03. Oktober 2019

Nachruf auf Jessye Norman Ihr Strahlen nach jedem Lied

Eine der ersten schwarzen Sängerinnen auf der Opernbühne

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Kingkongphoto & www.celebrity-photos.com from Laurel Maryland, USA (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Hatte etwas Majestätisches: Jessye Norman (1945-2019)

Die Medien melden den Tod von Jessye Norman. Sie war die große Liebe meiner Zwanziger, bevor ich mich nacheinander in Leontyne Price, Kirsten Flagstad, Elisabeth Grümmer und Janet Baker verliebte (Elisabeth Schwarzkopf bin ich zeitlebens treu geblieben). Standing Ovations pflasterten ihren Weg. Ich erlebte die Norman nur einmal live, im Januar 1988 im Ostberliner Schauspielhaus, ich saß vor ihr in der ersten Reihe, in NVA-Uniform übrigens (Dienstgrad: Gefreiter), wofür meine damalige Gemahlin eine Januarnacht im Schlafsack in der Schlange nach den hochbegehrten Karten verbracht hatte, derweil ich das sozialistische Vaterland vor „Räubern“ (Erich der Einzige) schützte, und da ich im Anschluss an den Liederabend den Nachtzug nach Eggesin nehmen musste, erschien ich im Narrenwichs zum Konzert. Norman-Auftritte führten in der Regel und weltweit dazu, dass das Publikum völlig ausrastete, eine Zugabe nach der nächsten forderte, und weil die Diva diesen Wünschen großzügig willfuhr, hatte ich große Sorge, meinen Zug zu verpassen (UE = unerlaubte Entfernung: drei Tage Bau), aber ich schaffte es gerade noch.

Die Norman hatte etwas Majestätisches, und ihr Strahlen nach jedem Lied war fast noch überwältigender als ihr Organ selbst. Es heißt, sie sei Sopranistin gewesen, was nicht ganz stimmt, sie war Sopranistin, Mezzo und Alt zugleich, und das war auch der (kleine) Makel an ihr, ihre Stimme war so außergewöhnlich breit, dass oben halt irgendwann mal Schluss war. Sie musste die Spitzentöne mit viel Kraft und einer eigentümlichen Technik förmlich aus sich herauswuchten. Kaum ein Nachruf vergaß darauf hinzuweisen, dass sie schwarz war, also eine der ersten schwarzen Sängerinnen auf der Opernbühne. Stimmt. Die erste war übrigens, wenn ich recht im Bilde bin, ihre Landsfrau Leontyne Price, meine Lieblings-Tosca – nein, nicht die Callas, Scarpia soll schließlich verrückt sein nach dieser Diva (und nicht die Diva selber verrückt) –‍, eine der sinnlichsten Frauenstimmen überhaupt (man könnte jetzt darüber spekulieren, ob das mit ihrer Rasse zu tun hat, aber es gibt ja keine Rassen), und die, Jahrgang 1927, steuert stracks auf die 100 zu (die Norman war Jahrgang 1945).

Möge die eine Heroine denn weiter in Frieden altern und die andere in Frieden ruhen!

Als ein Connaisseur oder Junkie des vergleichenden Hörens muss ich einräumen, dass Jessye Norman heute mit nur wenigen Einspielungen an der Spitze meiner freilich unmaßgeblichen Gunst liegt. Es gibt einen verrückten „Lohengrin“ unter Solti, wo sie und Domingo die Hauptrollen singen, man sagt ja, dass „Lohengrin“ die italienischste Wagner-Oper sei, die Titelpartie ist zumindest die einzige Wagner-Tenor-Rolle, die italienischen Tenören relativ problemlos zugänglich ist, aber dies ist der italienischste „Lohengrin“ überhaupt, eine Saturnalie des Belcanto (vor allem im dritten Aufzug – man bemerkt übrigens gerade im Kontrast zu Domingo ihre enorme Professionalität beim Singen in fremden Sprachen). Unerreicht ist außerdem die umwerfende Aufnahme von Chaussons „Poème de l‘amour et de la mer“ – und herausragend sind die „Vier letzten Lieder“ unter Masur. Als ich den Maestro 1998 in New York besuchte, wo er als Chefdirigent der Philharmoniker den Stab führte, sprach ich ihn auf diese Produktion an, das heißt, ich erklärte ihm, dass ich sie für das womöglich Bedeutendste halte, was er je gemacht habe, dieses Schwelgerische und in einer fast schon herzstockenden Breite Ausmusizierte, das sei ganz einzigartig, und Masur sagte nach einem kurzen Nachdenken: Ja, das könne sein; allen, die damals dabei waren, sei zumindest klar gewesen, dass ihnen etwas ganz Besonderes gelungen sei.

Jessye Norman singt Richard Strauss: „Vier letzte Lieder“ unter Kurt Masur 

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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