18. November 2019

Energieausstieg in Deutschland Wind ohne Raum

Öko braucht mehr Platz

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Brauchen Platz: Windräder

Erst die Atomenergie, dann die Solarwirtschaft, anschließend die Kohle und nun auch noch die Windkraft. Sieben Jahre nach dem wegweisenden Beschluss der Bundesregierung zum Energieausstieg setzt Deutschland mit dem Abschied von der Windenergie ein neues Zeichen für die Welt. Nachdem es bereits zu Jahresbeginn gelang, den Weltrekord beim Strompreis in das letzte verbliebene moralische Staatswesen der Erde zu holen, kündigen die deutschen Energieversorger nun eine Fortsetzung der Rekordjagd an: Nach Angaben der Vergleichsportale Verivox und Check24 haben etwa 170 Versorger angekündigt, die Preise für private Verbraucher zum 1. Januar erneut anzuheben, diesmal um durchschnittlich 5,4 Prozent.

Rückbau der Zukunft angeprangert

Während die Bundesregierung bereits beschlossen hat, die Beibehaltung der niedrigen Verbraucherpreisinflation durch eine veränderte Berechnungsgrundlage sicherstellen zu wollen, haben Wirtschaftsministerinnen und ‑​minister von zehn Bundesländern in einem offenen Brief Sorgen geäußert, dass es durch den geplanten Rückbau der ehemaligen Zukunftsindustrie zu Engpässen beim Aufbau der Netze für den Energieausstieg kommen könnte. In einem offenen Brief an MinisterkollegInnen und Kolleg*en in Bund und Ländern fordern die Landespolitiker „in großer Sorge und wachsender Angst“, dass der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, den Weg freimachen soll für den Aufbau von Windenergieanlagen auch direkt in Wohngebieten, auf Kinderspielplätzen und Sportstätten.

Die derzeit von Altmaier geplante Abstandsregelung für Windenergieanlagen, die vorsieht, dass Windräder nur in 1.000 Metern Abstand von Wohnhäusern gebaut werden dürfen, sei „vollständig zurückzunehmen“, um „glaubwürdig öffentlich zu vermitteln, dass Deutschland weiterhin die Erreichung der Klimaschutzziele verfolgt“, so Sachsen-Anhalts Energieministerin Claudia Dalbert. Der „Spiegel“ assistiert mit einem Aufschrei: „Naturschützer“ und „Leute, die erwarten, von den Zumutungen der Moderne verschont zu werden“, klagten kalt und grausam „unsere Zukunft kaputt“, obwohl der „Klimawandel nicht an Ortsschildern halt“ mache.

Die aus Köln stammende Grüne Dalbert, die Sachsen-Anhalt derzeit mit Hilfe von SPD und CDU zum ersten industriefreien und klimapositiven Bundesland umbaut, fürchtet einen „Stopp der Energiewende“, weil Altmaier „die Klimaziele offensichtlich einfach egal“ seien. Die für die Komplettversorgung Deutschlands mit nachhaltiger Windenergie notwendigen zusätzlichen 170.000 Windräder in Ergänzung der bisher bestehenden 30.000 Windkraftanlagen benötigten Platz, den Altmaier schaffen müsse.

Öko braucht mehr Platz

Etwa 1.000 Quadratkilometer werden zusätzlich gebraucht, angesichts derzeit bereits bebauter Fläche von etwa 5.000 Quadratkilometern kaum zu stemmen, ohne Wald, Feld und Fluren zu beeinträchtigen. „So werden weder die Energiewende noch der Kohleausstieg gelingen“, warnt Dalbert, die als einzig akzeptablen Ausweg für Käfer, Bienen und Beeren die Möglichkeit sieht, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Anwohnern nicht länger erlauben, den weiteren zügigen Ausbau der Windenergie zu behindern, indem sie sich auf kleinliche individuelle Störgefühle berufen.

Die sogenannten „starren Abstandsregelungen“ seien kein geeignetes Instrument, weltweit deutlich zu machen, dass Deutschland entschlossen sei, zwei Prozent seiner gesamten verfügbaren Fläche mit Windenergieanlagen zuzustellen. Diese 7.140 Quadratkilometer entsprächen etwa dem, was die landwirtschaftliche Nutzfläche Deutschlands durch eine 2016 vorgenommene Umbuchung von ungenutzten Vegetationsflächen wie Heideland, Moore, Sümpfe, Gehölze und Gewässerbegleitflächen in den Bereich „Sonstige“ verloren hat. Ein gesellschaftlicher Schaden könne damit buchhalterisch gar nicht entstehen, wie einst die Kätzchenindustrie aber müsse nun auch die Windbranche gerettet werden.

Ein Rückgrat aus Luft

„Windenergie wird das Rückgrat der Industrie in Sachsen-​Anhalt sein“, kündigte Dalbert an. Daran hänge auch die Zementindustrie, die die für die Fundamente und Stahlbetontürme benötigten rund 1,5 Milliarden Tonnen Beton liefern müsse. Zudem hingen Tausende Arbeitsplätze in der Stahlindustrie am weiteren Ausbau. Die zum Erreichen der Windkraftziele noch zu errichtenden Windenergieanlagen benötigen voraussichtlich um die 120 Millionen Tonnen Material. Das wäre etwa das Fünffache des gesamten Stahl- und Betonbedarfs der deutschen Kernkraft- und Kohlekraftwerke.

Ein gewaltiges Konjunkturprogramm für die ressourcenverzehrende Grundstoffindustrie. „Der Ausbau der Windenergie ist zu beschleunigen und nicht zu stoppen“, verlangt Claudia Dalbert. Gerade der verarmte, leergesiedelte und weitgehend von der AfD dominierte Süden Sachsen-​Anhalts benötige den deutlichen Ausbau der Windenergie auch in Wohngebieten und städtischen Parks, um aus der Kohleregion eine Wasserstoffmodellregion zu entwickeln, in der allein der Verflüssigungsprozess des grünen Wasserstoffs aus der Power-to-X-Technologie ein Drittel des Energieinhalts der verflüssigten Wasserstoffmenge auffrisst. Damit könne die derzeit im Rückbau befindliche Chemieindustrie voraussichtlich zumindest gelegentlich mit Energie versorgt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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