21. Oktober 2019

Literaturnobelpreis 2019 für Peter Handke Bigotte Moralmäuler

Eigentor geht vor... Geschichtsbildung

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: "Wild + Team Agentur - UNI Salzburg" (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons Erhält den Literaturnobelpreis 2019: Peter Handke

Oh mein Gott (der ideologischen Borniertheit sowie Geschichtsvergessenheit und abstoßenden Doppelmoral): Ausgerechnet der „Völkermord-Relativierer“ Peter Handke bekommt den Literaturnobelpreis! Skandal! Es hagelt heftige Kritik!

Vor allem von Leuten, die sich das gar nicht erlauben dürfen. Schon gar nicht in dieser Lautstärke. Nämlich wegen ihrer Heuchelei, ihrer ständigen Geschichtsklitterungen, ihrer von (auf Seiten der Klage führenden Journocchios) Kopf bis Fuß transatlantoholisierten Führertreue und ihres Kadavergehorsams, ihrer Nato-Weltgenesungsbesoffenheit, oder wie der leider zu früh verstorbene Peter Scholl-Latour sagen würde: Die „Tugendbolde“ wüten wieder. Ausgerechnet sie. Um sich damit auch gleich ein Eigentor zu schießen.

So moserte der auf dem linken Auge offenbar blinde Philosoph Slavoj Žižek: „Ein Apologet von Kriegsverbrechen bekommt den Nobelpreis, während das Land einen wesentlichen Beitrag zum Charaktermord des wahren Helden unserer Zeit, Julian Assange, geleistet hat. Unsere Reaktion sollte sein: Nicht den Literaturnobelpreis für Handke, sondern den Friedensnobelpreis für Assange.“

Erstens: Das macht überhaupt nichts, schließlich haben zwei der größten Kriegsverbrecher der Geschichte, Barack Obama und Henry Kissinger, ebenfalls den „Friedens“-Nobelpreis bekommen. Da dieser von derselben Stiftung vergeben wird wie der für Literatur, kann man dem Nobelkomitee zumindest eine gewisse Stringenz in seinen Entscheidungen nicht absprechen. Womit ich Handke keinesfalls auf eine Stufe mit einem Kissinger gestellt haben wollte, der laut einem Artikel der „New York Times“ in einem Gespräch mit Präsident Richard Nixon einmal dabei ertappt wurde, zu sagen: „Selbst wenn sie Juden in der UdSSR in Gaskammern stecken, ist das keine amerikanische Sorge. Vielleicht eine humanitäre.“ („Decades Later, Kissinger‘s Words Stir Fresh Outrage Among Jews“, „New York Times“, 16.12.2010). Und dessen Afrikapolitik Millionen Hungertote verursacht hat (siehe dazu auch sein „NSSM 200“, „National Security Studies Memorandum 200“, es lässt sich leicht „ergoogeln“).

Oder mit einem Obama, in dessen Amtszeit die mutwillige Zerstörung Libyens fiel; es handelte sich um einen Angriffskrieg, obendrein unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (ebenso wie in Jugoslawien) – mit allen bekannten, in humanitärer Hinsicht desaströsen Folgen bis heute, die überdies noch andauern. Es sei noch mal wiederholt: Wenn solche in psychologischer Hinsicht gewiss reizvollen Studiensubjekte mit einem Friedenspreis „geehrt“ werden – warum dann nicht auch die „‚Emma‘-Medaille“ für Jack the Ripper ausloben? War ja nur‘n Vorschlag.

Also, was soll nun die Aufregung über Handke? Dass man ihn wegen seiner Ansichten zu einem Milošević nicht nur kritisieren kann, sondern muss, versteht sich eigentlich von selbst. Nur stellt sich eben die Frage, warum es den moralischen Maulaufreißern bloß so schwerfällt, endlich mal die Tatsache anzuerkennen, dass nicht nur im Jugoslawienkrieg, sondern eigentlich in jedem Krieg so viel gelogen wird, dass selbst sämtliche Wälder der Welt nicht genug Bretter zum Durchbiegen liefern könnten. Die offiziellen Propagandalügen zum Nato-Krieg in Jugoslawien wurden ja längst aufgedeckt, weshalb es nicht den geringsten Sinn ergibt, sie heute immer noch verschweigen zu wollen – genau das aber geschieht nach wie vor. Vor diesem in gewohnter Manier geschichtsklitternden massenmedialen Hintergrund, vor dieser Nato-Märchenkulisse wird Handke nun angefeindet.

