21. Oktober 2019

Michail Bakunin, Teil 7 (Schluss) Die Idee der vollständigen Freiheit

Bakunin gegen Kommunismus

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Sozialist ohne Hang zur Reglementierung: Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865)

„Seit das Christentum nicht mehr das zusammenhaltende und belebende Band der europäischen Staaten ist – was verbindet sie noch? Was hält noch in ihnen die Weihe der Eintracht und Liebe aufrecht, die durch das Christentum über sie ausgesprochen war? Der Heilige Geist der Freiheit und der Gleichheit, der Geist der reinen Menschlichkeit, der durch die Französische Revolution unter Blitz und Donner der Menschheit geoffenbart und durch die stürmischen Revolutionskriege als Same eines neuen Lebens überall verbreitet wurde. Dieser Geist ist es, aus dem der Kommunismus entstand; dieser Geist verbindet jetzt auf eine unsichtbare Weise alle Völker ohne Unterschied der Nationen; diesem Geiste, diesem erhabenen Sohne des Christentums widerstreben jetzt die sogenannten christlichen Regierungen und alle monarchischen Fürsten und Gewalthaber, weil sie wohl wissen, dass ihr selbstsüchtiges Treiben nicht imstande sein wird, seinen flammenden Blick zu ertragen.“

Bei diesen Sätzen handelt es sich um eine in der Zeitschrift „Der Schweizerische Republikaner“ 1843 von Bakunin anonym veröffentlichte Artikelserie unter der Überschrift „Der Kommunismus“. Die Überlieferung erfolgt über die legendäre handgeschriebene Bakunin-Biographie Max Nettlaus (drei Bände 1896-1900), von der der Autor 50 Kopien erstellte, die er interessierten Personen und Bibliotheken zur Verfügung stellte. Sie ist bis heute niemals gedruckt worden und bildet trotzdem die wichtigste Quelle des Wissens über Bakunin. Genau diese Artikelserie führt ein geisterhaftes Leben – so auch bei Hugo Ball (siehe Teil 4 dieser Serie), um zu zeigen, dass Bakunin sehr wohl einem (marxistischen) Kommunismus im „Ziel“ zugestimmt habe. Dass es hier um einen ganz anderen als den Marxschen Kommunismus geht (der war ja 1843 noch gar nicht vorhanden), sondern um den von Wilhelm Weitling (1808 -1871), bleibt meist unbeachtet; vor allem, dass Bakunin zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht daran denkt, Anarchist zu sein. Lügenpresse gewinnt.

Wilhelm Weitling war ein christlicher Handwerksbursche, der eine etwas naive und durchaus autoritäre Zukunftsvision eines Kommunismus entwarf, die über Strecken an die chinesischen Großkommunen der Kulturrevolution aus den 1960er Jahren erinnert. Regiert werden sollte das „ideale“ Gemeinwesen von einem philosophisch-naturwissenschaftlichen Dreierkollegium (es bleibt unklar, wie das Dreierkollegium ins Amt gelangt). Weitling scharte einige Anhänger um sich und machte unter anderen Friedrich Engels und Karl Marx mit kommunistischen Ideen bekannt. Es ist gut möglich, dass Engels und Marx im „Kommunistischen Manifest“ Weitling und seine Anhänger meinten, als sie vom in Europa umgehenden „Gespenst“ des Kommunismus sprachen.

Was sagt nun Bakunin als Anarchist zum Kommunismus? In einem Brief an französische Revolutionäre schreibt er zum Beispiel 1870: „Die Bauern betrachten die Arbeiter der Städte als Kommunisten und fürchten, dass die Sozialisten ihren Boden, den sie über alles lieben, konfiszieren.“

Um zu dokumentieren, wie anders Bakunin die Geschichte des Sozialismus rekonstruiert als Hugo Ball, zitiere ich aus der kleinen Schrift „Der Sozialismus“ von 1867 einen etwas längeren Abschnitt, weil nämlich Hugo Ball diesen Abschnitt ebenso wie das Zitat aus der voranarchistischen Zeit Bakunins in einer verstümmelten Version benutzt, um Bakunins Sozialismus-Kommunismus zu belegen: „Die Französische Revolution, die das Recht und die Pflicht jedes menschlichen Wesens, Mensch zu werden, proklamierte“, führte, wie Bakunin analysiert, in ihren letzten Konsequenzen zum Putschismus. Er nennt einen dieser Putschisten aus der Zeit nach der Französischen Revolution „einen der letzten energischen und reinen Bürger, wie sie die Revolution in so großer Zahl geschaffen und dann getötet hatte“. Er habe „in einer eigentümlichen Auffassung die politischen Traditionen des antiken Vaterlands mit den ganz modernen Ideen einer sozialen Revolution verbunden. Er sah die Revolution aus Mangel einer sehr radikalen und damals wahrscheinlich unmöglichen Veränderung der ökonomischen Organisation der Gesellschaft zugrunde gehen.“

Wenn wir nur bis hierhin lesen, scheint es klar zu sein, dass Bakunin eine Art „permanente Revolution“ mit sozialistischem Ziel gutheißen würde. Doch der Satz ist noch nicht zu Ende: Der genannte Putschist, schreibt Bakunin weiter, sei „dem Geist der Revolution treu“ geblieben, dem Geist, „der schließlich die allmächtige Staatsaktion an die Stelle jeder individuellen Initiative gesetzt hatte“. Bei Ball steht hier, vermutlich als Tippfehler, „die allmählige Staatsaktion“, was die Brisanz der Stelle verdunkelt. Dass dieser Fehler auch in den „Sämtlichen Werken“ von Hugo Ball (2011) stehengeblieben ist, liegt vermutlich daran, dass der Herausgeber kein Anarchist ist.

Die „allmächtige Staatsaktion“ besteht Bakunin zufolge darin, dass „die Republik nach Konfiskation alles individuellen Besitzes diese Güter im Interesse aller verwalten sollte, jedem in gleichem Maße Erziehung, Unterricht, Existenzmittel, Vergnügungen zuteilwerden lassend und alle ohne Ausnahme nach Ausmaß der Kräfte und Fähigkeiten eines jeden zu Muskel- und Kopfarbeit zwingend“.

Man kann Bakunin als Anarchisten nur verstehen, wenn man genau liest, dass er diese Vision, der er einst selber gefolgt war, nun nicht mehr für erstrebenswert hält. „Eine andere sozialistische Strömung, derselben Quelle“ wie der Putschismus „entspringend, demselben Ziel zulaufend, aber mit absolut verschiedenen Mitteln, möchten wir den doktrinären Sozialismus nennen“. Auch die Vertreter dieser Richtung belegt Bakunin zunächst mit Adjektiven der Hochachtung, um sie erst dann zu kritisieren: „Im Allgemeinen war die Reglementierung die gemeinsame Leidenschaft aller Sozialisten von 1848, mit Ausnahme eines einzigen. Sie hatten alle die Leidenschaft, die Zukunft zu belehren und zu organisieren, alle waren mehr oder weniger Autoritäre.“

Die einzige Ausnahme war, laut Bakunin, Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), derjenige, der den Begriff „Anarchismus“ für die Bewegung gegen staatliche Gewalt geprägt hatte: „Sohn eines Bauern und in Tat und Instinkt hundertmal revolutionärer als all diese doktrinären und bourgeoisen Sozialisten, bewaffnete er sich mit ebenso tiefer und eindringender als unerbittlicher Kritik, um all ihre Systeme zu zerstören. Er stelle diesen Staatssozialisten gegenüber die Freiheit der Autorität entgegen und proklamierte sich kühn als Anarchist. Sein eigener Sozialismus, begründet auf der individuellen und kollektiven Freiheit und der spontanen Tätigkeit der freien Assoziation, keinen anderen Gesetzen gehorchend als den allgemeinen Gesetzen der sozialen Ökonomie, die die Wissenschaft entdeckt hat oder noch entdecken wird, außerhalb jeder Reglementierung durch eine Regierung und jeder Protektion des Staates, die Politik den ökonomischen, geistigen und moralischen Interessen der Gesellschaft unterordnend – dieser Sozialismus musste später mit notwendiger Folgerichtigkeit in den Föderalismus enden. Wir beeilen uns, hinzuzufügen, dass wir energisch jeden Versuch einer sozialen Organisation zurückweisen, der der vollständigen Freiheit von Personen und Assoziationen fremd wäre und die Einrichtung einer reglementmäßigen Autorität welcher Art immer erfordern würde, und dass wir im Namen der von uns als einzige Grundlage und legitime Schöpferin jeder ökonomischen und politischen Organisation anerkannten Freiheit immer gegen alles protestieren werden, was in irgendeinem Grade dem Kommunismus und dem Staatssozialismus gleichen würde.“ Der von Hugo Ball so geschätzte christliche Kommunist Weitling kommt bei Bakunin nicht mehr vor, aber zweifellos gehört er in diese Linie: der Sozialisten (Kommunisten) mit der Leidenschaft der Reglementierung.

Das Zitat macht deutlich, dass Bakunin jede auf den Staat fixierte Konstruktion des autoritären Sozialismus und des Kommunismus konsequent ablehnte – auch jene, die Ball so wortgewaltig gegen den Marxismus in Stellung bringt. Bakunin ordnete Marx hier ein, er hofierte nicht jeden, der gegen Marx war, nur weil er gegen Marx war: Es ging ihm ums Prinzip.


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