29. November 2019

Bernd Dörries: „Der lachende Kontinent“ Heiterkeit am Abgrund

Eine Empfehlung für „Afrikaeinsteiger“

von Volker Seitz

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Afrika: Gezwungenes Lächeln

Bernd Dörries berichtet seit 2017 aus Kapstadt für die „Süddeutsche Zeitung“ über Subsahara-Afrika. Der Titel des Buches „Der lachende Kontinent“ ist etwas verwirrend. Ja, Afrika wird von freundlichen, dem Leben zugewandten Menschen bewohnt. Aber es ist bei aller Lebensfreude – wie ich es in 17 Jahren auf dem Kontinent erlebt habe – meist eine Heiterkeit auch am Abgrund. Frankophone Afrikaner nennen das „rire jaune“ (gequält oder gezwungen lachen).

Dörries hat 34 Länder bereist. Sein Buch wirkt wie eine lockere Folge aus Episoden und zweifellos interessanten Reiseanekdoten des Autors. Wenig zu lachen hat die Uganderin aus einer unteren Einkommensschicht, die er besucht, die 37 Jahre alt ist und 38 Kinder hat (Seite 276). In Äquatorialguinea hat seiner Ansicht nach das ganze Land schlechte Laune (Seite 26). Diesen Eindruck kann ich bestätigen. Auch die Südafrikaner, die in einem der gefährlichsten Länder des Kontinents leben, haben manchmal wenig zu lachen. „Jeden Tag werden fast 60 Menschen umgebracht.“ – „Einmal wird ein Anwalt eines bekannten Kriminellen mit einem Kopfschuss ein paar Straßen weiter (von der Wohnung des Autors) erschossen, vor den Augen seiner Kinder. Mal werden Wanderer mit Messern angegriffen und lebensgefährlich verletzt, genau auf jener Route, auf der wir einen Tag zuvor auch unterwegs waren. Mal wird ein Mann vor einer Bar erstochen, in der wir gerade ein Bier getrunken hatten“ (Seite 252).

Ein lebendiges Bild entsteht, wenn er über eine Reise an Bord der „MB Nathasha Belle“ auf dem Kongo berichtet: „Auf den Decks steht eine wilde Mischung aus Autos und Containern, dazwischen haben sich rund 200 Passagiere ihre Lager eingerichtet“ (Seite 65). „Der Kongo ist ein gewaltiger Strom. An seiner breitesten Stelle misst er 21 Kilometer, so dass man leicht die Orientierung verliert. Er scheint kaum zu fließen. Das Ufer sieht immer gleich aus, Bäume, Bäume, Bäume, ein dichter Regenwald, von dem man nur die ersten drei oder vier Baumreihen sieht. Hin und wieder tauchen Markierungen an den Ufern auf, die Yatshi (dem Kapitän) sagen, dass er auf die andere Seite steuern muss, um nicht auf eine Sandbank zu laufen. Die Belgier hatten die Fahrrinne einst ausgebaut, es gab beleuchtete Bojen, Schifffahrtszeichen und Kilometermarken. Fast alle sind mittlerweile überwuchert, zerstört oder gestohlen. Es ist so wie der Rest des Landes“ (Seite 71).

In Gabun besucht Dörries die von Albert Schweitzer ab 1913 aufgebaute Klinik Lambaréné und fragt sich, dem heutigen Zeitgeist entsprechend, ob Schweitzer „nicht auch Teil des kolonialen Systems war, das missionierte und ausbeutete“ (Seite 113).

Vorsichtshalber schreibt der Autor im Vorwort, dass „immer etwas fehlen wird“. Ja, es fehlt in seinem Buch das Bevölkerungswachstum. Denn der hohe Bevölkerungsanstieg verursacht Konfliktpotential: durch mangelnde Ernährungssicherheit, Wasserknappheit, Druck auf Bildungssysteme, Arbeitslosigkeit. Außerdem steigt bei einer höheren Population und Verteilungskämpfen die Aggression. Das Gesundheitswesen hält dem Druck einer rasant anwachsenden Population in weiten Teilen Afrikas nicht stand.
Wer sich als „Afrikaeinsteiger“ für die Erfahrungen eines Korrespondenten interessiert und mehr über den Kontinent erfahren möchte, als im „Weltspiegel“ gesendet wird, dem verhilft das Buch zu einem besseren Verständnis.

Bernd Dörries: „Der lachende Kontinent“ (amazon.de)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Afrika

Mehr von Volker Seitz

Über Volker Seitz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige