09. November 2019

Begegnungen auf der Suche nach Wegen der Erkenntnis Gefährten, nicht Feinde

Wie kann einer ablehnen oder an das glauben, von dem er nichts weiß?

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Gefährten wären willkommen: Einsam im Schneesturm

Vor ein paar Jahren hatte ich das Glück, während eines Winters eine Hütte in den Schweizer Voralpen bewohnen zu dürfen. Täglich war ich nach der Schreibarbeit für Stunden mit dem Hund unterwegs. Während unserer Runden über die eisigen Höhen abseits von Dorf und Straßen traf ich nie jemanden. Was hätte ich getan, wäre ich einem begegnet, der mit Abweichungen dieselben kaum sichtbaren Pfade im Gestöber genommen hätte, auf anderen Wegen denselben schneegepeitschten Gebirgskämmen ins Nirgendwo gefolgt wäre und in einer anderen Ecke unter denselben verlassenen Stalldächern Schutz gesucht hätte?

Hätte ich ihn grundsätzlich für sein schieres Dasein gehasst? Hätte ich ihn einen hirnlosen Idioten genannt, weil er zwar dasselbe uns beiden unbekannte Ziel, aber auf andere Weise anzustreben schien? Hätte ich seine Art, zu gehen, seine Schritt- und Atemtechnik, sein Haltsuchen und Tasten nicht nur kritisiert, sondern aufs Wüsteste verlacht, beleidigt und mit Worten aus dem Bereich des Stoffwechsels bedacht? Hätte ich ihn zu meinem Feind gemacht und den Hund auf ihn gehetzt?

Sicher nicht. Allein die Vorstellung ist grotesk. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte ich mich gefreut, da oben mal einen zu treffen, der dasselbe sucht und sieht. Als der Hund und ich eines Tages für Stunden in einem Schneesturm umherirrten, wäre ich der dankbarste Mensch gewesen, als solcher nicht allein, klein, blind und verloren in diesem weißen Chaos zu sein.

Das Verrückte ist nun, dass genau das heute oft geschieht. Nicht auf verlassenen Bergen bei minus 26 Grad, aber in nicht minder schönen, gefahrvollen, majestätischen Gegenden: jenen der Suche nach Wegen zur Erkenntnis, auf denen man einigermaßen gehen kann, nach Wahrheiten und Teilwahrheiten, die zumindest vorübergehend Grund bieten und Halt zum Rasten.

Noch verrückter wird es, wenn man sich klarmacht, dass die Begegnungen da „oben“ von vornherein feststehen und unausweichlich sind. Weil, wer beispielsweise seine Ablehnung von etwas verstehen will, sich dieselben Fragen stellen muss wie der, der etwas befürworten möchte. Denselben Weg gehen, dieselben Schwierigkeiten meistern, dieselben Ängste durchstehen. Sowohl der Atheist als auch der Gläubige müssen sich beispielsweise die Frage: „Wer oder was ist Gott?“ vorlegen. Wie sonst kann einer ablehnen oder an das glauben, von dem er nichts weiß?

Anstatt sich nun aber grundsätzlich über die Begegnung, das Dasein eines anderen, zu freuen, ihn zu fragen, wer er sei, woher er komme und wohin er wolle, geht man im Diskursiven bestenfalls grußlos vorbei – oft allerdings nicht, ohne ihm noch schnell die Ahnungslosigkeit und Idiotie seiner Person, seiner Motive, seines aktuellen Standorts und seines bisherigen Wegs ohne nähere Begründung um die Ohren zu hauen.

Solches ist nicht einfach eine verpasste Chance, es ist nicht bloß schade und bedauerlich. Es ist fatal. Fatal deshalb, weil nicht nur die Chancen auf Erkenntnis, Fortkommen und Reichtum schrumpfen, sondern man selber. Wo einer sich grundsätzlich über andere erhebt, sein Ich mitsamt seinen Ideen zum König macht und über die Wirklichkeit – die eigene und die anderer – urteilt, anstatt sich bescheiden davon zu ernähren, der verliert nicht nur die anderen und die Möglichkeiten ihrer Ideen. Er verliert Kompass und Messgeräte, sich selbst und zuletzt die Wirklichkeit. Er wird zum Nichts. Geistig ebenso wie seelisch. Und er muss, um diesen Zustand ohne Halt auszuhalten, unten im Talkessel des „Man“ Schutz suchen in Haltung und bei anderen, die außer menschlichem Kleingeld, denselben „Feinden“ und derselben Haltung auch nichts zu bieten haben. So funktioniert Spaltung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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