19. November 2019

Berichterstattung deutscher Medien über Proteste im Iran Öffentlich-rechtliche Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht

Die iranische Regierung ermordet ihre Bürger

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Deutsche Medien berichten zurückhaltend: Proteste im Iran

Wie erklärt sich die öffentlich-rechtliche Zurückhaltung gegenüber dem Iran? Wer öffentlich-rechtlichen Medien folgt, dem wird das folgende Bild darüber vermittelt, was im Iran derzeit vor sich geht: Es gibt „wütende Proteste“. Der Präsident des Iran, Hassan Rohani, hat Proteste als „legitimes Mittel“ der Bürger bezeichnet und gleichzeitig „Vandalismus“ verurteilt. „Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten wurden mindestens ein Polizist und ein Zivilist getötet.“ (tagesschau.de) Es gibt Bilder von ausgebrannten Tankstellen und Autos, ein Hinweis, der belegen soll, dass die Protestierer wegen einer Erhöhung der Benzinpreise in „Wut“ versetzt worden sind. Ali Khamenei, so der direkte Widerspruch ein paar Zeilen weiter bei der ARD, hält die Demonstranten für vom Ausland gesteuerte Verbrecher. Das Internet wurde für die meisten Iraner abgeschaltet, und alles ist sowieso nur eine Folge der Sanktionen, die die USA gegen den Iran verhängt haben. Die ARD erklärt, warum: „Mit den Strafmaßnahmen will Washington den Iran dazu bringen, das internationale Atomabkommen neu zu verhandeln. Die USA waren einseitig aus der Vereinbarung zur Verhinderung einer iranischen Atombombe ausgestiegen.“ Warum die USA ausgestiegen sind, sagt die ARD indes nicht, denn dann müsste der Sender darauf hinweisen, dass die Iraner munter Plutonium anreichern, um eine eigene Atombombe zu bauen.

Die seltsame Zurückhaltung, mit der ein Regime bedacht wird, das aus einem einst florierenden Land ein trotz großer Erdölvorkommen armes Land gemacht hat, dessen Bevölkerung seit Jahrzehnten von einer klerikalen Clique in einer Art religiös-sozialistischem Gefängnis gehalten wird, bedarf einer Erklärung, vor allem vor dem Hintergrund zahlreicher Berichte, aus denen deutlich wird, dass im Iran ein Aufbegehren der Bevölkerung gegen den islamischen Klerus, der das Land dominiert, im Gange ist. Man stelle sich im Folgenden vor, die konservative chilenische Regierung ginge in dieser Weise gegen die eigene Bevölkerung vor. Was würden ARD und ZDF wohl berichten?

Al Arabiya berichtete gestern davon, ganz im Gegensatz zur ARD, dass nicht mindestens „ein Polizist“ und „ein Zivilist“, sondern mindestens 40 Menschen bei den Unruhen ums Leben gekommen sind. Iranern ist es trotz der Abschaltung des Internets im Iran gelungen, Meldungen an die internationale Öffentlichkeit zu geben, aus denen hervorgeht, dass die meisten Toten gezielt von Polizeibeamten beziehungsweise Angehörigen der Revolutionären Garden erschossen worden sind.

Mit anderen Worten: Die iranische Regierung ermordet ihre Bürger. Es gibt unzählige Quellen, die entsprechende Belege liefern und aus denen man sich bei der ARD informieren könnte, wenn man den Anspruch hätte, ein möglichst adäquates Bild über die Lage im Iran zu vermitteln.

tagesschau.de: „Rouhani verurteilt ‚Vandalismus‘“

Al Arabiya: „Iran protesters set fire to Khamenei billboard as security crackdown intensifies“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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