26. September 2019

Der CFA-Francs und die Armut im frankophonen Afrika Ist die Währung schuld?

Oder eher Misswirtschaft, Korruption und Ausverkauf der Bodenschätze?

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock CFA-Francs: An allem schuld?

Der CFA-Franc BCEAO (Franc de la Communauté Financière d’Afrique), kurz auch „CFA-Franc“, ist die Währung der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (UEMOA), also von Benin, Burkina Faso, der Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, dem Senegal und Togo.

Der frühere stellvertretende italienische Ministerpräsident und heutige Außenminister Luigi Di Maio von der linken Fünf-Sterne-Bewegung hat im Frühjahr 2019 Frankreich vorgeworfen, dass es durch seine Politik mit dem CFA die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika verhindere und zur Abwanderung von Flüchtlingen beitrage. Simon Inou, der in Duala/Kamerun Soziologie und in Wien Kommunikationswissenschaft studiert hat und Redaktionsleiter von afrikanet.info und Herausgeber von „Fresh – Black Austrian Lifestyle“ ist, schreibt in einem Kommentar für das Afrika-Magazin „Lonam“ vom Mai/April 2019, dass viele Afrikaner, die den CFA abschaffen wollten, „mit ihrem Leben für den Kampf dagegen bezahlt“ haben.

Er nennt den Sozialisten Modibo Keïta, den ersten Präsident Malis (er wurde 1968 durch einen Militärcoup gestürzt und starb 1977 in einem Arbeitslager), den Wissenschaftler Joseph Tchundjang Pouemi, der ein Buch über die monetäre Freiheit des frankophonen Afrikas geschrieben hatte („Monnaie, servitude et liberté: La répression monétaire de l‘Afrique“): „Er wurde vergiftet. Bis heute weiß man nicht, wer die Tat verübt hat.“ Auch der charismatische Präsident von Burkina Faso, Thomas Sankara (regierte 1983-1987), der 1985 gesagt hatte, dass der CFA-Franc, der mit dem französischen Währungssystem verbunden ist, eine Waffe der französischen Herrschaft sei. Auch er wurde 1987 ermordet. Schließlich stehe die Ermordung von Gaddafi 2011 unter anderem in Zusammenhang mit seinen Initiativen, das „frankophone Afrika aus den Krallen Frankreichs zu befreien“ und eine Alternative zum CFA-Franc zu bieten.

In demselben Heft von „Lonam“ wird der Unternehmer Alain Itoua Gassey zitiert: „Es wäre schön, wenn wir unsere eigene Währung hätten, aber heute nicht. Wenn man das heute einführen würde, würde es eine Katastrophe geben. Wir haben nicht die Strukturen.“ (Wirtschaftliche Strukturen wie Industrie, Anmerkung Volker Seitz.) „Wir können nicht die ganze Schuld auf die europäische Seite schieben. Wir auch, wir Afrikaner tragen eine Verantwortung für die Katastrophe, die sich in den letzten Monaten, Jahren abgespielt hat.“

Irgendwann nicht mehr konkurrenzfähig

Der CFA-Franc ist das gesetzliche Zahlungsmittel von 14 afrikanischen Staaten. Er wurde eingeführt, um nach der politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonialgebiete den Währungen Stabilität zu geben. Das französische Finanzministerium garantiert die Konvertierbarkeit durch Gewährung von Überziehungsfazilitäten an die afrikanischen Zentralbanken und einen Reservepool, der frei von den Risiken der Wechselkursschwankungen ist. Die Franc-Zone erkennt den Französischen Franc als Ankerwährung an, was den Verzicht auf Autonomie der Geldpolitik bedeutet. Bis zum 31. Dezember 1998 war der CFA-Franc an den Französischen Franc und seit dem 1. Januar 1999 ist er an den Euro gebunden. Deshalb muss das Thema alle Euro-Länder interessieren.

Der CFA-Franc wird mit unterschiedlichen Banknoten herausgegeben von der Zentralbank der Staaten in der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion, UEMOA (Union économique et monétaire ouest-africaine) für Benin, Burkina-Faso, die Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, den Senegal und Togo sowie von der Bank der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft, CEMAC (Communauté économique et monétaire de l’Afrique Centrale) für Äquatorialguinea, Gabun, Kamerun, die Republik Kongo und die Zentralafrikanische Republik.

Der CFA-Franc dieser 13 Staaten und der Komoren-Franc sind mit fixem Wechselkurs an den Euro gebunden. Eine Fixbindung bietet den Vorteil, dass sich die Importe nicht verteuern (für die wenigen, die es sich leisten können), also weniger importierte Inflation; andererseits werden die eigenen (Agrar‑) Exporte im Vergleich mit anderen Ländern, die freie Wechselkurse haben, schrittweise teurer und sind irgendwann nicht mehr konkurrenzfähig, mit dann oft krassen Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft.

