02. Oktober 2019

Michail Bakunin, Teil 4 Der Atheist als guter Katholik

Hugo Ball tauft Bakunin

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Wikimedia Commons Katholik und Dadaist: Hugo Ball (1886-1927)

Kaum etwas scheint so klar festzustehen im wechselhaften Wesen und Leben von Michail Bakunin, Archetyp des Revolutionärs im 19. Jahrhundert, wie dass er ein militanter Antiklerikalist ist, ein überzeugter Atheist, der das Christentum geradezu fanatisch zu hassen scheint. Hugo Ball liest ihn Anfang des 20. Jahrhunderts anders. Aber der Reihe nach.

Von Hugo Ball (1886-1927) ist heute vornehmlich bekannt, dass er 1916 in Zürich die Bewegung des Dadaismus mitbegründete. Er ist der Erfinder des „Lautgedichts“. „Karawane“ trug er 1917 im Cabaret Voltaire in Zürich vor: Angetan mit einem Kostüm aus Pappe und mit ernster Miene trug er eine Abfolge von Lauten, vornehmlich Vokalen, vor. Was den Zeitgenossen als „Provokation“ galt und die Nachwelt für eine Satire auf den bürgerlichen Literaturbetrieb hielt, war für Ball tatsächlich eine ernste Angelegenheit: ein Experiment mit Lauten, bevor sie zu Sprachkonventionen erstarren.

Hugo Ball betätigte sich jedoch weniger als Lyriker, belletristischer Autor und Aktionskünstler, wie viele andere Mitstreiter der Dada-Bewegung, sondern vor allem als Essayist. In diesem Zusammenhang weniger bekannt ist, dass Hugo Ball ein radikaler Katholik war, was sich etwa in dem Buch „Die Folgen der Reformation“ (1924) ausdrückt. Für Ball beginnt das Verhängnis der Gegenwart – Krieg, staatliche Verfolgung, Erstickung des Lebens und des Geistes durch zentralisierte bürokratische Apparate – mit der Reformation: Die (christliche) Kirche, die mit Ritualen Geist und Moral stärkt und für einen gemeinschaftlichen Zusammenhalt sorgt, wird nun in den Dienst zentralstaatlicher Herrschaft gestellt. Gewalt löst Geist als Formprinzip der Gesellschaft ab. Nur wer sich mit der Theoriegeschichte des Anarchismus etwas beschäftigt hat, erkennt hier den Einfluss von Gustav Landauer (1870-1919).

Aber nicht Landauer, den Ball kennt, doch für ein wenig verschlafen hält, begeistert ihn, sondern der glühende Revolutionär Bakunin. Über Jahre stellte Ball ein „Brevier“ zusammen, das zum Schluss vermutlich um die 500 Schreibmaschinenseiten umfasst hat, trug Quellen zusammen, übersetzte Texte von Bakunin und Zeitgenossen aus dem Französischen. Doch zu Lebzeiten wurde das Buch nicht veröffentlicht; Ball starb jung. Auch postume Versuche der Veröffentlichung scheiterten zunächst. Nach Balls Tod setzte sich sogar Hermann Hesse Ende der 1920er Jahre für die Veröffentlichung ein, aber vergebens. Erst im Rahmen der Werkausgabe konnte das „Brevier“ 2010 ediert werden, allerdings nur die Hälfte. Die andere, wichtigere Hälfte ist bis heute verschollen: Wichtiger insofern, als die eigentlich anarchistische Zeit Bakunins noch fehlt.

Allerdings veröffentlichte Ball 1919 seinen langen Essay „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“, eine Art Vorstudie zu „Die Folgen der Reformation“, in der Bakunin einen prominenten Platz einnimmt: Nur auf Luther und Hegel wird häufiger hingewiesen. Wie auch Nietzsches Feindseligkeit dem Christentum gegenüber – Ball vermutet, dass Nietzsche diejenige von Bakunin bekannt gewesen sei, Bakunins Original jedoch Nietzsches Adaption übertreffe – sieht Ball die von Bakunin als gegen den Protestantismus und nicht gegen den ursprünglichen Katholizismus gerichtet.

