16. Dezember 2019

Staatliche Anmaßung und Scharlatanerie Bodenloses Glück

„Das Glück“ gibt es nicht

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Ist immer individuell: Glück

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – in der unscheinbaren Redewendung liegt nicht nur die ganze Weite und Größe und Last dessen, was Freiheit und das Potential eines Lebens ist. In ihrer Entsorgung auf dem Müllhaufen „sozialen Fortschritts“ liegen auch der größte Irrtum und die größte Lüge „unserer“ Zeit. Und in ihr wurzelt das reale Verderben und Vergehen von Millionen von Menschenleben und ganzen Kulturen.

Jeder am Finanzmarkt Aktive weiß, dass sein erster Job nicht der ist, Gewinn zu machen, sondern Verluste zu vermeiden. Jeder Mediziner ist sich bewusst, dass seine erste Aufgabe nicht darin besteht, zu heilen, sondern zuerst, keinen Schaden anzurichten. Was bescheiden klingt, verlangt Höchstleistung; es zu erreichen ist bereits ein enormer Erfolg und fordert großes Wissen, Erfahrung, permanentes Lernen, die Überwindung von Angst, Risikobereitschaft und ein unerschütterliches Ja zu disziplinierter und kontinuierlicher harter Arbeit. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Für das Größte nun, das ein Mensch in Händen hält, sein Leben und im erweiterten Sinn das seiner Kinder, soll dies nicht gelten. Der demütige und im Grunde einzig natürliche Ansatz, wonach es eines Menschen erste Aufgabe ist, das Leid zu vermindern, den Schmerz zu verhindern oder zu lindern, die jedem Leben innewohnen, ist ersetzt worden durch die Parole vom „Recht auf Glück“ – gerne auch „soziale Gerechtigkeit“ genannt – und vom Mythos von der Fähigkeit einer abgehobenen Clique „Weiser“, es zu organisieren. Für alle. Eine lebens- und menschenverachtende Scharlatanerie erster Güte. Was für eine Anmaßung. Was für eine Verachtung. Was für eine Armut.

Anmaßung deshalb, weil es „das Glück für alle“ nicht gibt. Ich liebe, achte und bewundere meinen Bruder. Ein Leben aber, in dem ich gezwungen würde, seine Vision von Glück zu adoptieren, wäre nicht lebenswert. „Das Glück“ gibt es nicht. Es zu behaupten und zu befürworten, ist die Forderung nach einer Reduktion des Lebens auf eine wurzellose Hydrokultur-Existenz in standardisierter staatlicher Nährlösung. Und es ist auch eine Absage an die heute angeblich so angebetete Natur, deren einzige Konstante der Mangel ist und damit potentielles Leid, potentieller Schmerz, potentieller Tod. Der Mensch, der dies verdrängt und es zu delegieren versucht, ist nicht nur ein Versager, sondern ein Verräter am Leben selbst und ein Verräter möglichen Glücks, das nie ein permanenter Zustand ist, sondern eine Aneinanderreihung kleiner und großer Siege über sich selber, über Unsicherheit, Angst und Gefahr.

Damit erklärt sich im Grunde auch schon die Verachtung für die Menschen, die vorgeben, ihnen zum Glück verhelfen zu wollen. Bereits beim Kratzen an der Oberfläche dieses metaphysischen Schwachsinns zeigt sich, dass die hehre Vision von dem, was menschliches Glück sein könnte, sich auf das Verteilen von Geld beschränkt, das sie den einen wegnehmen, um es den anderen zu geben. Was Marx wohlklingend die Überwindung des „Reichs der Notwendigkeit“ nannte, jenseits dessen erst die „Kraftentwicklung“ hin zum Glück möglich sei, ist im Grunde bloß dies: „Lasst sie sich die Wänste füllen, dann sind sie ruhig.“ Das Individuum im Rahmen einer solchen Klempnerei ist bloß ein Gerät, eine Gemeinschaft nicht mehr als eine Maschine, an der die Ingenieure des Glücks nur die richtigen Knöpfe zu drücken brauchen.

Dies allein sollte im Grunde reichen, um jedem staatlichen Versprechen in Sachen „Glücksbereitstellung“ eine Absage zu erteilen. Aber damit hört das Elend von Anmaßung und Verachtung noch nicht auf. Es kommt erst zur vollen Blüte, wenn auch die Armut sowohl im materiellen als auch im ideellen Sinn erreicht ist. Ideell als Folge der oben beschriebenen Reduktion des Lebens auf eine Prêt-à-porter-Version von Freiheit. Materiell deshalb, weil sich an der praktischen Untauglichkeit staatlicher Wirtschaftsorganisation bis heute nichts geändert hat. Sie ist utopisch, zerstörerisch und dutzendfach grandios gescheitert. Oder um es mit Lenin zu sagen: „Ich kenne keinen Sozialisten, der diese Probleme (die Organisation der Wirtschaft) behandelt hat.“ – „Nichts stand über solche Dinge in den Lehrbüchern der Bolschewiken geschrieben.“ Und – lässt sich ergänzen: erst recht nichts vom unternehmerischen Geist. Nichts von der Risikobereitschaft, vom Fortschrittsstreben und vom Ideenreichtum von Menschen, die darauf beharren, ihr Wirtschaften und Kooperieren sei mehr als Gier nach Profit. Nichts von der Last der Verantwortung, von der Angst, von der Freude des Gelingens. Nichts von denen, die täglich „leiden“ für ihre Kinder oder ihre Kunst und darin die ganze Welt und Sinn sehen und nicht bloß dumpfe Notwendigkeit. Und vor allem nichts davon, dass alles Glück erlitten werden will.

Es gibt im Leben keine Garantie für Zufriedenheit und Glück. Und schon gar kein Recht darauf. Wer es behauptet, wird Ihren nicht zu Ihrem Besten und zu irgendeiner Form von Glück verhelfen; er wird Ihnen die Chance darauf nehmen und Ihnen bestenfalls und zu Beginn einen dopaminbesoffenen Konsumkick verschaffen. Er wird zu diesem Zweck anderen ihre Leistung und ihren Lohn wegnehmen, Ihnen aber Ihre Freiheit. Am Ende allen das Leben. Auch dann, wenn er es gut meint.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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