20. September 2019

Äußerungen von Herbert Grönemeyer in Wien Knödeln gegen rechts

Der Vergleich mit Goebbels hinkt

von Archi W. Bechlenberg

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Bildquelle: 360b / Shutterstock.com Kein Goebbels: Herbert Grönemeyer

Seit Tagen beschäftigt Herbert Grönemeyer Medien und soziale Netzwerke. Genauer gesagt, seitdem er in Wien, nein, nicht auf dem Heldenplatz, sondern in einer Art Sportpalast anlässlich eines Auftritts vor dafür zahlendem Publikum lauthals verkündete: „...liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“. Das fiel auf.

Die ihm wohlgesonnenen Medien und deren „Follower“ setzten den Fokus flugs nicht auf diese Passage, sondern darauf, dass er sich gegen „rechts“ ausgesprochen habe („Wir gehen keinen Millimeter nach rechts!“), was Grönemeyers gutes Recht sei (und ist), und sie lenkten damit von der Forderung nach „Diktat“ – wenn auch unelegant – ab. Wo bitte wäre denn dann ein Aufreger? Gegen „rechts“ spricht sich heute so ziemlich jeder aus, der das Sagen hat oder von Leuten profitieren will, die das Sagen haben; das müsste also nicht besonders erwähnt werden und erst recht keine Schlagzeile veranlassen.

„...liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“. Diese unmissverständliche Formulierung sorgte, bei allen Beschwichtigungsversuchen aus Grönemeyers Fankurve, für reichlich Kritik, vereinzelt kam Kritik sogar von „links“. Herbe Kritik. Und wer sich nicht ablenken ließ, sondern kritisch auf Diktion und Inhalt des Grönemeyerschen Aufschreis abzielte, war schnell beim Vergleich mit dem einstigen Reichspropagandisten Joseph Goebbels.

Hier gilt es, Einspruch zu erheben. Der Vergleich Goebbels-Grönemeyer hinkt.

Goebbels war ein schmächtiges Männlein, und unter seinen Brüdern gab es keinen Orthopäden, wäre er sonst wie Mephisto umhergeschlurft? Goebbels konnte man bei bösestem Willen kein „arisches“ Äußeres beimessen, ganz im Gegensatz zum jungen Grönemeyer, dem blonden Sportskameraden aus Bochum. Dessen Anmutung stieß seinerzeit den „Boot“-Autor Lothar-Günther Buchheim so ab, dass er gegen die Besetzung der Rolle des Leutnant Werner mit Grönemeyer in der Verfilmung des Heldenepos wetterte. Davon übrig geblieben ist nichts; heute erinnert Grönemeyers Silhouette eher an die des früheren Reichsjägermeisters oder an Grönemeyers Poesie aus einem selbstverfassten Schlager: „Sein Kopf stützt sich auf sein Doppelkinn.“

Keine Häme an dieser Stelle, das ist alleine Grönemeyers Sache und berechtigt nicht zu Bodyshaming. Mag sein, dass er heute nicht mehr in ein U-Boot passt, aber da wird es ihn auch nicht mehr reinlocken. Ich bin selber nicht der Schlankste und weiß, dass es großer Charakterstärke, Disziplin und Willenskraft bedarf, um sein Äußeres einigermaßen in den Griff zu bekommen. Was, wenn man Currywurst und Bier liebt, nicht einfach ist.

Oder sind es Fish and Chips? Bekanntlich wohnt Grönemeyer seit mehr als 30 Jahren in London, wo er die Anonymität genießt, die ihm in einem Land zuteilwird, in dem ihn kaum jemand kennt. „Abgeschottet in London“, wie die „Zeit“ es formulierte. Nur kleinliche Stinkstiefel halten sich daran auf, dass der überwiegend in England lebende Mann von Deutschland sagt: „Das Land ist unser Land.“

Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu hören. Was erwartet man denn von einem Herbert Grönemeyer als eben das, was er in Wien von sich gegeben hat? Es passt, verzeihen Sie die etwas rustikale Redewendung, wie Arsch auf Eimer zu dem, was er sonst an Statements abgibt. „Wenn man sieht, mit welcher Dankbarkeit und welcher Wucht die (Flüchtlinge) hier Teil der Gesellschaft werden wollen und ihren Kopf einbringen wollen. Ich finde, das vitalisiert ein Land.“ Ja, das hat er wirklich gesagt, jedenfalls wenn man der „Märkischen Allgemeinen“ glauben darf (und wer würde das nicht?) An einem solchen Satz erkennt man ohne weitere Nachfrage, mit welch wachem Blick Herbert Grönemeyer die Zustände in Deutschland auf seinen Punkt bringt. Was nicht ganz so vitalisiert, nicht ganz so viel Dankbarkeit erkennen lässt und dank seiner Wucht für viele eher fatal war und weiter sein wird – das sind, wir ahnen es, Einzelfälle, die gar nicht erst erwähnt werden müssen. Viel freundlicher, weltoffener, multikultureller ist es doch, alles von der bunten Seite des Lebens zu sehen. „Ich kann mit Menschen, die aus anderen Ländern kommen“, sagt Herbert Grönemeyer, und ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge, wie er mit Japanern, Chinesen, Finnen, Spaniern oder Mexikanern in trauter Runde einen hebt. Ob in London, Wien oder anderswo.

Nein, der Vergleich mit Goebbels hinkt und entspricht keineswegs der vorherrschenden, öffentlichen Meinung (auch „Diktat“ genannt). Am schönsten hat es vielleicht ein auch eher schmächtiger Mann, Heiko Maas, ausgedrückt: „Es liegt an uns, für eine freie Gesellschaft einzutreten und die Demokratie gemeinsam zu verteidigen. Danke an Herbert Grönemeyer und alle anderen, die das jeden Tag tun.“ Ja, da hat er doch recht, unser Außenminister. Wer wollte nicht für eine freie Gesellschaft eintreten und die Demokratie verteidigen? Okay, nicht jeder per Diktat vielleicht.

Hängen wir uns also nicht an Grönemeyers Phonwert auf, mit dem er nach Diktat schreit. Der Wert mag übersteuert gewesen sein. Aber der Knödelbarde „beherrscht“ nun einmal „die lauten und leisen Töne“ („Der Tagesspiegel“), und Gebrüll gehört zu seinen Stilmitteln, wie man lesen kann. Was allerdings auch auf den Knilch aus Rheydt zutraf. Aber den wollen wir ja nicht mehr anführen.

Aufregung vorbei. Es geschah ohnehin nicht im Land ohne Grenzen, sondern in der Ostmark. Und eine Tatsache darf auf keinen Fall unterschlagen werden: Grönemeyer wurde vom Publikum für seine Attacken gegen „rechts“ und seine Sehnsucht nach einem Diktat mit Jubel und Begeisterung gefeiert. Auch hier zeigt sich noch einmal der Unterschied zu Goebbels‘ Auftritt 1943. Da war das Publikum lange nicht so aufgepeitscht.

„Märkische Allgemeine“: „Grönemeyer sieht Flüchtlinge positiv: ‚Das vitalisiert ein Land‘“


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