„Bittere Bohnen für ein verwöhntes Volk“

Der CFA wurde zuletzt 1994 abgewertet. Michael Birnbaum, Afrika-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ von 1992 bis 1999, schreibt in seinem Buch „Die schwarze Sonne Afrikas“ von 2000: „Die Elfenbeinküste, ehemals Frankreichs Vorzeigekolonie und Musterländle des frankophonen Afrikas, musste 1994 massiv abwerten. Die Währung, der CFA, drei Jahrzehnte fest an den Französischen Franc gebunden, war plötzlich nur noch die Hälfte wert. Das sind bittere Bohnen für ein verwöhntes Volk, es trifft jeden, der sich an die vielen kleinen importierten Annehmlichkeiten gewöhnt hatte, die vormals billig und fast ausschließlich aus Frankreich kamen. Die Währungsreform beutelt die einst reiche Elfenbeinküste und hilft doch der lebenswichtigen Kakao- und Kaffeeproduktion wieder auf die Beine.“ – „Alles, was importiert wird, kostet nun doppelt so viel. Das trifft nicht nur die verwöhnten Eliten mit Autos, Mineralwasser oder Rotwein aus Frankreich. Die meisten CFA-Länder sind darauf angewiesen, Grundnahrungsmittel zu importieren, haben keine Industrieproduktion, geschweige denn Arzneimittel. All das kam bisher meist aus Frankreich zum Kurs von 50 CFA für einen FF. Der kostet nun 100 CFA.“ – „Nach der Unabhängigkeit half den meisten CFA-Staaten die feste Bindung an Frankreich, Stabilität und Wirtschaftswachstum zu erreichen. Aber das Wundermittel der fest konvertierbaren Währung verkehrte sich in Gift. Der Französische Franc, eingebunden ins europäische Währungssystem, veränderte laufend seinen Wert, aber 46 Jahre lang nicht sein Verhältnis zum CFA. Die Überbewertung, von den afrikanischen Machteliten zum Privatvorteil gewünscht und von Paris geduldet, höhlte die Wirtschaftskraft der Länder aus. Zu CFA-Preisen waren deren Güter auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig, die Arbeitslöhne zu teuer: Die Lohnkosten der Elfenbeinküste zum Beispiel waren doppelt so hoch wie die Malaysias, viermal so hoch wie in Ghana oder Nigeria.“ – „1992 musste die Zentralbank in Paris neun Milliarden Franc für den Aufkauf von CFA ausgeben. Die strömten tonnenweise nach Europa auf Privatkonten der Staatschefs und Schwarzhändler. Mitte 1993 schob Paris einen ersten Riegel vor: Der CFA wurde nur noch innerhalb der CFA-Zone konvertierbar.“ (Seite 278-280.)

Größte Glaubwürdigkeit bei Investoren

Der Franko-Beniner Kémi Séba begann seine Kampagne zur Abschaffung des CFA 2016 mit dem öffentlichen Verbrennen eines 5.000-CFA-Franc-Scheins in Dakar/Senegal. Er erinnerte daran, dass niemand die ursprüngliche Bedeutung der Abkürzung vergessen habe: „Colonies Françaises d’Afrique“. Die Abkürzung erinnere zu stark an die Kolonialzeit. (Frankreich hat indessen signalisiert, dass eine Namensänderung kein Problem sei.) Die Verteidiger des CFA wie die Gouverneure der BCEAO (Westafrikanische Zentralbank), Tiémoko Meyliet Koné, und der BEAC (Zentralafrikanische Zentralbank), Abbas Tolli, Präsident Alassane Ouattara (Elfenbeinküste) und Lionel Zinsou (ehemaliger Premierminister von Benin) sind gegen die Änderung des Namens. Wichtig sei nur der Wert des CFA, seine Stabilität und die Konvertierbarkeit. Der CFA habe größte Glaubwürdigkeit bei Investoren, die dürfe man nicht zerstören.

Seit Jahren läuft die Debatte über die Abschaffung des CFA. Aus Sicht von Ökonomen wäre sie ein äußerst gewagter Schritt. Sie sind der Meinung, dass der CFA (immerhin Währung in 14 Ländern) allein durch die Bindung an den Euro überhaupt eine dauerhafte Währung sein konnte. Für ausländische Investoren bietet der CFA Währungsstabilität, da die französische Staatskasse unlimitierte Konvertierbarkeit garantiert. Dafür müssen die afrikanischen Staaten die Hälfte ihrer Devisenreserven (derzeit 11.000 Milliarden CFA-Francs, etwa 16,8 Milliarden Euro) auf einem Konto des französischen Staates deponieren. Die Einlagen werden – besser als der Markt – mit 0,75 Prozent verzinst und können jederzeit abgerufen werden.

