30. Oktober 2019

„Aktion Regen“ verbessert die demographische Lage auf dem schwarzen Kontinent Familienplanung in Afrika – So kann es gehen

Echte Hilfe zur Selbsthilfe

von Volker Seitz

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Bildquelle: Dellex (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Hilfe zur Selbsthilfe: Geburtenkontrollkette der Aktion Regen

Die demographische Lage in Afrika sehe ich als die Wurzel der afrikanischen Armut. In Afrika findet eine Bevölkerungsexplosion statt, die zwangsläufig zu einer massiven Auswanderung Richtung Europa führt. Denn das extreme Bevölkerungswachstum vereitelt Wohlstandsgewinne. Insgesamt hat die Entwicklungshilfe, auch wegen der Bevölkerungsentwicklung, bisher keine grundlegende und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung in Subsahara-Afrika in Gang gesetzt. Im Gegenteil, die Entwicklungshilfe ist zu einer Maschinerie geworden, die immer mehr ihrer Selbsterhaltung dient. Das Bevölkerungswachstum hat mindestens sechs Hauptursachen: fehlende soziale Absicherung, fehlendes Bewusstsein für Verhütung, mangelnde Bildung – besonders bei Frauen, fehlende Gleichberechtigung für Frauen, medizinischer Fortschritt in Entwicklungsländern, kulturelle Hindernisse.

Schon heute schaffen es einige afrikanische Länder kaum, alle Einwohner satt zu bekommen. Afrika ist die Region der Welt mit enorm starkem Bevölkerungsanstieg (2,52 Prozent pro Jahr, Asien und Lateinamerika folgen mit rund einem Prozent deutlich dahinter). Jede Frau in Afrika gebiert im Schnitt 4,8 Kinder. Im Kongo liegt die Fruchtbarkeitsrate bei 5,9 Geburten je Frau, in Nigeria bei 5,6. Zugleich sterben deutlich weniger Kleinkinder dank medizinischer Fortschritte. Besonders hohe Werte haben auch Sahel-Länder wie Niger, Mali und Tschad.

Wer arm ist, will mehr Kinder, weil er sie als Reichtum für die Familie betrachtet. Die Menschen in ländlichen, bäuerlich geprägten Regionen Afrikas sehen viele Kinder als Vorsorge für das Alter. Aber ungebremste Geburtenzahlen führen auch dort zu noch mehr Verelendung. Denn die wachsende Bevölkerung braucht nicht nur Nahrung und Wasser für das nackte Überleben, sondern auch die Chance auf Arbeit und Einkommen. Auch das Bildungs- und Gesundheitssystem kann mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung nicht fertig werden.

Ein Beispiel, was getan werden kann

Ich werde häufig nach verlässlichen Initiativen zur Familienplanung gefragt, die seit Jahren überprüfbar arbeiten und die Menschen wirklich weiterbringen. Hier ein Beispiel, das genau in diese Kategorie passt.

Zur Eindämmung der Mütter- und Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern entwickelte die Wiener Gynäkologin Dr. Maria Hengstberger eine Geburtenkontrollkette. Sie besteht aus 30 tropfenförmigen Perlen mit verschiedenen Farben. Die Farben symbolisieren: Rot Menstruation, Gelb Unfruchtbarkeit – wie Sand und Wüste, Blau Fruchtbarkeit – wie Regen oder ein blauer See. Jede einzelne Perle stellt einen Tag im Menstruationszyklus der Frau dar. Wie bei einem Kalender verrät die Perlenfarbe, ob gerade ein Tag ist, an dem die Frau schwanger werden kann.

So kann Selbstbestimmung gefördert werden. Darüber hinaus lernt die Frau so auch besser ihren Zyklus kennen. Daneben hat sie eine Mutterschutzuhr, eine Drehscheibe aus Papier, entwickelt, die daran erinnern soll, dass aus gesundheitlichen Gründen zwischen der Geburt eines Kindes und der Empfängnis eines weiteren Kindes ein Abstand von mindestens 18 Monaten eingehalten werden sollte. Nach einer Evaluierung der Tauglichkeit durch die Georgetown University in Washington ließen sich andere die Kette patentieren.

1989 gründete Hengstberger mit anderen engagierten Frauen die „Aktion Regen“ mit dem Ziel der Aufklärung über die Notwendigkeit von Familienplanung. Das Wort „Regen“ symbolisiert die dauerhafte Unterstützung durch verständliche Wissensvermittlung. Gemäß dem Leitspruch „Wasser an die Wurzeln“ gibt dieses Wissen den Menschen die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Seit 30 Jahren vermittelt der Verein Wissen über Familienplanung, sexuelle und reproduktive Gesundheit, HIV/Aids-Prävention und weibliche Genitalverstümmelung. In dieser Zeit wurden 600 „Rain-Worker“ in zwölf west- und ostafrikanischen Ländern ausgebildet und mit ihnen 500.000 Menschen im Senegal, in Guinea, Burkina Faso, Ghana, Nigeria, Äthiopien, dem Sudan, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania aufgeklärt. In ihrer Ausbildung lernen sie – meist Menschen, die vor Ort bereits im sozialen, pädagogischen und medizinischen Bereich tätig sind – das Wichtigste über Familienplanung und sexuelle und reproduktive Gesundheit. So stelle ich mir echte Hilfe zur Selbsthilfe vor.

Aktion Regen

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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