08. Oktober 2019

Michail Bakunin, Teil 5 Der Atheist als leibhafter Lutheraner

Ricarda Huchs Wiedertaufe Bakunins

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Wikimedia Commons Erklärte Bakunin zum Lutheraner: Ricarda Huch (1864-1947)

Hatte Hugo Ball Bakunin zu einem Katholiken gemacht, wie letzte Woche in dieser Bakunin-Serie dargestellt, so geht es diesmal darum, dass Bakunin zu einem selbsternannten Nachfolger Luthers erklärt wird, nämlich durch Ricarda Huch (1864-1947).

In Braunschweig geboren, erwirbt Ricarda Huch in Zürich das Abitur, was für sie als Frau in Deutschland damals nicht möglich war. In Zürich studiert sie dann Philologie und Philosophie. Sie betätigt sich sowohl als literarische Schriftstellerin als auch als Sachbuchautorin. Ihre Einstellung ist national-romantisch und konservativ-christlich. Am Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt sie sich intensiv mit der Bewegung zur nationalen Einigung Italiens, die sie in Romanen und der ersten Darstellung dieser Bewegung überhaupt aufarbeitet. Dies bringt ihr unter anderem die Anerkennung italienischer Faschisten ein, die ihr später in der Zeit des Nationalsozialismus das Leben rettet. 1926 wird sie als erste Frau in die Abteilung für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aufgenommen. 1933 verweigert sie die von der Akademie allen ihren Mitgliedern abverlangte Loyalitätserklärung dem neuen Regime gegenüber und protestiert gegen den Rauswurf des Schriftstellers Alfred Döblin, indem sie austritt. Die ersten Bände ihrer „Deutschen Geschichte“ können zwar erscheinen, werden aber offiziell abgelehnt. Dennoch bleibt sie persönlich unangetastet, weil sie bei dem Verbündeten Italien immer noch in hohem Ansehen steht. Zu ihrem 80. Geburtstag 1944 gratulieren ihr Goebbels und Hitler, aber jede öffentliche Erwähnung wird unterbunden. Zugleich jedoch erhält sie den Volkspreis für deutsche Dichtung zur Stärkung des deutsch-völkischen Schrifttums der Stadt Braunschweig (nach dem Nationalsozialismus Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig). Ihre letzten wenigen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verbringt sie damit, Material zu sammeln und zu gestalten, das den deutschen Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus ein Denkmal setzen soll. Die Fragmente wurden erst 1997 ediert.

1923 hatte Ricarda Huch das Buch „Michael Bakunin und die Anarchie“ veröffentlicht. Es ist ein Sachbuch, das erzählend vorgeht und passagenhaft die Züge eines Romans annimmt. An vielen Stellen spricht sie ihren Helden zärtlich eindeutschend (oder frankophon?) als „Michel“ an. Hermann Hesse, der sich später (vergeblich) um eine Veröffentlichung von Hugo Balls „Bakunin-Brevier“ einsetzte, begrüßte die Bakunin-Biographie von Ricarda Huch: Es sei „ihr geglückt, diesen schönen Stoff zu gestalten. Ihr Buch ist die erste einheitliche und lesbare deutsche Biographie Bakunins.“

Obwohl das Buch in den 1970er Jahren wieder aufgelegt wurde, identifiziert man Ricarda Huch nicht als Anarchistin. Doch der Text belegt ihre Sympathie für die Ideen Bakunins. Die Tatsache von Huchs Sympathie für den Anarchismus ist auch darum ebenso verwunderlich wie bedeutsam, als Bakunin genau für das Gegenteil dessen steht, wofür ihre italienischen Helden standen, die Einheit und Stärke eines Staats. Über die Folgen der hart erkämpften Einheit Italiens schrieb Bakunin 1869, der „Triumph der nationalen Sache“ habe, „anstatt alles neu zu beleben, alles zerstört, nicht nur der materielle Wohlstand, der Geist selbst war erstorben“: „Weniger als fünf Jahre Unabhängigkeit hatten genügt, um die Finanzen zu ruinieren, das ganze Land in eine ökonomische Situation ohne Ausweg zu stürzen, seine Industrie, seinen Handel zu ersticken.“ Schon vier Jahre vorher beobachtete er: „Das unitäre Italien geht aus dem Leim, in allen italienischen Provinzen. Das Defizit, die Furcht vor den neuen Steuerern, der bürokratische Schmutz und die Bedrückungen, die Stockungen in allen Geschäften und Unternehmen haben endlich ihre Wirkung auf die ganze Bevölkerung ausgeübt.“ Und was tun Staaten, wenn sie in Not sind, sich vor der eigenen Bevölkerung zu legitimieren? „Es ist kein anderer Ausweg als der Krieg. Dasselbe scheint auch in Frankreich der Fall zu sein.“

