30. September 2019

Erste angebliche E-Zigaretten-Tote in den USA Dummheit ist grenzenlos

Eine solche Gelegenheit lassen sich die deutschen Politiker nicht entgehen

von Sven Edelhäuser

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Neuerdings tödlich: E-Zigaretten

Neulich bin ich nichtsahnend aufgestanden, habe den Versand meiner kleinen E-Zigaretten-Unternehmung erledigt, Kunden beruhigt und dann auf mein Smartphone geschaut. Mein chinesischer Lieferant und mittlerweile Freund fragte: „Hast du schon von den USA gehört?“ Und ich so: „Nee, was soll da sein?“ Ich suchte sofort nach amerikanischen Medien und fing an, die Berichte und Artikel zu lesen.

In den USA sind innerhalb der letzten circa vier Wochen sieben oder acht Menschen, darunter Jugendliche, an Lungenproblemen gestorben, was im direkten Zusammenhang mit dem Konsum von E-Zigaretten stehen soll. Weitere 530 bis 900 liegen mit denselben Symptomen (Atemnot, Brustschmerzen, teilweise Fieber, Erbrechen und Durchfall) im Krankenhaus. Die Zahlen variieren hier von Medium zu Medium.

In den USA soll in den letzten Jahren ein regelrechter Hype für E-Zigaretten gerade unter Jugendlichen auf den Schulhöfen ausgebrochen sein. Die E-Zigaretten-Branche hatte bis jetzt eine rasante jährliche Wachstumsrate (zweistellig), gerade in den USA, aber auch in Europa. Reguläre Tabakunternehmen haben schon lange ihre eigenen E-Zigaretten auf den Markt gebracht und versuchen damit, die Umsatzeinbußen im normalen Zigarettenmarkt auszugleichen. Was bis jetzt auch glänzend funktioniert hat. Aber nun gibt es Tote.

Diese Meldung ist auf den ersten Blick natürlich ein Erdrutsch für meine Branche. Aus jeder Ecke kommen jetzt wieder die Kritiker auf das politische Tableau. Die erste Aufregung bei mir selbst hat sich aber schon wieder gelegt. Ich ging natürlich erst mal vom schlimmsten Szenario aus: einem generellen Verbot.

Indien hat dieses Verbot auch prompt ausgesprochen, was meinen emotionalen Zustand erst mal nicht gerade stabilisierte. Keine Herstellung, kein Import, kein Besitz und kein Konsum ist ab jetzt dort erlaubt. In Indien gibt es allerdings eine riesige Tabakbauernschaft, und Kritiker sehen dieses Verbot eher als eine protektionistische Maßnahme denn als eine tatsächliche Reaktion auf die Toten. Ein gefundenes Fressen sozusagen, da der indische Markt bis jetzt auch noch nicht richtig erschlossen war. Klingt beruhigender.

In den USA wird über ein Verbot von fruchtigen Aromen für die Mischung von E-Liquids oder schon fertig gemischte Ampullen nachgedacht. Die Argumentation ist hierbei dieselbe wie vor einem Jahrzehnt bei der „Alkopop-Kontroverse“ in Deutschland. Diese süßen Aromen würden es den Jugendlichen nur schmackhaft machen, mit E-Zigaretten anzufangen, und dadurch würde die Gefahr gleichzeitig verharmlost.

Mir war es ehrlich gesagt als Jugendlicher völlig egal, ob der Wodka süß oder bitter geschmeckt hat – Hauptsache, das Zeug knallt in die Birne, dachten wir uns damals. Mit Alkopops hätte man mich und viele andere Jungs schon zu der Zeit jagen können. Ein Bier mit Zitronengeschmack? Ist ja eklig!

Aber zurück zum Thema: Massachusetts ist in den USA bis jetzt der erste Bundesstaat, der bis zum 25. Januar 2020 den Verkauf von E-Zigaretten vorerst verboten hat. Das ist natürlich ein absoluter Tiefschlag für all diejenigen, die in der heutigen Zeit noch dachten, ein stationärer E-Zigaretten-Laden sei das Innovativste, was man in unserer heutige Zeit zustande bringen könne. Wir reden hier von vier Monaten. Da werden so einige Ladenbesitzer die Tore für immer schließen müssen.

Solche Meldungen machen mir selbst aber natürlich auch Angst. Ich dachte sofort: „Oh scheiße, ich lebe im Land der Verrückten. Ich kann mir neue Produkte suchen und hoffen, dass ich den Rest hier im Lager größtenteils noch loswerde. Notfalls unter der Hand.“ Pssst!

Spätestens nach den Emotionen kommt aber zum Glück immer die Logik (zumindest bei mir): Erstens ist dieses Phänomen auf die USA begrenzt, zweitens gab es jahrelang nicht einen ähnlichen Fall, drittens deutet dieser akute „Ausbruch“ eher darauf hin, dass es auch einen akuten Zusammenhang gibt und keinen auf Langzeitfolgen basierenden, und viertens weiß anscheinend noch nicht einer der Ärzte, was diese Menschen sich dort überhaupt in ihre E-Zigaretten getröpfelt haben oder ob es am Ende überhaupt mit E-Zigaretten in Zusammenhang steht. Es ist die Rede von Vitamin-A-Acetat, einem Öl, das bei THC-haltigen E-Liquids eingesetzt wird. Dieses Öl konnte aber auch nicht in allen Proben nachgewiesen werden, die mit diesen Erkrankungen in Zusammenhang stehen. Die Suche geht also noch weiter.

Neue Gesetze und Beschränkungen wird es ganz sicher geben, selbst wenn sich herausstellt, dass es sich hierbei in Wirklichkeit um die Cannabis- und nicht um die Nikotin-Liquids gehandelt hat. Eine solche Gelegenheit lassen sich die deutschen Politiker aber auf keinen Fall entgehen. Die armen Kinder müssen schließlich von ihnen beschützt werden, und Sie sowieso, Herr Edelhäuser. Wenn ich mir Sie so von oben bis unten anschaue, dann laufen Sie doch regelmäßig gegen die Haustür statt hindurch. Wir werden für Sie Haustüren landesweit verbieten. Vielen Dank.

Mein chinesischer Freund: „Alibaba (größte Handelsplattform der Welt in China für Geschäftsleute mit einem größeren Umsatz als Jeff Bezos!) hat den Export von E-Zigaretten in die USA gestoppt. Kein Verkauf mehr an die USA.“

In diesem Sinne: Dummheit ist grenzenlos, und mal sehen, was die kommenden Tage so für mich bereithalten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bevormundung

Mehr von Sven Edelhäuser

Über Sven Edelhäuser

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige