18. Oktober 2019

Inflationsziel der Europäischen Zentralbank Was die EZB soll und was sie nicht soll

Sie ist auf Geldwertstabilität verpflichtet, nicht auf Preisstabilität

von Klaus Peter Krause

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Sollte eine Inflation von null anstreben: Europäische Zentralbank

Eine Zentralbank soll dafür sorgen, dass der Geldwert stabil bleibt. Das ist auch die Aufgabe der Europäischen Zentralbank (EZB). Die politische Verführung, von dieser Aufgabe abzuweichen, ist groß. Denn um die Wirtschaft mit Geld zu versorgen, verfügen Zentralbanken als staatliche Einrichtungen heutzutage über das Monopol. Damit bestimmen und wachen sie über die Geldmenge, die eine Volkswirtschaft am Laufen hält. Doch dieses Recht enthält für sie auch eine Verpflichtung: Die Geldmenge muss abgestimmt sein auf die verfügbare Gütermenge, also auf die Menge an Waren und Dienstleistungen, die als Angebot zum Verkaufen und für die Nachfrage zum Kaufen bereitsteht. Aber mit dieser Verpflichtung ist es bei der EZB schon lange nicht mehr weit her.

Die Geldmenge lässt sich heutzutage beliebig ausweiten

Die Geldmenge ist heute nicht mehr wie einst an ein knappes Gut wie Gold oder Silber gebunden, ihre Ausweitung über eine dadurch natürliche Begrenzung hinaus also möglich. Unbegrenzt könnte die Zentralbank Papier bedrucken lassen und als Geldscheine (Banknoten) über die Geschäftsbanken im Land kreisen lassen. Unbegrenzt könnte sie Geld vor allem dadurch entstehen lassen, dass sie über die Geschäftsbanken Kredite vergibt. Jede Kreditvergabe einer Bank ist ein Geldschöpfungsakt. Sie verschafft Kaufkraft, erzeugt Nachfrage und führt zum Kauf von Gütern.

Ist die Geldmenge übergroß, die Gütermenge aber relativ knapp, steigt das Preisniveau

Täte die Zentralbank das wirklich, würde sie also die Volkswirtschaft mit Geld überschütten, ginge es nicht gut aus. Die überdimensionierte Geldmenge würde gleichsam losgelassen auf eine vergleichsweise knappe Gütermenge, weil diese sich nicht so leicht und so schnell vermehren lässt wie heutzutage die Geldmenge. Dann passiert, was auf der Hand liegt: Wer in Geld schwimmt, dem kommt es auf den Preis für das, was er begehrt, nicht so an. Schwimmen alle Nachfrager in Geld, werden die Anbieter die Lage für sich ausnutzen und an jene verkaufen, die bereit sind, mehr zu bezahlen als andere. Die unausweichliche Folge: Im kaufkraftstarken Nachfragewettbewerb um das relativ knappe Güterangebot steigt tendenziell das Preisniveau. Der Geldwert sinkt. Geldwertstabilität ist das nicht. Weil der Anstieg herrührt von der aufgeblasenen Geldmenge über das ökonomisch angemessene Maß hinaus, nennt man das „Inflation“ („inflare“, aufblasen).

Die EZB ist auf Geldwertstabilität verpflichtet, nicht auf Preisstabilität

Zwischen Geldwertstabilität und Preisstabilität sollte man unterscheiden; beides gerät oft durcheinander und wird gern synonym verwendet. Im Prinzip gilt: Der Geldwert ist stabil, wenn Geldmenge und Gütermenge im (ökonomisch angemessenen) Gleichgewicht sind, und Preisstabilität besteht, wenn Nachfrage und Angebot bei der Gütermenge im Gleichgewicht sind. Das ist ein theoretischer Idealzustand, ihn aber in der geldpolitischen und wirtschaftlichen Praxis hinzukriegen, ist schwer. Die EZB ist auf Geldwertstabilität verpflichtet, nicht auf Preisstabilität. Geldwertstabilität heißt Inflationsrate von null.

Preise für Waren und Dienstleistungen müssen je nach Marktlage steigen dürfen

Aber Nullinflation bedeutet nicht zugleich Preisstabilität. Preise für Waren und Dienstleistungen müssen je nach Marktlage frei fallen und frei steigen dürfen: fallen bei Überangebot und zu schwacher Nachfrage, steigen bei Unterangebot und zu starker Nachfrage. Folglich sind auch die Begriffe „Inflationsrate“ und „Teuerungsrate“ auseinanderzuhalten, was aber in der Praxis schwer ist und daher nicht durchweg geschieht. Wenn zum Beispiel der Ölpreis steigt und mit ihm die Folgepreise wie die für Benzin, weil eine Ölförderanlage zerstört wurde, dann steigt er nicht, weil die Geldmenge gestiegen ist, also nicht inflationsbedingt, dann steigt er, weil sich (bei unveränderter Nachfrage) das Angebot verringert hat, also lagebedingt auf einem Gütermarkt.

