei. Was aber nicht heißt: Weitermachen im Vorweihnachtswahn und diese Ekelhaftigkeiten über den nächsten Glühwein vergessen. Um das Schlimmste zu verhindern, heißt es gegenhalten. Weihnachten mit der kleinen Sophia ist kein Schicksal. Es gibt keinen guten Grund, mit Familienmitgliedern zu feiern, die so voller Sehnsucht nach Naturkatastrophen, Notstandsgesetzen, Verboten und Einschränkungen der Freiheit sind. Wenn Sophia mit Gegenrede nicht leben kann, soll sie in ihr Zimmer gehen. Es steht ihr sogar frei, die Heizung dort auf null zu drehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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