Der „Economist“ hat ausgerechnet, dass in 50 Jahren die Inflation in der Elfenbeinküste sechs Prozent betrug und in Ghana (mit einer eigenen Währung) 29 Prozent. Gar nicht zu sprechen von den Hyperinflationen in Simbabwe, der Demokratischen Republik Kongo und Angola. Für zahlreiche Geschäftsleute aus Ghana und Nigeria wurde der CFA wegen der Risiken der eigenen volatilen Währungen zu einem sicheren Hafen. Wirtschaftliche Argumente spielen dabei weniger eine Rolle als Vorwürfe postkolonialen Übergriffs und die afrikanische Würde. Die meisten Länder verfügen nicht über die notwendige stabile Wirtschaft für eine unabhängige Währung. Das ist allerdings weniger eine Folge französischer Dominanz, sondern der Unfähigkeit der Afrikaner, ihre Wirtschaft zu modernisieren und konkurrenzfähig zu machen. Mali hatte in seiner sozialistischen Phase eine eigene Währung (1962 bis 1984) und kam wieder in den CFA-Verbund zurück, weil die Bevölkerung der eigenen Währung nicht vertraute. Der Außenhandel wurde trotz Strafandrohung weiterhin auf CFA-Basis abgewickelt. Einzelne Staaten können jederzeit aus dem CFA-Verbund austreten, Mauretanien hat dies 1973 getan und hat seinen Ouguiya (MRO). Mauretanien steht aber wirtschaftlich besser da als zum Beispiel Mali oder Niger. Guinea-Bissau, das nie französisch kolonisiert war, hat sich dennoch entschlossen, Teil der Währungsunion zu werden. Guinea hat die Währung 1960 abgeschafft und durch den Guineischen Franc (GNF) ersetzt. Die wirtschaftliche Lage in diesem reichen Land (Bauxit, Gold) ist mindestens ebenso katastrophal wie in den meisten CFA-Staaten.

Frankreich ist verhandlungsbereit

Am 28. November 2017 sagte der französische Präsident Macron nach einer Rede vor Studenten der Universität Ouagadougou/Burkina Faso: „Niemand zwingt die Staaten, Mitglied des CFA-Franc zu sein. Wenn Ihr Präsident morgen beschließt, die Union zu verlassen, dann ist Burkina Faso morgen raus aus der Währung. Die afrikanischen Mitgliedsstaaten des CFA-Franc sind selbst Herren über ihr Schicksal. Die Entscheidung liegt ganz bei ihnen.“ (Antwort auf die Frage eines Studenten.) Im Frühjahr 2018 hat Macron erneut angeboten, nur in den zentralafrikanischen XAF-Staaten, die immer noch viel zu viel importieren, den CFA abzuwerten und im Gegenzug in den westafrikanischen XOF-Staaten sogar leicht aufzuwerten, weil dort die Importbilanz verbessert werden konnte.

Frankreich bietet auch eine Namensänderung und den Verbleib der Devisen in Afrika an. Gambia und Ghana sind an einem Beitritt interessiert. Ein Beitritt von Nigeria (75 Prozent der Wirtschaftskraft der UEMOA) würde Frankreich überfordern. Eine Garantie der unlimitierten Konvertierbarkeit wäre ein unkalkulierbares Risiko für Frankreich (und damit auch für die Euro-Staaten).

Der Ökonom und ehemalige togoische Minister Kako Nubukpo kritisiert die Gegner des CFA: „Frankreich wartet auf Vorschläge seiner Partner, die nicht kommen.“ Und Abdourahmane Sarr, senegalesischer Ökonom und ehemaliger Vertreter des IWF in Togo und Benin sagt: „Jeder vernünftige Mensch ist der Ansicht, dass eine Reform der CFA-Zone erforderlich ist.“ Beide wollen den CFA reformieren, aber nicht abschaffen.

Misswirtschaft, Korruption, Ausverkauf der Bodenschätze

Alassane Ouattara, Präsident der Elfenbeinküste, äußerte sich in einem Interview mit der französischen Zeitschrift „Jeune Afrique“ (Nummer 2995 vom 3. bis 9. Juni 2018, Seite 25): „Der CFA-Franc ist eine stabile Währung, geeignet für die Länder, die ihn nutzen. Andernfalls hätten sie ihn schon längst aufgegeben. Jetzt sind Reformen nötig, über die wir unvoreingenommen nachdenken.“

Prof. em. Dr. Robert Kappel hält das Fehlen eigenständiger afrikanischer Währungspolitiken, die auf die Bedürfnisse afrikanischer Volkswirtschaften ausgerichtet sind, für ein Tabuthema. Künstlich überbewertete afrikanische Währungen, die an den US-Dollar oder den Euro gekoppelt sind, verteuerten afrikanische Exportprodukte auf dem Weltmarkt und verhinderten Auslandsinvestitionen in Afrika. So seien die CFA-Francs-Zonen in West- und Zentralafrika – ein Überbleibsel aus der französischen Kolonialzeit – der Versuch, eine Art Währungskolonialismus aufrechtzuerhalten: „Durch die überbewertete Währung des CFA-Franc behindern wir die Industrialisierung in den afrikanischen Ländern. Deren Unternehmen können auf dem Weltmarkt nie wettbewerbsfähig werden.“

Für die meisten Kenner West- und Zentralafrikas ist nicht der CFA für die Armut und die Fluchtbewegungen verantwortlich, sondern Misswirtschaft, Korruption und der Ausverkauf der Bodenschätze.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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