Die EZB strebt eine schleichende Geldentwertung ausdrücklich an

Solche lagebedingten Preissteigerungen zu verhindern oder zu dämpfen, sind kein Fall für die EZB; das regeln die Gütermärkte, wenn sie frei genug sind, durch Wettbewerb selbst – es sei denn, der Staat glaubt intervenieren zu müssen, aus welchen Gründen auch immer. Zuständig ist die EZB nur für die Geldwertstabilität, also für die Inflationsrate. Doch die will die EZB gar nicht auf null bringen. Sie steuert eine Inflationsrate geradezu an. Ihr Ziel auf mittelfristige Sicht lautet „unter, aber nahe bei zwei Prozent“. Sie strebt also auf eine schleichende Geldentwertung sogar zu, gesteuert mit einer Geldmenge, die stärker erhöht wird, als die Wirtschaftsleistung, das Bruttosozialprodukt, zunimmt. Der wesentliche Beweggrund dafür ist die Angst vor einer Deflation, also davor, dass das Preisniveau wegen gezügelter Geldversorgung sinkt.

Sechs einstige „Zentralbanker“ wenden sich gegen ein Inflationsziel der EZB

Eine andere Angst der EZB (und der politischen Führungen in der EU und ihren Mitgliedsländern) ist die vor dem Kollaps von hochverschuldeten Banken und Euro-Staaten und damit die Angst vor einem Zusammenbruch der Einheitswährung Euro. Um die Verschuldeten vor Zahlungsunfähigkeit und Bankrott zu bewahren, hat sie die EZB über Jahre hin mit neuem Kreditgeld versorgt und dafür massenweise ihre Schuldpapiere in Zahlung genommen. Diese Liquiditätsflut hat die Geldmenge in die Höhe getrieben. Gerade hat der neue ös­ter­rei­chi­sche No­ten­bank­chef Ro­bert Holzmann die ul­tra­lo­cke­re Geld­po­li­tik der EZB scharf kri­ti­siert; die EZB-Stra­te­gie sei falsch und müs­se ge­än­dert wer­den. Er hoffe auf ei­nen bal­di­gen Kurs­wech­sel. Zuvor schon, am 4. Ok­to­ber, haben auch sechs ehe­ma­li­ge „Zen­tral­ban­ker“ die ex­pan­si­ve EZB-Geld­po­li­tik kri­ti­sier­t. Ein Inflationsziel zu verfolgen, entspreche nicht dem der EZB er­teil­ten Auf­trag. Sie bemängelten ferner, die Null- und Ne­ga­tiv­zin­spolitik entfalte kon­tra­pro­duk­ti­ve Wir­kun­gen und die Geld­po­li­tik habe die Gren­ze zur monetären Staats­fi­nan­zie­rung über­schrit­ten.

Das Inflationsziel der EZB ist „eine ungesetzliche, schleichende Enteignung“

Thomas Mayer, Honorarpro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Wit­ten/Her­de­cke und einstiger Chefvolkswirt der Deutschen Bank, als es ihr noch gutging, nennt die ge­ziel­te Verringe­rung der Kauf­kraft des Gel­des, wie sie die EZB für Kon­sum­gü­ter an­strebe, „ei­ne un­ge­setz­li­che, schlei­chen­de Ent­eig­nung der Be­sit­zer von Geld­ver­mö­gen“. Verfolge die Zen­tral­bank um je­den Preis ein Ziel für die In­fla­ti­on der Konsumentenprei­se, ob­wohl sie die­se kaum steu­ern könne, er­zeuge sie enor­me Verwer­fun­gen in Wirt­schaft und Ge­sell­schaft. Von stei­gen­den Ver­mö­gen­s­prei­sen pro­fi­tie­ren würden die Be­sit­zer von Re­al­ver­mö­gen, leer ausgehen dagegen würden die Be­sit­zer von Geld­ver­mö­gen. Die Al­ten ge­wön­nen auf Kos­ten der Jun­gen, Verschul­dung werde ent­grenzt, und Fir­men, die un­ter an­de­ren Um­stän­den nicht über­le­ben könn­ten, blie­ben als „Zom­bies“ am Markt. Pro­duk­ti­vi­täts­wachs­tum und die Er­trags­ra­te für Ka­pi­tal würden sin­ken, Preis­bla­sen für Ver­mö­gens­wer­te die finanzielle und wirt­schaft­li­che Fra­gi­li­tät er­hö­hen.

