19. September 2019

Sascha Lobo und sein neues Buch Absolut lesenswert

Wer anderer Meinung ist, ist böse und rechts

von Burkhard Voß

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Bildquelle: Matthias Bauer (CC BY-SA 2.0)/flickr Grenzenloses Selbstbewusstsein: Sascha Lobo

Hamburg, 7. September 2019, Kongress für Persönlichkeitsstörungen, ein Hörsaal auf dem Universitätsgelände. Dieser ist beliebig, ganz und gar nicht beliebig ist Sascha Lobo, der Mann mit der Suppenhuhnfrisur und ausgewiesener Experte für Digitalisierung. Wenn Hühnersolidarität sich in die Digitalisierung verliebt, schlüpft Sascha Lobo aus dem Ei. Dank eines nur für ihn eingerichteten Zugangs zum schnellen Internet absolvierte er sein Studium in nur 38 Semestern.

Zur Anmoderation erklärt der Kongresspräsident den Nachnamen „Lobo“ als spanische Bezeichnung für „Wolf“, ein Tier, das derzeit überwiegend in Deutschland für Empathie und Entrüstung sorgt, was auch das Leitthema dieses Kongresses war. Wölfe jagen im Rudel und sind Teamplayer, das hat Sascha Lobo nicht nötig. Sollte er sich einem Wolfsrudel anschließen, dann nur als Leitwolf. Jede Partei würde sich um Sascha Lobo reißen, die SPD, um Kompetenz in Digitalisierung reinzuholen, die Grünen, weil er dem Volk ohne weiteres verkaufen könnte, dass durch Digitalisierung die Kohlendioxidemission global auf null reduziert werden könnte, die FDP, damit Christian Lindner und Wolfgang Kubicki ab dann nicht mehr die Einzigen sind, die den Schnabel aufreißen dürfen, die Linke, weil Digitalisierung gleich Schwarmintelligenz ist und somit die Gleichheitsideologie beflügelt würde, und die AfD, um zu zeigen, dass nicht nur Monokelfritzen und Deutsche Schäferhunde in ihrer Partei zu finden sind.

Sowohl die gesamte Erscheinung als auch die mediterrane Ganzkörpergestik mit mal weit ausgebreiteten, mal verschränkten Armen erinnert auch von der gesamten Physiognomie her an… Benito Mussolini? Eine politisch unkorrekte Assoziation in politisch korrekten Zeiten. Entschuldigung. Sascha Lobo ist ganz sicher kein Faschist. Aber ein nicht nur geringes Talent zur Demagogie ist ihm schwerlich abzusprechen. Auch scheint sein Selbstbewusstsein eine gewisse Grenzenlosigkeit auszustrahlen. Eine homöopathische Dosis hiervon würde ausreichen, alle depressiven Patienten in Deutschland zu heilen.

Viel Neues zu sagen hatte er nicht, das Thema verfehlte er komplett, was bei seinem rhetorischen Talent auch komplett egal war. Wer Gelegenheit hat, ihn live zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen. Die perfekte Selbstdarstellung beschäftigt lange. Und trotzdem zuckte der ach so Coole einmal etwas ängstlich, als er meinte, gefilmt zu werden, was er der verdächtigten Zuhörerin spontan mitteilte. Demagogen sollen ja auch ängstlich sein. Aber er hat Manieren. Sekunden später entschuldigte er sich fast für sein forsches Auftreten.

Sascha Lobo ist die ideale Figur im digitalen Zeitalter, um perfekt zu zeigen, dass man viel erzählen kann, ohne irgendetwas Neues zu sagen. So auch in seinem aktuellen Buch „Realitätsschock“, das er mit schriller Stimme schon mal in der „Kulturzeit“ auf 3sat präsentieren durfte. Es enthält sicherlich einige kluge und kritische Gedanken zur Digitalisierung. So erfährt der Leser, dass es in China eine App gibt, die „Versager-Karte“ genannt wird und anzeigt, wer dem Staat auf der Tasche liegt. Diese Sozialschmarotzer werden öffentlich angeprangert, und die User dieser App werden aufgefordert, sozialen Druck aufzubauen. In Verbindung mit dem ökologischen Erfolg Chinas nennt sich das Ganze „autoritäre Herrschaft plus Digitalkapitalismus gleich Wohlstand“.

Auch weist der Autor darauf hin, dass wir auf eine digitale Gesellschaft zusteuern, in der selbst Experten nicht mehr genau erklären können, was digital so abgeht. Beispielsweise warum ein Inhalt im Nachrichtenstrom besonders angezeigt wird. Der ehrliche Experte kann dann nur sagen: „Ich weiß es nicht.“

Oder wussten Sie beispielsweise, dass Ihr Smartphone einen Tag vorher weiß, dass Sie eine Grippe bekommen? Das geschieht durch die Registrierung von minimalen Bewegungseinschränkungen, wenn das Immunsystem damit beschäftigt ist, die Grippeviren zu bekämpfen. Einen Tag später bemerkt das Bewusstsein die Temperaturerhöhung.

Interessante digitale Details. Politisch hingegen ist das Buch eine Katastrophe. Gewissermaßen der Versuch eines Gegengifts zu Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Ein Vademekum für das 21. Jahrhundert. Sascha Lobo hat‘s geblickt. Seine Quintessenz sieht folgendermaßen aus: Viele emotionale Bilder in den sozialen Medien lenken das Bewusstsein der Gesellschaft zu den wirklich wichtigen Themen. Vegane Menschen sind gute Menschen. Eine Million Menschen aus Nordafrika und dem Vorderen Orient nach Deutschland zu holen, war die größte Leistung von Angela Merkel. Wer anderer Meinung ist, ist böse und rechts. Migration gehört zur Normalität wie Sascha Lobo zu guten deutschen Talkshows. Wer anderer Meinung ist, ist ebenfalls böse und rechts. Europa ist an allem schuld, deswegen muss mindestens jeder zweite Afrikaner nach Europa kommen. Dass 65 Prozent der türkischstämmigen Wähler in Deutschland Erdoğan gewählt haben, liegt natürlich an der gescheiterten Integration. So etwas wie eine Identität gibt es gar nicht.

Aber das Wichtigste lässt der Autor schon gleich in der Einleitung raus. Das ist die Gendertheorie. Er hat sie nur deswegen nicht genauer beschrieben, weil seine Frau als Biologin ein Buch mit diesem Thema in Vorbereitung hat. Man darf gespannt sein. Die Genderideologie ist für ihn die höchste Kulturstufe der westlichen Welt. Um diese komplett durchzusetzen, den Realitätsschock zu überwinden und den Klimawandel aufzuhalten, muss man nur auf die junge Generation hören, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Denn die ist vernetzt, leistungsfähig, hochkonzentriert, hochmotiviert, schwarmintelligent und hat einen IQ von mindestens 140.

Fazit: Absolut lesenswert!

Sascha Lobo: „Realitätsschock – Zehn Lehren aus der Gegenwart“ (amazon.de)


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