Und Žižek? Hübsch vorsichtig, Herr Philosoph: Gefragt, was denn den „Kapitalismus der Gegenwart“ beerben könne, antwortete er (zitiert nach dem Artikel „Wildes Denken“, erschienen in der „Zeit“ am 1. Dezember 2011): „Natürlich der Kommunismus, wenn auch ein anderer als der des ausgehenden 20. Jahrhunderts“. Im Artikel heißt es weiter: „Žižek spricht zu seinem großen Thema: Ideologiekritik der Gegenwart aus marxistischer Perspektive. Die Frage lautet: Wie lässt sich das kommunistische Projekt nach den Katastrophen im 20. Jahrhundert weiterführen?“

Ich werde darauf zweierlei antworten. Zunächst lasse ich den amerikanischen Libertären Stefan Molyneux sprechen, der solche gefährliche, ja eigentlich schon menschenverachtende Geschichtsvergessenheit zielsicher zerlegte: „Pro-kommunistisch zu sein, ist ganz einfach ein Test auf Soziopathie. Wenn jemand hört, dass über 100 Millionen abgeschlachtet wurden und erwidert: ‚Ja, aber...‘ – Bumm. Totaler Soziopath.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Höchstens noch die überaus ironische historische Wendung, dass Žižeks geliebte, massenmörderische Ideologie – wie man beim Historiker Antony Cyril Sutton faktenreich nachlesen kann („Wall Street und die Bolschewistische Revolution“, „The Best Enemy Money Can Buy“ sowie „Amerikas geheimes Establishment“) – von eben jenen „Superkapitalisten“ gefördert, finanziert und in Form des weltgrößten Freilicht-Gulags namens UdSSR über Jahrzehnte künstlich am Leben erhalten wurde, gegen die ein Žižek so wortgewaltig wettert. Eigentlich putzig, wäre es angesichts der Opfer dieser totalitären und menschenfeindlichen, „an sich gut gemeinten“ politischen Massenvernichtungswaffe nicht so traurig. Recherchiert man weiter – aber bitte gründlich, wie es sich für „Intellektuelle“ ohnehin gehören sollte! –‍, wird man angesichts der hohen Affinität zu Eugenik und Euthanasie, die in diesen machtelitären Kreisen nachweislich vertreten wurde und auch heute noch wird (siehe aktuell zum Beispiel den von eben diesen Eliten geförderten, misanthropischen Todeskult namens „Extinction Rebellion“), umso leichter verstehen, warum sie diesbezüglich nie zimperlich waren und in ihren Schriften auch keinen Hehl daraus machten, die Menschheit drastisch reduzieren zu wollen. So viel Faktentreue darf ich einem Intellektuellen wie Žižek doch sicher zumuten?

Und wem das noch nicht reicht: Žižek schrieb übrigens auch, die Nazis seien in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus nicht konsequent genug, Hitler nicht radikal genug gewesen (in seinem Buch „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs“, 2011). Was mich an Molyneux zurückdenken lässt. Bumm.

Dass nun ein Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Unsicherheitskonferenz, der so tief im institutionellen Netzwerk der Kriegsfanatiker und ‑trommler für den weltrevolutionären „Neuordnungs“-Endsieg steckt, dass selbst ein König Artus ihn nicht mehr hinausziehen könnte (Excalibur wäre dagegen eine Fingerübung für muskelatrophierte Pygmäen), dürfte obligatorisch sein.

Ischinger („Peter Handke als Literaturnobelpreisträger unzumutbar?“, „Tagesspiegel“, 11.10.2019): „Ischinger zweifelte in einem Tweet das Lob von Maas an und ergänzte: ‚Deutschland hat (unter SPD-Kanzler Schröder) gegen den von Handke geehrten Milošević 1999 Krieg geführt, mit sehr guter humanitärer Begründung. Und jetzt ehren wir den Apologeten des Diktators mir nichts, dir nichts?‘“

Warum sollte das ein Problem sein? Haben die von Ischinger mit sehr schlechter Begründung – ja eigentlich gar keiner, zumindest keiner nachvollziehbaren, die auf validen Argumenten stünde – verteidigten unleugbar Guten doch schon so manchen brutalen Diktator mir nichts, dir nichts protegiert oder gleich per geheimdienstlich organisiertem Putsch an die Macht gewuppt (siehe zum Beispiel Saddam Hussein), solange es ihren geostrategischen oder ökonomischen Interessen diente. Also? Haben sie doch die nutzidiotischen Außendienstler von al-Qaida zum Destabilisieren und Kriegsreifschießen anderer Länder finanziert und bewaffnet, ebenso ISIS beziehungsweise den IS – und nun?

Also, spart‘s euch. Verschont mich bitte mit eurer Doppelmoral, euren Geschichtslügen, eurer verlogenen Empörung, eurer Einäugigkeit, euren endlosen, bereits widerlegten Geschichtsklitterungen (gerade auch mit Blick auf den Jugoslawienkrieg), eurem Pudelgebell. Fasst euch gefälligst erst mal an die eigene Nase, bevor ihr euch ethisch ereifert.


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