02. Oktober 2019

Ausbau in China, Selbstzerstörung in Deutschland Dort die Schildkröte, hier der Hase

Betrunken vom eigenen Moralin

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock China baut Hyperschallraketen, Deutschland hüpft: Die Schildkröte überholt den Hasen

Der Hase hatte die Schildkröte verspottet, woraufhin die Schildkröte ihn zum Wettrennen aufgefordert hatte. Wir kennen ja die Geschichte, auch wenn wir nicht aus ihr lernen. Der Hase nimmt die Herausforderung an, und sie laufen beide los. Der Hase führt Kunststückchen für die Zuschauer vor, schlägt Purzelbäume und veralbert die Schildkröte, diese aber geht beharrlich einen Schritt nach dem anderen, bis schließlich – wir haben es geahnt! – der Hase erschöpft zusammenbricht und die Schildkröte als Erste und Einzige über die Ziellinie geht. Ich muss dieser Tage immer wieder an Äsops Fabel denken.

Einsatz von Humankapital

Die Volksrepublik China feiert den 70. Jahrestag ihrer Gründung. China feiert, unter anderem, mit einer Militärparade, wo 15.000 Soldaten, 160 Flugzeuge und fast 600 Panzer und Waffensysteme die militärische Stärke Chinas sinnlich greifbar machen – und dazu kommen noch extra interessante Schaustücke: „Chinas Militär führte bei der Parade auch eine neue Hyperschallrakete vor, die offenbar alle Raketenschutzschilde der USA und deren Verbündeten überwinden kann.“ (welt.de, 01.10.2019)

Man erinnere sich: China arbeitet ja nicht nur an Waffensystemen und beschäftigt sich nicht nur mit Militärparaden – Letzteres tut ja immerhin auch Nordkorea. 2011 wurde berichtet, dass China die Weltbank als größter Kreditgeber der Welt überholt hat, und da wird sich Nordkorea eher schwer tun. Vor allem aber: Früher erzählte man sich Geschichten vom Weihnachtsmann, dessen Elfen am Nordpol die Spielzeuge basteln – heute wissen wir, dass diese „Elfen“ in chinesischen Fabriken arbeiten und die Smartphones auch für Deutschlands Jungsozialisten löten, kleben und schrauben. China plant, den Rest der Welt, inklusive der USA, beim Zukunftsthema Künstliche Intelligenz abzuhängen, und wenn man abschätzen will, wie ernst es China damit meint, kann man ja beim neuen Flughafen in Peking vorbeischauen – und mit den Chinesen über Berlin lachen, wenn auch bitter.

Und was lesen wir derweil aus Deutschland? Wir lesen, dass Carola Rackete (die Seenotrettungs-Kapitänin, die jüngst Migranten nach Europa brachte) sich jetzt im „Klimaschutz“ verdingt. Ist ja auch ungefähr dasselbe, ob man Menschen aus Afrika nach Europa holt, wo sich ihr Kohlendioxid-Fußabdruck vervielfacht (Deutschland 8,88 Tonnen, Marokko 1,57, Syrien, 1,42, Niger 0,09 Tonnen – alle Angaben Stand 2016, laut Wikipedia), oder ob man gegen Kohlendioxidausstoß protestiert. Warum ziehen all die gelangweilten Töchter im Öko-Aktivismus aus gutem Hause nicht gesammelt in die Demokratische Republik Kongo? Dort werden nur 0,03 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr produziert, das Gewissen dürfte dort also so rein sein wie die Luft, und „demokratisch“ ist es dort auch, es steht ja im Namen, und was im Namen steht, das ist immer wahr – siehe „DDR“ und „Antifa“.

Bei Youtube finden wir das Video der Klimastreik-Bühne in Münster, auf der ein Chor deutscher Damen verschiedener Altersklassen hüpfend in Jeans und Polyesterjacken singt: „Wir wollen kein CO2 mehr!“ – ich muss leider wiederholen: Ich sehe keine Brücke zwischen denen, die so etwas für „normal“ halten, und denen, die es nicht tun.

China baut seine militärische Kraft aus und entwickelt Zukunftstechnologien mit dem für China typischen Einsatz von Humankapital – in Deutschland wird derweil herumgehüpft und extra laut gesungen, um das Leid der Messeropfer und das Wehklagen über den Abbau von Arbeitsplätzen zu übertönen.

Auf Jutebeuteln

Ich weiß nicht, was Menschen in Deutschland antreibt, sich heute zu dieser und morgen zu jener Selbstzerstörung treiben zu lassen. Manche Leute behaupten, dass ein gewisser George S. in den vergangenen Jahren viele Millionen Dollar in Organisationen gepumpt hat, die heute hinter dem „Klimastreik“ stehen, doch selbst wenn das stimmen sollte, ist die Frage nicht geklärt, an welchen suizidalen Trieb der Menschen die Botschaften dieser NGOs andocken können.

Es hat in der Geschichte immer wieder religiöse Bewegungen gegeben, die es zum Teil ihres Rituals gemacht haben, sich selbst Qualen und Strafen aufzuerlegen; man kennt sie etwa unter dem Stichwort „Flagellanten“, Kinogänger kennen ein Beispiel aus dem Film „The Da Vinci Code – Sakrileg“, Freunde des gepflegten Humors kennen ein anderes von Monty Python, da mit Brettern vor dem Kopf. Bürger des tolerantesten Deutschlands aller Zeiten kennen das Flagellantentum auch vom Aschura-Fest.

Ich weiß nicht, was diese Menschen treibt, die sich selbst bestrafen wollen, gerade heute, wo sie doch wissen können, dass sie dadurch zuerst andere stärken, die die neuen Deutschländerwerte eher belächeln – diese anderen machen sich ja auch inzwischen offen lustig über Deutschland. Glauben die wirklich, das Betreiben unprofitabler Windräder (für die Natur zerstört wird, wohlgemerkt) und die Stellen in Genderseminaren und Propaganda-NGOs werden die Zerstörung der Wirtschaftskraft aufhalten können?

Öko-Aktivisten erinnern an einen jener Wundergläubigen, der sich von der Klippe wirft im festen Glauben, sein Gott würde ihn noch retten. Erst wenn die letzte Fabrik geschlossen und das letzte Kraftwerk stillgelegt ist, werdet ihr merken, dass man auf Jutebeuteln keine Hashtags tweeten kann.

Wie bei Äsop

Wir müssen die Fabel vom Hasen und der Schildkröte neu erzählen, in gleichem Geist, aber erweitert.

Der neue Hase ist nicht nur absurd selbstüberheblich, wie bei Äsop, sondern auch nur betrunken von seinem eigenen Moralin, mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Hamsters auf Energydrink und dem Weitblick einer Eintagsfliege in der Abenddämmerung. Die neue Schildkröte ist derweil einen Meter hoch und eine Tonne schwer, und sie ist auch gar nicht so langsam, wie man meinen könnte.

Das ist das neue Rennen zwischen West-Hase und Fernost-Schildkröte – der Hase spielt verrückt und wird von NGOs geradezu rasend gemacht, die Schildkröte lernt von dem, was der Hase früher richtig und klug machte, doch sie ignoriert und belächelt seinen aktuellen Irrsinn und geht stur ihren Weg.

In der Fabel schläft der Hase zwar erschöpft ein, aber er erwacht vom Jubel der Zuschauer, als die Schildkröte übers Ziel geht. Das ist, wo die Metapher heute nicht greift. Auch heute schon gibt es in den Nationen, für die hier der Hase steht, einzelne Menschen, die nicht schlafen, die seit Jahren davor warnen, „blöd umherzuhüpfen“ (metaphorisch wie buchstäblich), doch mächtige Kräfte, teils aus dem Ausland mitfinanziert, verhöhnen, marginalisieren und übertönen die Mahner – die Schildkröte aber, eine Tonne schwer und mit spannenden neuen Waffen auf dem Panzer, stapft weiter.

Noch nicht aufzugeben

Man möchte ja dem ganzen Land zurufen: Seid nicht der Hase! Hört auf, wie irregeworden umherzuspringen, berauscht euch doch nicht dauernd an der Moral, die euch Staatsfunk und zynische NGOs einschenken! Seid lieber wie die kluge Schildkröte und geht euren Weg, einen Schritt nach dem anderen, und habt den Mut, stark zu sein und lieber „Nein“ zu sagen, wenn „Ja“ zu sagen euch schwächen würde. Ja, man möchte dem Land zurufen, sich selbst noch nicht aufzugeben, doch man wird nur schwer anbrüllen können gegen die Klebers, Restles, Böhmermanns, Reschkes und wie sie alle heißen.

Ich kann nur mir und den anderen kleinen Leuten sagen: Sei wenigstens du selbst nicht der Hase, lerne lieber von der Schildkröte!

Die Schildkröte geht einen Schritt nach dem anderen – und sie trägt ihren Innenhof immer mit sich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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