24. September 2019

Michail Bakunin, Teil 3 Zur Kritik des Konstruktivismus

Die konservative Seite des Revolutionärs

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Auf der Seite der Verfolgten: Michail Bakunin (1814-1876)

Bakunin eilt der zweifelhafte Ruhm nach, ein besonders wilder und unerbittlicher Revolutionär gewesen zu sein, der vor allem zur Zerstörung aufgerufen habe. Die Lust an der Zerstörung, sagte er im Geiste Hegels, sei eine schöpferische Lust. Von der „schöpferischen Zerstörung“ sprach freilich auch Joseph Schumpeter (1883-1950). „Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem US Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“ Diesen Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ erklärte Schumpeter zu dem für den Kapitalismus wesentlichen Faktum.

Durch die marxistischen und faschistischen Revolutionen im 20. Jahrhundert ist das Bild der Revolution geprägt worden, die eine neue zentrale Herrschaft aufbaut, mit der sie die Gesellschaft nach einem theoretischen Idealbild zu formen trachtet. Dies ist gar nicht weit weg von dem Konzept, das in den westlich-demokratischen, nicht-revolutionären Staaten die sogenannten Sozialtechnokraten verfolgten, wenn sie es auch eher mit Samtpfoten angingen anstatt durch brachiale Gewalt und Umerziehungslager. Alle ideologisch unterschiedlichen Vorstellungen, eine Gesellschaft wie eine Maschine planen, bauen und „verbessern“ zu können, welcher Gesellschaftstheorie auch immer folgend und auf welchem Wege auch immer, fasste Friedrich August von Hayek unter dem Begriff des „Konstruktivismus“ zusammen.

Gemessen am Konstruktivismus, bediene er sich nun diktatorischer oder demokratischer Instrumente, waren Bakunins Ziele erstaunlich umsichtig und geradezu konservativ. Der von ihm geforderten „radikalen Abschaffung jeder offiziellen Religion“ steht die „absolute Gewissens- und Propagandafreiheit für jeden“ gegenüber, die einschließe, „seinen Göttern, welche immer es seien, so viele Tempel, als er will, zu errichten und die Priester seiner Religion zu bezahlen und zu unterhalten“, sofern dies auf strikt freiwilliger Grundlage und auf eigene Kosten geschehe. Auch wenn er vollmundig von einer „Abschaffung der Familie“ spricht, meint er damit, wie er klarstellt, die Einmischung des Staats in familiäre Angelegenheiten und nicht etwa die „Abschaffung“ (Zerstörung) der „natürlichen Familie“. Auch die „Verschiedenheiten von Fähigkeiten und Kräften, die Unterschiede von Rassen, Nationen, Geschlecht, Alter unter den Menschen“ will Bakunin nicht eliminiert sehen, denn sie seien keine sozialen Übel, sondern bildeten „im Gegenteil den Reichtum der Menschheit“. Dies gilt, man höre und staune, sogar dafür, dass es der Revolution, die Bakunin anstrebte, nicht um „Gleichmachung des persönlichen Vermögens“ gehe. Auch was die Organisation der Arbeit betrifft, setzte Bakunin auf Freiwilligkeit. Es werde „jedem freistehen, sich zur Arbeit zu assoziieren oder nicht“. Mit „zur Arbeit zu assoziieren“ ist das Konzept der Genossenschaften gemeint, das im außer-marxistischen Sozialismus des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Bakunin kann hier also nichts anderes gemeint haben, als dass neben diesen Genossenschaften durchaus die kapitalistische Wirtschaft fortbestehe.

Insbesondere sah Bakunin die Gefahr, dass die (revolutionären, städtischen) Arbeiter der Landbevölkerung eine für diese erdachte Ordnung aufzwingen wollen und die Bauern damit abschrecken. Ein solches Ansinnen hält er aber nicht nur für taktisch unklug, sondern erklärt eine derartige „Anmaßung“ auch für ungerecht und reaktionär. Die Revolutionäre dürften, so Bakunin, niemandem, weder in der Stadt noch auf dem Land, etwas aufzwingen. „Eine Revolution, die von offiziellen Dekreten oder mit bewaffneter Hand aufgezwungen wird, ist keine Revolution mehr, sondern ihr Gegenteil, denn sie ruft notwendig die Reaktion hervor.“

Er warnt vor der Vorstellung, eine ideale Gesellschaft mittels revolutionärer Gewalt aufbauen zu wollen: „Merken Sie wohl, ich behaupte nicht, dass das Land, das sich auf die anarchistische Weise von unten nach oben reorganisieren wird, auf den ersten Schlag eine ideale Organisation schaffen wird. Ich bin aber überzeugt, dass das eine lebendige Organisation sein wird, und als solche ist sie tausendmal der überlegen, die heute existiert.“

Im Pluralis Majestatis verkündete Bakunin: „Entsprechend unserer Überzeugung haben wir weder die Absicht noch die geringste Lust, unserem oder einem fremden Volk ein beliebiges Ideal einer Gesellschaftsstruktur anzuhängen.“ Das ist edel gedacht. Leider sprach er damit nicht den Revolutionären aus der Seele, die sich daranmachten, genau das Gegenteil von dem zu verwirklichen, was er unter Revolution verstand: Sie hatten genaue Vorstellungen darüber, wie die Gesellschaft sein müsse, und wenn die Menschen sich nicht freiwillig in das vermeintlich ideale System fügten, so setzten sie Gewalt ein.

Wenn Bakunin schreibt, die Revolution könne „wohl eine blutige und rächende sein in den ersten Tagen, während derer sich die Volksjustiz“ vollziehe, aber sie werde „diesen Charakter nicht lange behalten und nie den eines systematischen und kalten Terrorismus annehmen“, so kann ich heute, nach dem 20. Jahrhundert der schrecklichen Revolutionen nur feststellen, dass er sich geirrt hat: Die (angebliche) „Volksjustiz“ institutionalisierte sich und war keine vorübergehende Erscheinung. Daraus folgt, dass die Idee einer „blutigen und rächenden“ Revolution bereits im Anfang falsch ist.

Es ist bedeutsam, dass Bakunin in der Frage der Art der Revolution ambivalent bleibt. Im Anfang eines Briefes an französische Revolutionäre rühmt Bakunin 1870 die patriotische Bereitschaft der Arbeiter, Frankreich „in eine Wüste zu verwandeln, alle Häuser in die Luft zu sprengen, alle Städte zu zerstören und anzuzünden“, wenn dies zur Verteidigung des Landes notwendig sei. Dagegen wolle „die Bourgeoisie das unbedingte Gegenteil. Es kommt ihr vor allem auf die Erhaltung ihrer Häuser, ihrer Eigentumsrechte und ihrer Kapitalien an.“ Ehrlich gesagt gefällt mir diese friedliche Variante bedeutend besser. 1862 schrieb Bakunin unmissverständlich: „Blutige Revolutionen sind dank der menschlichen Dummheit manchmal notwendig, doch sind sie immer ein Übel, ein ungeheures Übel und ein großes Unglück. Nicht nur in Anbetracht der Opfer, sondern auch um der Reinheit und Vollkommenheit des zu erreichenden Zieles willen, in dessen Namen sie stattfinden. Das hat man an der Französischen Revolution gesehen.“ Einige Jahre später behauptet er mit Hinblick auf die Französische Revolution, diese sei „weder rachsüchtig noch blutrünstig“ gewesen und es sei sogar so gewesen, dass sie, „sobald sie sozialistischen Charakter angenommen hatte, aufhörte, blutrünstig und grausam zu sein“. Historisch ist das eindeutig falsch, aber seine Intention ist ebenso eindeutig friedlich und gegen den Konstruktivismus gerichtet.

In seinem erwähnten Brief an französische Revolutionäre warnt Bakunin 1870 am Schluss: „Gebt acht, dass die Deutschen sich nicht bald einbilden, sie hätten die Aufgabe, Euch zu zivilisieren und Euch glücklich zu machen, wie Ihr Euch einbildet, Ihr hättet die Aufgabe, Eure Landsleute, Eure Brüder, die Bauern Frankreichs zu zivilisieren und zu befreien. Mir sind beide Anmaßungen gleich verhasst, und ich erkläre Ihnen, dass ich sowohl in den internationalen Beziehungen als auch in den Beziehungen einer Klasse zur anderen immer auf der Seite derjenigen sein werde, die man durch dieses Verfahren zivilisieren will.“ Egal wie die Revolutionäre der Anmaßung heißen mögen, Lenin, Trotzki, Stalin, Mao, Kim Il-sung, Castro, Pol Pot: Bakunin erklärt sie zu Reaktionären und steht auf der Seite der Verfolgten.


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