15. Dezember 2019

Pläne für ein zentrales europäisches Endlager in Deutschland Lagerkoller

Bis 2031 soll ein Standort gefunden sein

von Rafael Hauptmann

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Bildquelle: shutterstock Noch keine endgültige Lösung: Lagerung von Atommüll

In Europa gibt es auch über 60 Jahre nach der Inbetriebnahme des ersten europäischen Kernkraftwerks in Großbritannien noch keine dauerhaften Lagerstätten. Die jährlich rund 7.000 Kubikmeter hochradioaktiven Rückstände aus den 143 Kraftwerken wandern in Zwischenlager. Diese sind aber nicht sicher genug für Gefahren wie Erdbeben oder Flugzeugabstürze.

Im Rahmen der Umsetzung der Richtlinie 2011/70/Euratom sind die Mitgliedsstaaten verpflichtet, den Nachweis zu erbringen, dass sie angemessene Maßnahmen ergriffen haben, um sicherzustellen, dass künftigen Generationen keine ungebührlichen Lasten aufgebürdet werden und radioaktive Abfälle und abgebrannte Brennelemente sicher entsorgt werden. Wenn ein Land diesen Nachweis nicht erbringen kann, dann Deutschland, und zwar aus eigenem Verschulden. Sollte also die Bundesregierung weiter ihren Narrentanz tanzen, wird die Kommission in Zukunft die Mitgliedsstaaten durch Maßnahmen bei der Bewältigung der relevanten Probleme „unterstützen“.

Währenddessen zeigt die Koalition in der Endlagerfrage einmal mehr ihre völlige Unfähigkeit, zum Wohle unserer Nation konstruktiv und ideologiefrei zusammenzuarbeiten.

Die SPD spricht sich für ein zentrales Atommülllager in Europa aus. Natürlich von der EU administriert und von Deutschland bezahlt.

Die CDU nennt zwei „geeignete Standorte“ in Deutschland. Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) weiß davon jedoch nichts, die Bundesgesellschaft für Endlagerung unternimmt nur im dritten Schritt der Endlagersuche an zwei Standorten Erkundungsbohrungen. Momentan jedoch ist das BfE noch bei Schritt eins und sammelt erst geowissenschaftliche Daten. Das BfE hat Bewertungen über die Ergebnisse weder aus den Untersuchungen noch aus den notwendigen Bürgerbeteiligungsverfahren. Außerdem muss der Standort durch ein Gesetz, also Bundestag und Bundesrat, beschlossen werden. CDU-Fake-News also.

Die CSU spricht vom Ausstieg aus dem Atomausstieg, nachdem jemand aus der Führungsriege dieser Partei sich die geowissenschaftlichen Daten Bayerns angesehen und mit Schrecken das große Granitvorkommen im Fichtelgebirge nahe Bayreuth entdeckt hat, das laut BfE gute Standortbedingungen verspricht. Nachdem die CSU die Stromtrasse blockiert hat, wo sie konnte, werden sich die anderen Landesfürsten sicher gerne mit einem Endlager nahe den Bayreuther Festspielen revanchieren.

Währenddessen sind die Öl- und Gaspreise fast dreimal so stark gestiegen wie beim Abschluss des „Atomkonsenses“ im Jahr 2000 erwartet, die strategische Abhängigkeit von krisenanfälligen Regionen und Regimen ist ein weiteres Problem. Die langfristige Versorgungssicherheit ist nicht gewährleistet. Uran ist dagegen ein Rohstoff, der auf allen Kontinenten vorkommt und als Brennstoff für 200 Jahre reichen würde. Selbst hohe Preissteigerungen für Uran wirkten sich kaum auf die Produktionskosten von Strom aus Kernkraft aus. Da es leicht zu bevorraten ist, könnte man Uran – wie Braunkohle und erneuerbare Energien – quasi als heimischen Energieträger betrachten. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass Finnland, Frankreich und Großbritannien auf Kernenergie setzten.

Warum eigentlich Endlager? Für die Endlagerung unterscheidet man in Deutschland zwischen wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen und solchen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung. Die atomrechtliche Aufsicht über bestehende Endlager- und Stilllegungsprojekte ist in einer Behörde gebündelt, dem BfE. Das BfE reguliert und beaufsichtigt künftig auch die Standortsuche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle. In Deutschland lagern rund 15.000 Tonnen hochradioaktiver Atommüll, für den ein Endlager gesucht wird. Er befindet sich zum großen Teil in überirdischen Zwischenlagern –quasi in Ihrem Atomkraftwerk um die Ecke. Dort ist die Sorge der Menschen natürlich groß, auf dem strahlenden Abfall sitzenzubleiben.

Allerdings gibt es eine Alternative: die Wiederaufbereitung. Die Wiederaufbereitung atomaren Mülls gilt als gefährlichster Schritt in der Atomenergie (jedenfalls für Greenpeace und Konsorten). Durch Wiederaufbereitungsverfahren wird abgebrannter Kernbrennstoff im Zuge des Brennstoffkreislaufs zu neuem Kernbrennstoff verarbeitet, da er üblicherweise noch einen großen Anteil Brut- und Spaltmaterial enthält (im Leichtwasserreaktor enthält abgebrannter Kernbrennstoff üblicherweise noch etwa 94 bis 95 Prozent Uran und ein Prozent Plutonium). Je nach Art des Kernbrennstoffs und der Reaktoren, in denen er eingesetzt wird, unterscheiden sich die dafür erforderlichen Maßnahmen. Im Fall von Kernspaltungsbrennstoff werden die entstandenen Spaltprodukte im Zuge der Wiederaufbereitung üblicherweise teilweise oder vollständig abgetrennt, fallweise kann auch eine Auftrennung von Spaltstoff und Brutstoff und fallweise minoren Aktiniden erfolgen. Das gegenwärtig verbreitetste Wiederaufbereitungsverfahren ist das Purex-Verfahren, ein nasschemisches Verfahren, das sich für Uran-Plutonium-Brennstoff eignet und bei dem Plutonium und Uran voneinander und von den Spaltprodukten getrennt werden können. Abgesehen davon wurden bis heute Dutzende weitere Verfahren mit verschiedenen Vor- und Nachteilen entwickelt und noch etliche weitere vorgeschlagen, die aber bisher nicht großtechnisch umgesetzt wurden. Insbesondere in Kombination mit Brutreaktoren, die mehr Spaltstoff durch Brutvorgänge produzieren, als sie verbrauchen, ist die Wiederaufbereitung der Schlüssel zu einer vielfach besseren Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Kernbrennstoffs. Zudem kann dadurch die Menge der hochradioaktiven Abfälle stark reduziert werden.

Aufgrund der vermeintlichen Gefahren der Wiederaufbereitung ist in Deutschland übrigens seit Juli 2005 der Transport von abgebrannten Brennstäben zur Wiederaufbereitung verboten. Außerdem müssten die Brennstäbe in die letzte verbliebene Wiederaufbereitungsanlage La Hague (Frankreich) transportiert werden, nachdem die Wiederaufbereitungsanlagen Sellafield und Dounreay (Großbritannien) geschlossen und die deutsche Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf nie fertiggebaut wurde.

Es gibt also noch viel zu tun. Deutschland braucht eine neue Energiewende, rein auf den Bedarf der Bevölkerung, auf Sicherheit und sinnvollen Umweltschutz ausgerichtet. Schon bis 2031 soll übrigens ein Standort für ein atomares Endlager für Deutschland gefunden sein. Seit 1956 das erste kommerzielle Kernkraftwerk Europas, Calder Hall in Großbritannien, ans Netz ging, sind dann 75 Jahre vergangen!


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