Ball findet sogar eine Stelle bei Bakunin (freilich in einer frühen Schrift von 1843), in der er die Geschichtsphilosophie von Ball (und Landauer) ausdrückt, die er in „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ zitiert: „Seit das Christentum nicht mehr das zusammenhaltende und belebende Band der europäischen Staaten ist – was verbindet sie noch? Was hält noch in ihnen die Weihe der Eintracht und Liebe aufrecht, die durch das Christentum über sie ausgesprochen war? Der heilige Geist der Freiheit und der Gleichheit, der Geist der reinen Menschlichkeit, der durch die Französische Revolution unter Blitz und Donner der Menschheit geoffenbart und durch die stürmischen Revolutionskriege als Same eines neuen Lebens überall verbreitet wurde. Dieser Geist ist es, aus dem der Kommunismus entstand; dieser Geist verbindet jetzt auf eine unsichtbare Weise alle Völker ohne Unterschied der Nationen; diesem Geiste, diesem erhabenen Sohne des Christentums widerstreben jetzt die sogenannten christlichen Regierungen und alle monarchischen Fürsten und Gewalthaber, weil sie wohl wissen, dass ihr selbstsüchtiges Treiben nicht imstande sein wird, seinen flammenden Blick zu ertragen.“

Erst in „Die Folgen der Reformation“ gibt er zu, was ihn an Bakunins Antiklerikalismus von Anfang an befremdet hat: Zu Beginn der 1870er Jahre, einer Zeit also, in der Bakunin eigentlich seine anarchistischen Prinzipien schon völlig ausformuliert hatte, zeigte dieser Verständnis sogar für Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche – Verständnis für Bismarck! Bismarck, der für Bakunin ebenso wie für Ball das Verhängnis zentralisierender und kriegerischer Staatlichkeit schlechthin bedeutete. „Die Kulturkampf-Initiative“, schreibt Ball, „war auf Seiten Bismarcks gegen die römische Kirche, statt umgekehrt, und es gelang dem Kanzler, damit sogar die Sympathie rationalistischer Rebellen wie Bakunin zu gewinnen, die auf politischem Gebiet seine wildesten Gegner waren“. Seinem Tagebuch hatte Ball allerdings bereits Mitte 1917 anvertraut: „Vor die Alternative gestellt, entweder seinen Antiklerikalismus beiseitezusetzen und sich gegen seinen grimmigsten Antipoden für die Kirche zu erklären, oder aber seinen Anarchismus zu opfern und Bismarck zu applaudieren, entschied Bakunin für das Letztere. Ich kann verstehen, dass das Gewissen unserer Zeit jegliches Bündnis der Metaphysik und der Kirche mit einem zynischen Geldapparat als Hohn und als Ursache aller Verderbnis empfindet. Aber über mein Verständnis geht es, wie ein erklärter Gegner der militärischen Diktatur sich einen preußischen Kulturkampf zurechtlegen kann.“

Die Sache lag doch noch ein wenig verquerer, als es hier erscheint. Einerseits hatte Ball vielleicht vergessen, dass Bakunin trotz aller Feindschaft gegen die Religion die unbedingte Glaubensfreiheit vertrat; vielleicht vergaß es Bakunin im Pulverdampf des Gefechtes selber manchmal.

Andererseits aber, und das ist noch bedeutsamer, vergisst Ball, oder sollten wir sagen: verdrängt oder verschweigt?, dass die katholische Kirche im preußischen Kulturkampf beileibe nicht für die Glaubensfreiheit und für ein liberales „Glauben ist Privatsache“ eintrat. Sie wollte ihre staatspolitische Stellung behalten. Sie kämpfte um die Hoheit über die staatliche, verpflichtende Schule. Sie trat ein für eine Gesetzgebung, die sich an der katholischen Lehre orientierte (heute nennt man das „Scharia“).

Es ist also tatsächlich so, dass damals wie heute die Position des „radikalen Begriffs von Freiheit“ (Walter Benjamin), den Bakunin vertrat, eben nicht darin bestehen kann, der einen oder anderen Seite des politischen Kampfes unumwunden zuzustimmen. Vielmehr muss für beide Seiten konstatiert werden, dass sie einen Teil der Freiheit hochhalten, aber, indem sie die Freiheit zum anderen Teil mit Füßen treten, insgesamt die Freiheit negieren. Eine Position der Freiheit kann nur jenseits dieser politischen Optionen aufrechterhalten werden.