Wie liest Ricarda Huch Bakunin? Was für Ideen nimmt sie auf? Für Ricarda Huch ist „klar, dass Bakunin, wenn er sich zu dem Grundsatz ,Freiheit und Gleichheit‘ bekannte, an nichts weniger als an mechanische Gleichheit dachte.“ Bakunins „Forderung der Gleichheit oder, wie er auch sagte, Ebenbürtigkeit“ sei, wie Huch meint, „dasselbe wie die altgermanische Freiheit, die jedem eigen war, der sie nicht durch ein Verbrechen verwirkt hatte, in der der Geringste und Ärmste dem Höchsten gleich war und die jeden berechtigte, sowohl seinen König zu wählen wie zum König gewählt zu werden.“ Deshalb betone er, „dass er nicht Kommunist sei, sondern Kollektivist; unter Kollektivismus ist eine Bildung von Gruppen zu verstehen, die Grund und Boden und Arbeitsmittel gemeinsam besitzen und alle ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Was er wollte, war Gemeinsamkeit aufgrund gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Besitzes und zugleich Wahrung persönlicher Freiheit und persönlicher Initiative. Der Vergleich mit dem Mittelalter wird immer am ehesten ein Bild davon geben, welche Art von Gesellschaft ihm vorschwebte.“ Wem dieser positive Gebrauch des Wortes „Kollektivismus“ zu sozialistisch oder antikapitalistisch klingt, soll an Hans-Hermann Hoppes „gated communities“ denken.

Ihre christliche Interpretation des anarchistischen Grundgedankens fasst Ricarda Huch in folgende Worte: „Der Zusammenhang des Ganzen mit dem Einzelnen spiegelt sich in der Idee von Gott Vater und Gott Sohn; nur freilich kann man jenes als leeren Begriff fassen, während dieser Ausdruck die Fülle der sittlichen Kraft, natürlichen Schönheit und Geistesgröße ahnen lässt, die die unendliche Masse der Erscheinungen zu einem vernünftigen und wundervollen, unerschöpflichen und unergründlichen Kosmos machen. Michel wurde es umso weniger leicht, auf die weihrauchschweren alten Namen zu verzichten und sich der Sprache der Wissenschaft zu bedienen, als er das unfruchtbare Wesen derselben durchschaute und bekämpfte. Er bekämpfte sie als diejenige Macht, die immer vom Leben abstrahiert und folglich im Grunde ohnmächtig ist. Was auf Freiwilligkeit beruht, kann nur bestehen durch Glauben an eine übermenschliche sittliche Macht, also durch Religion. Warum, so muss man sich fragen, sprach Michel nicht nur nicht von Religion und nicht vom Mittelalter, sondern griff beides mit den härtesten Worten an? Dies hatte einleuchtende Gründe. Es wurde Michel, als einer religiösen Natur, nicht leicht, öffentlich gegen Gott und den Glauben aufzutreten, er, der seine skeptischen Freunde so wirksam zum Christentum zu bekehren pflegte; dennoch tat er es nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ausdrücklich und bekannte sich zu Feuerbachs ‚religiösem Atheismus‘. Was er bekämpfte, war der Deismus, der Gott, der als Portier für die zahlungsfähigen Gäste des Hotels zu sorgen hat, der als Uhrmacher die Uhr des Lebens aufzieht und möglichst gleichmäßig abschnurren lässt.“

Kühn (und dem Wortlaut von Bakunins Texten entgegen) behauptet Huch, „mit seinen Angriffen auf den Protestantismus“ habe „Bakunin nicht auf Luther“ gezielt, „für den er eine lebhafte Sympathie und mit dem er sich verwandt fühlte, sondern auf die Entwicklung, die der Protestantismus genommen hatte“.


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