09. Oktober 2019

Laut Thomas Kießling und Anna Tillack auf tagesschau.de sind „Politikerinnen besonders oft Ziel von Hass“ Die tägliche ARD-Lüge

Jammerbeitrag ohne Realitätsbezug

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Hass im Internet: Weibliche Bundestagsabgeordnete besonders betroffen?

Die heutige ARD-Lügengeschichte, die vielleicht auch einfach nur ein ARD-Text von intellektuell vollkommen Überforderten ist, in Zitaten: „Politikerinnen besonders oft Ziel von Hass“ – „Anfeindungen gegen Politikerinnen haben extreme Formen angenommen. Einer Umfrage von Report München zufolge wurden fast 90 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten Ziel von Hass.“ – „Eine ‚Report München‘-Umfrage unter allen weiblichen Bundestagsabgeordneten kommt zu schockierenden Ergebnissen: 87 Prozent wurden bereits Ziel von Hass und Bedrohung im Netz, einige gaben an, nahezu täglich damit konfrontiert zu sein. In 57 Prozent der Fälle sind es sexistische Anfeindungen.“ – „Elf Prozent der befragten weiblichen Abgeordneten gaben an, die Beleidigungen und Bedrohungen ließen sie an ihrem Beruf als Politikerin zweifeln.“ – „Für die Umfrage hat ‚Report München‘ alle 221 weiblichen Bundestagsabgeordneten angeschrieben, 77 haben geantwortet. Sie bilden einen Querschnitt der Parteien ab.“

Ein schockierendes Dokument der Dummheit, das Thomas Kießling und Anna Tillack vom Bayerischen Rundfunk da produziert haben. „Politikerinnen besonders oft Ziel von Hass“. Das ist ein Komparativ. „Besonders oft“ macht keinen Sinn, wenn es keine Vergleichsbasis gibt. Wer ist im Gegensatz zu „Politikerinnen“ nicht besonders oft „Ziel von Hass“: ARD-Redakteure, Taxifahrer, Regenwürmer und Regenwürmerinnen?

Die Aussage ist nicht nur unvollständig, sie ist auch falsch, denn um „besonders häufig“ als Aussage rechtfertigen zu können, benötigt man entweder eine Vergleichsgruppe zu „Politikerinnen“ oder man benötigt eine Zeitreihe, in der sich etwas, das normal beginnt, zum Besonderen entwickeln kann. Die beiden vom Bayerischen Rundfunk, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat, haben weder das eine noch das andere. Sie haben ausschließlich weibliche Bundestagsabgeordnete befragt, niemanden sonst. Ergo ist an ihrem Ergebnis nichts besonders, aber alles gelogen.

„Fast 90 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten“ würden „Ziel von Hass“, heißt es im Text. Also nicht „Politikerinnen“ sind das Ziel von Hass, sondern „90 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten“, das ist eine kleine Teilmenge von „Politikerinnen“. Die falsche Behauptung, man habe Daten für Politikerinnen, soll offenkundig aus dem wenigen, das selbst Kießling und Tillack offenbar mickrig vorkommt, mehr machen, mehr, als es ist, gelogen mehr, als es ist.

Damit nicht genug, die „90 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten“, die im nächsten Absatz zu „87 Prozent“ der weiblichen Bundestagsabgeordneten werden, sind nicht „87 Prozent“ der weiblichen Bundestagsabgeordneten. Das ist eine weitere Lüge, denn „Report München“ hat von genau 77 der 221 weiblichen Abgeordneten überhaupt eine Antwort bekommen, und zwar von den 77, die sich besonders gern ausweinen wollen über den Hass, der über sie kommt, dazu gleich.

77 von 221 ergibt 34,8 Prozent. Die Grundlage der Behauptung „Politikerinnen besonders oft Ziel von Hass“ sind somit 77 Hanselinnen, die auf die „Report München“-Anfrage geantwortet haben. Und wer hat geantwortet? Na, die weiblichen Bundestagsabgeordneten, die die Gelegenheit, den Öffentlich-Rechtlichen ein Leid klagen zu können, attraktiv finden.

Das sind gerade einmal 35 Prozent der weiblichen Abgeordneten im Bundestag, die „Report München“ einer Antwort für wert gehalten haben. Von diesen 35 Prozent haben 87 Prozent angeblich berichtet, dass sie Ziel von Hass geworden seien, das macht 30 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten.

Also nicht 87 Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten berichten davon, Ziel von Hass geworden zu sein, sondern 30 Prozent. Und nicht in 57 Prozent der Fälle kommt es zu sexistischen Anfeindungen, sondern in 20 Prozent.

Bei der ARD, beim Bayerischen Rundfunk, bei „Report München“ ist offenkundig jedes Mittel recht, um Falschnachrichten unter die Konsumenten öffentlich-rechtlicher Sender zu bringen. Offenkundig war die Absicht hinter der Aktion von „Report München“, einen Jammerbeitrag zu produzieren, in dem die Leiden der weiblichen Bundestagsabgeordneten, die ja angeblich so häufig Ziel von Hass werden, beklagt werden. Damit bei diesem Vorhaben die Realität eine so geringe Rolle wie nur möglich spielt, wurden männliche Bundestagsabgeordnete gar nicht erst befragt. Am Ende berichten einige unter ihnen, Ziel von Hass zu werden, und was würde dann aus dem Jammerbeitrag, der nur das Leid der weiblichen Bundestagsabgeordneten feiern soll?

Die Lügen, die ich oben aufgedeckt habe, werden somit durch eine absichtlich (oder aus Dummheit) verzerrte Auswahl ergänzt, und das Ganze wird gekrönt durch die übliche Masche, die ich als „der Hass, der aus dem Nichts kam“ beschreibe. Ein Journalist, der mit Bundestagsabgeordneten konfrontiert ist, die ihm sein Leid klagen, damit er darüber berichtet, die behaupten, (ständig) Ziel von Hass zu werden, der fragt sich: Was ist die Ursache? Warum wird gerade dieser Bundestagsabgeordnete Ziel von vermeintlichem Hass? Was hat er getan, um den vermeintlichen Hass auf sich zu ziehen? Welchen Anlass hat er gegeben, der sich nunmehr in vermeintliche Hasskommentare oder Hass-E-Mails übersetzt? Das wäre Journalismus.

Bei der ARD gibt es keinen Journalismus. Dort gibt es Lügen und den Versuch, Jammer-Beiträge zu verbreiten. ARD-Journalisten wollen nicht informieren, sie wollen ihre Leser entweder gegen bestimmte Politiker aufbringen oder um Mitleid für die anbetteln, die ihnen besonders nahe zu stehen scheinen, zu nahe mit großer Wahrscheinlichkeit.

Ach ja. Es sind auch nicht elf Prozent der weiblichen Bundestagsabgeordneten, die an „ihrem Beruf zweifeln“, sondern vier Prozent.

tagesschau.de: „Politikerinnen besonders oft Ziel von Hass“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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