Euro-Kaufkraftverlust in Deutschland seit 2010 über elf Prozent

Obwohl die EZB die Euro-Geldmenge hochgetrieben hat, fühlt sich der Normalbürger von einer Inflation (Aufblähung des Preisniveaus) nicht gebeutelt. Derzeit liest er von einer (Jahres‑) Inflationsrate in Deutschland, die auf unter ein Prozent gefallen sei. Korrekt muss das „Verbraucherpreisindex“ (Basisjahr 2010 entspricht 100) heißen. Dieser geringe Wert sieht weitgehend nach Stabilität aus. Doch über die Jahre hin summiert sich das. Von 2010 bis 2018 ist der deutsche Verbraucherpreisindex um 11,4 Prozent gestiegen. Für Deutsche in Deutschland hat der Euro also über elf Prozent an Kaufkraft verloren.

Wo sich die EZB-Geldschwemme schon auswirkt

Gleichwohl, ein jährlicher durchschnittlicher Preisanstieg zwischen einem und zwei Prozent wirkt angesichts der von der EZB ausgelösten Geldmengenflut für den Normalbürger nicht gerade alarmierend, und schleichende Geldentwertung nimmt er, weil schon lange gewohnt, schicksalsergeben hin. Hat also diese Flut mit ihrem Inflationspotential denn auf die Güterpreise überhaupt keine Auswirkungen? Sie hat durchaus, nämlich auf solchen Märkten, wo die Geldschwemme zuerst ankommt: auf den Märkten für Vermögensgüter, vor allem denen für Immobilien, Unternehmensbeteiligungen und Edelmetalle. Vermögensgüter sind im Verbraucherpreisindex entweder gar nicht berücksichtigt oder untergewichtet. Stark gestiegen sind in Deutschland besonders die Immobilienpreise. Sie sind in den letzten Jah­ren stär­ker ge­stie­gen als das all­ge­mei­ne Preis­ni­veau. Fast täglich warnen Fachleute vor einer Überhitzung, war in der „FAZ“ vom 2. Oktober zu lesen („Die große Angst vor der Immobilienblase“). Einen Zusammenhang zur EZB-Geldschwemme stellt der „FAZ“-Bericht allerdings nicht her.

Hans-Werner Sinn: „Der Maastrichter Vertrag verlangt Preisstabilität. Das heißt null Prozent Inflation.“

Bis das zu viele Geld der EZB auch auf den Märkten für die Güter des täglichen Bedarfs preissteigernd wirkt und sich im Verbraucherpreisindex niederschlägt, vergeht weit mehr Zeit als auf den Vermögensgütermärkten mit ihren Akteuren, für die das EZB-Geld zuerst verfügbar ist. Ein überreiches Konsumgüterangebot bei unbeschränktem Wettbewerb kann die zeitliche Verzögerung noch verlängern. Auch spielt eine Rolle, welche Güter im statistischen Warenkorb erfasst und wie sie in ihm gewichtet sind. Der EZB passt diese Verzögerung nicht. Sie will die Inflationsrate/Teuerungsrate in der Euro-Zone nahe bei zwei Prozent sehen. Daher hat sie den Kauf von Anleihen wieder aufgenommen, unbefristet, bis das Ziel erreicht sei („FAZ“ vom 17. Oktober). Das ist nicht ihre Aufgabe. Es gibt prominente Ökonomen, die das ebenso sehen. Zu ihnen gehörte Hans-Werner Sinn, als er noch Ifo-Präsident war (2015): „Der Maastrichter Vertrag verlangt Preisstabilität. Das heißt null Prozent Inflation.“ Die EZB habe eigenmächtig ihr Mandat verändert. Was zu beweisen war.

„Frankfurter Allgemeine“: „Die große Angst vor der Immobilienblase“

„Frankfurter Allgemeine“: „Gehen der EZB die Bundesanleihen aus?“

„Frankfurter Allgemeine“: „Ist das 2-Prozent-Inflationsziel der EZB noch zeitgemäß?“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Euro

Mehr von Klaus Peter Krause

Über Klaus Peter Krause

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige