11. Oktober 2019

Michail Bakunin, Teil 6 Der Staat konfisziert alle Freiheit

Bakunin in Italien

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Setzte den Staat an die Stelle Gottes: Giuseppe Mazzini (1805-1872)

Von Deutschland wird manchmal als „verspäteter Nation“ gesprochen, weil die deutsche nationalstaatliche Einheit vergleichsweise spät errungen wurde – 1871 mit der Gründung des „Deutschen Kaiserreichs“ unter preußischer Führung („kleindeutsche Lösung“). Meist wird dabei vergessen, dass die italienische Einheit ebenfalls erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hergestellt wurde – mit dem „Risorgimento“ 1815 bis 1870. Vom Standpunkt der Freiheit aus betrachtet sind beide Vorgänge – Gründung des Deutschen Kaiserreichs und Risorgimento in Italien – nicht positiv zu bewerten, und die Verdammung der vorherigen „Kleinstaaterei“ wäre als Ideologie zur Rechtfertigung der Ausweitung von Staatsgewalt zu kennzeichnen. Auch weltgeschichtlich wirkten sich diese Gründungen von Nationalstaaten verhängnisvoll aus, wenn man bedenkt, dass beide Nationen zu Zentren des Faschismus wurden. Wie in Deutschland verband sich auch in Italien die revolutionäre Bewegung zur Schaffung der nationalstaatlichen Einheit mit der Hoffnung auf die Errichtung einer Demokratie. Und wie in Deutschland gelang dann die Einheit unter monarchischem Vorzeichen.

1848 war Bakunin in Deutschland und nicht in Italien aktiv. Hugo Ball weist in seiner „Kritik der deutschen Intelligenz“ (1919) als Armutszeugnis für Deutschland darauf hin, dass die Führer der deutschen Revolution Russen und Polen, eben nicht Deutsche gewesen seien. Zu dem Zeitpunkt war Bakunin der Auffassung, dass Bewegung und Revolution, egal mit welchen Zielen, irgendwie etwas Positives gegenüber dem Status quo bedeuten würden: Die Lust an der Zerstörung sei eine schaffende Lust, schrieb er 1842 (und bis heute wird dies als anarchistisches Diktum zitiert, obgleich Bakunin zu dem Zeitpunkt kein Anarchist war und später seine unbedachte Hau-drauf-Revolutionsromantik relativiert hat). Dies war die linkshegelianische Auslegung von Hegels Fortschrittsoptimismus: Die Geschichte gehe manche verschlungenen Wege, aber immer der Verwirklichung der sittlichen Idee entgegen. Nach Bakunins Verhaftung 1849 und seinen langen Jahren in deutschen, österreichischen und russischen Kerkern und nach der sibirischen Verbannung kehrte Bakunin zurück und wirkte vor allem in Italien. Inzwischen hatte er umgedacht. Schon vor 1849 lernte er Karl Marx, den Führer der Staatssozialisten, und Pierre-Joseph Proudhon, die Identifikationsfigur der Anarchisten, kennen. Nun wurde Bakunin, vor allem nach Proudhons Tod 1865, zum Kristallisationspunkt anarchistischer Bestrebungen. Dies brachte ihm den Hass von Marx ein, der ihn mit allen unanständigen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, verleumdete und bekämpfte.

Die Veränderung in der Einstellung Bakunins zur Revolutionsfrage ist eher indirekt zu erschließen. Denn nun beginnt er, die beiden revolutionären Führer der italienischen Einigungsbewegung zu kritisieren: Giuseppe Garibaldi (1807-1882) und Giuseppe Mazzini (1805-1872). Garibaldi etwa wirft er vor, eher ein Banditenführer zu sein, weil er „ohne Idee“ vorgehe. Früher hatte Bakunin in jedem noch so unpolitischen Banditenführer die Möglichkeit der Revolte gesehen. Vor allem aber setzte Bakunin sich mit Mazzini auseinander. Proudhon hatte 1862 eine Schrift gegen Mazzini und die italienische Einigungsbewegung verfasst, in der er skizziert, wie ein großer, einheitlicher Nationalstaat „alle Freiheiten konfiszieren“ wird und darum keine Verbesserung, sondern im Gegenteil eine Verschlechterung gegenüber dem Status quo bedeuten würde. An diese Kritik knüpft Bakunin nun an, und eines der wenigen zu seinen Lebzeiten publizierten Bücher von ihm handelt 1871 von der „politischen Theologie Mazzinis“. (Ansonsten hatte Bakunin eher über Reden, Zeitschriftenartikel und Briefe gewirkt als über Buchpublikationen.) Zentraler Punkt seiner Argumentation ist, dass Mazzini, indem er seine religiösen Überzeugungen in seinen politischen Kampf um die Einheit Italiens einfließen lässt, eine politische Theologie schafft und den Staat an die Stelle von Gott setzt. Wie auch Bakunin exakt vorhersagte, dass eine marxistische Revolution sich zu einer katastrophalen Diktatur entwickeln wird (was dann, während des 20. Jahrhunderts, in Russland und anderen Staaten zur blutigen Realität wurde), so sagte er in der Auseinandersetzung mit Mazzini exakt voraus, dass sich der demokratische Staat zu einer säkularen Theokratie entwickeln wird, in der die Staatstätigkeit als der eigentliche Heilsbringer gilt und alle Kritik erlaubt ist, nur die nicht, die heilsbringende Wirkung der Staatsgewalt in Frage zu stellen.

Es ist offensichtlich, dass Bakunin nicht mehr jede Revolte, jeden Aufstand gegen den bestehenden Staat gutheißt und als Möglichkeit sieht, eine bessere Zukunft zu gestalten. Nun kommt es ihm auch auf die Ideen an, die in der Opposition wirken. Wenn diese Ideen sich darauf richten, die Staatsgewalt zu stärken und womöglich auszubauen, ist sie in Wahrheit „Reaktion“, dient dem Staat und den Kräften, die von ihm und seiner Tätigkeit profitieren.


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