Balls Kritik an Bakunin ist schon ernst zu nehmen. Dennoch scheint sie mir aus dem Geist heraus geboren, eine einfache Heimat finden zu können, in der es möglich ist, zu glauben ohne zu denken, ohne kritisch nachzufragen und abzuwägen. Und dieser Ungeist ist es leider, der dazu führt, dass die Denkenden sich immer wieder mit den falschen Bündnispartnern einlassen.

Allerdings wäre auch eine Angabe von Hugo Ball wünschenswert gewesen, wo – und wann – Bakunin Bismarck für seinen antiklerikalen Kampf gelobt haben sollte. Es ist wahrscheinlich, dass Ball Bakunins Schrift „Staatlichkeit und Anarchie“ von 1873 nicht gekannt hat. Sie lag nur auf Russisch vor und wurde 1972 das erste Mal (vollständig) ins Deutsche übersetzt. Die folgende Stelle hätte ihm sicherlich gefallen, aber auch dazu veranlassen sollen, seine übellaunige Bemerkung zu revidieren – Achtung, der Text beginnt, als wenn Ball recht habe, um dann ins Gegenteil umzuschlagen: „Wer hat mutig die Initiative ergriffen, um den mittelalterlichen Ansprüchen des päpstlichen Stuhls entschieden entgegenzuwirken? Deutschland, Fürst Bismarck, der die Intrigen der Jesuiten nicht fürchtete, obwohl sie überall gegen ihn intrigierten; im Volk, das sie aufstachelten, aber vor allem am Kaiserhof, wo man jeder Art von Scheinheiligkeit nur allzu geneigt ist; er fürchtete weder ihren Dolch noch ihr Gift, mit dem sie bekanntlich von alters her die Gewohnheit haben, sich ihrer gefährlichen Gegner zu entledigen. Fürst Bismarck trat so stark gegen die römisch-katholische Kirche auf, dass selbst der alte gutmütige Garibaldi – der zwar ein Held auf dem Schlachtfelde, dafür aber ein äußerst schlechter Philosoph und Politiker ist und die Popen über alles hasst, so dass man sich nur als ihr Feind zu erkennen geben muss, um für den hervorragendsten und liberalsten Menschen erklärt zu werden – selbst also Garibaldi kürzlich einen begeisterten Lobeshymnus auf den deutschen großen Kanzler veröffentlichte, worin er ihn als den Befreier Europas und der Welt pries. Der arme General hatte nicht verstanden, dass heutzutage diese Reaktion ungleich schlimmer und gefährlicher ist als die Reaktion der Kirche, die böse, aber kraftlos ist, weil sie heute völlig unmöglich ist; dass die staatliche Reaktion heutzutage viel gefährlicher ist, dass sie noch möglich ist, dass sie die heute letztlich einzige mögliche Form der Reaktion ist. Die Mehrheit der sogenannten Liberalen und Demokraten hat das bisher noch nicht begriffen, weshalb so viele, ähnlich wie Garibaldi, auf Bismarck als auf den Vorkämpfer der Volksfreiheit schauen.“

Hier nun ist Giuseppe Garibaldi (1807-1882) der Depp, der die Zeichen der Zeit, also die Gefährlichkeit des Etatismus, nicht erkannt hat, der Depp also, als den Hugo Ball Bakunin hinstellen will. Könnte es sein, dass Ball nur der erste Teil dieses Zitats bekannt gewesen ist, der es so erscheinen lässt, als sei Bakunin der Meinung, Bismarck wegen seines Kampfes gegen die katholische Kirche loben zu sollen? Wollen wir das zu seinen Gunsten annehmen.

Dennoch: Ball muss geglaubt haben, dass sein vormaliger Held eines solchen schändlichen Verrats an der Sache des Antietatismus schuldig sein sollte. Dass er Bakunin für diesen Lapsus, den der Beschuldigte definitiv nicht begangen hat, verurteilte, brachte Ball dann das Lob eines solchen Ultra-Etatisten wie des späteren Apologeten des nationalsozialistischen Führerkults Carl Schmitt (1888-1985) ein, der zuvor sogar aktiv versucht hatte, die Publikation von Ballschen Werken zu hintertreiben.

Trotz aller Einwände gegen Bakunin hat Ball den zentralen Punkt von dessen Kritik niemals aufgegeben, dass Luther die Bauern an die Fürsten verriet und Marx die Arbeiter an den bismarxistischen Staat.


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