01. Oktober 2019

Wolfgang Drechsler in der „Weltwoche“ über Gewalt in Südafrika Rassismus unter Afrikanern?

Moral braucht keine Argumente

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Trügerischer Versöhnungskitsch: Harmonie in Südafrika

In der Printausgabe der Schweizer Wochenzeitung „Weltwoche“ ist am Donnerstag, den 26. September 2019 ein bemerkenswerter Artikel über die Rassenspannungen in Südafrika und Ausschreitungen zwischen lokalen Südafrikanern und eingewanderten Afrikanern erschienen. Wolfgang Drechsler lebt seit 1985 in Südafrika. Hier einige wenige Auszüge aus seinem Artikel „Schwarz gegen Schwarz“: „Die vom Westen gepriesene Rassenharmonie in Südafrika entpuppt sich als trügerischer Versöhnungskitsch aus der Mandela-Ära. Brutal wenden sich Arme am Kap nun gegen Zuwanderer aus dem übrigen Kontinent. Befeuert von einer entgleisten Politik wächst der Hass auf die Brüder und Schwestern aus Afrika.“ – „Die Gewaltausbrüche sind auf den ersten Blick schwer zu verstehen, weil Nelson Mandela, der große Versöhner desLandes, zeitlebens Farbenblindheit und ein friedliches Miteinander postuliert hatte, um den am Kap lange auch gesetzlich verankerten Rassismus zu überwinden. Spätestens mit den Pogromen im Mai 2008 wurde jedoch deutlich, dass die jahrelang vom Westen gepriesene Rassenharmonie am Kap wenig mehr als trügerischer Versöhnungskitsch war – und sehr stark mit der Ausnahmegestalt Mandela zu tun hatte.“ – „Rassismus unter Afrikanern? Das ist für viele Europäer schwer vorstellbar. Schwarze werden dort bis heute gewohnheitsbedingt ausschließlich als Opfer und Statisten gesehen.“

Moral braucht keine Argumente

„Vielen Afrikanern geht es heute schlechter als vor der Unabhängigkeit – und daran sind nicht etwa die Nachfahren der Kolonialherren schuld, sondern Regierungen, die große Teile der eigenen (schwarzen) Bevölkerung durch Korruption oder Misswirtschaft in noch größere Armut gestürzt haben. Um von den eigenen Verfehlungen abzulenken, werden nun die erfolgreichen Minderheiten, egal ob schwarz oder weiß, in die Schusslinie gerückt. Denn nirgends ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie in Afrika. Und nirgendwo sonst auf der Welt lässt sich der Wohlstand so leicht an der anderen Hautfarbe beziehungsweise der Physiognomie des Anderen ablesen.“

Ich empfehle die Lektüre des Artikels, weil deutsche Medien in einer anderen Wirklichkeit als ihre Leser und Hörer leben. Deshalb könnte dieser Text vermutlich – wie leider immer öfter – nicht in deutschen Zeitungen erscheinen. Die Schweizer Medien werden zum „Westfernsehen“. Die politische Auseinandersetzung wird durch die Einforderung von moralischen Bewertungen und Gefühlen wie Schuldbewusstsein ersetzt oder verhindert. Die Moralisierung der Afrikapolitik hat große Vorteile, sie erspart die Auseinandersetzung. Wer sich auf der Seite des Guten wähnt, muss nicht mehr argumentieren. Es genügt, sich über diejenigen zu entrüsten, die sich dem Guten widersetzen. Aber spätestens beim Einsatz massiver Gewalt gegen Fremde wird eine Grenze überschritten, die dann nicht mehr mit der gewöhnlichen menschlichen Skepsis gegenüber allem Fremden erklärbar ist. Es triumphiert in Deutschland der politische Geist der Naivität, der Vertrauensseligkeit sowie der Apathie und des Desinteresses an den realen politischen Verhältnissen in den meisten afrikanischen Staaten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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