16. September 2019

Michail Bakunin, Teil 2 Freiheit setzt notwendig Eigentum voraus

Dekonstruktive Bakunin-Lektüre

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Ludwig von Mises Institute (CC BY-SA 3.0)/Wikimedia Commons War wie Bakunin gegen Latifundienvermögen und für Sezession: Ludwig von Mises (1881-1973)

Bauern, Eigentum, Erbe, Land, Steuern: In der Argumentation von Michail Bakunin kann ich meine Grundthese, dass jeder, der ehrlich für Freiheit eintritt, Eigentum voraussetzt, beweisen: dass er das auch tut, wenn er dem Wortlaut nach sich als Sozialist bezeichnet und meint, Eigentum ablehnen zu müssen.

Erstens: Bakunin forderte die Abschaffung des Erbrechts, und zwar sowohl in seiner ersten Skizze der anarchistischen Gedanken, den „Prinzipien“ von 1866, als auch in dem von ihm formulierten Antrag für die (erste) „Internationale Arbeiterassoziation“ 1869. Seine durchaus liberal-aufklärerische Argumentation lautete, auf dem Erbrecht beruhe die Ungleichheit und der ererbte Reichtum sei kein eigens selbst geschaffener Reichtum. Zugleich polemisierte er (als Sozialist) aber auch hin und wieder gegen das Eigentum ganz allgemein. Doch: Was hätte jemand zu vererben, wenn es kein Eigentum gäbe? Nichts. Abschaffung des Erbrechts heißt implizit, dass das Eigentum der Lebendigen nicht abgeschafft wird. So heißt es in den „Prinzipien“ 1866 auch ausdrücklich: Der Status quo des Besitzes bliebe unangetastet, denn sonst würde es nämlich reichen, zu sagen: Ziel sei die Abschaffung des Eigentums; ohne Eigentum bliebe schließlich niemandem etwas, das er vererben könnte.

Zweitens: Dass, wenn es kein Erbrecht gäbe, jedermann zu Lebzeiten alles verzehren würde, ging Bakunin und allen, die die Abschaffung des Erbrechts forderten (so auch Engels und Marx im „Kommunistischen Manifest“ 1848), nicht in den Kopf. Sobald es keinen ökonomischen Sinn mehr macht, Kapital aufzubauen, wird die Produktion in den Keller gehen: Dies konnte man durchaus bereits einsehen, bevor es in Russland und China nach der Revolution tödliche Praxis wurde.

Drittens: Was Bakunin und die anderen Gegner des Erbrechts im 19. Jahrhundert treffen wollten, war das feudale Eigentum: also der Grundbesitz, der beim Übergang des Feudalismus in den modernen Staat aus der Umwandlung des Lehens in Eigentumstitel hervorgegangen war. Auch Großkapitale waren vielfach durch die Monetarisierung von Grundbesitz beziehungsweise Teile von ihm entstanden (neben unmittelbarem staatlich organisiertem Raub, der ebenfalls zur von Marx so genannten „ursprünglichen Akkumulation“ beitrug). Dieser Grundbesitz und diese Großkapitale gründeten tatsächlich nicht auf Leistung und verstießen gegen das liberale Prinzip. Sie vererben zu können, bedeutete auch in den Augen der damaligen Liberalen, die Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten.

Viertens: Die Bauern lehnten den post-feudalistischen Großgrundbesitz ab, gingen jedoch selbstverständlich davon aus, dass sie durch die Revolution (angefangen bei der Mexikanischen Revolution) zu Eigentümern des Bodens würden, den sie bearbeiteten; und dass sie ihren Boden überdies auch den Nachkommen vererben könnten. Bakunin und Marx wussten das. Für Marx waren die Bauern deshalb das reaktionäre Element schlechthin. Bakunin dagegen warnte die Arbeiter in seiner Schrift „Das Knutogermanische Kaiserreich“ von 1871, den Bauern mit Enteignung zu drohen. Hellsichtig. Der Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierungen führte zum Holodomor ab 1932 in der Ukraine und zu der Hungerkatastrophe nach dem „Großen Sprung nach vorn“ in China ab 1958. „Der Bauer hasst alle Regierungen“, schreibt Bakunin mit Hinblick auf die französischen Verhältnisse, aber unter allen Regierungsformen sei ihm die republikanische Regierung die verhassteste, weil sie ihn an den Steuerzuschlag erinnere. Wie werden es die Arbeiter aber angesichts dessen anfangen, das Land zu revolutionieren?, fragt Bakunin. „Die Bauern betrachten die Arbeiter der Städte als Kommunisten und fürchten, dass die Sozialisten ihren Boden, den sie über alles lieben, konfiszieren. Die Bauern werden mit den Arbeitern der Städte zur Rettung des Vaterlandes marschieren, sobald sie überzeugt sein werden, dass die Arbeiter der Städte ihnen weder ihren Willen noch irgendeine politische und soziale Ordnung aufzwingen wollen. Die Arbeiter müssen darauf verzichten, denn selbst wenn derartige Anmaßungen verwirklicht werden könnten, wäre sie ganz und gar ungerecht und reaktionär.“

Fünftens: Diejenigen, die sich um die Versorgung ihrer Kinder Gedanken machten, sollte das Erbrecht abgeschafft werden, versuchte Bakunin zu beruhigen, indem er sagte, „die Gesellschaft“ werde sich um die Versorgung der Kinder kümmern; schließlich stünden ihr durch Einziehung der Erbteile genügend Mittel dazu zur Verfügung. Dass „die Gesellschaft“ hier nur ein Euphemismus für „Staat“ sein kann, sah der Anarchist nicht; indirekt erscheint es jedoch in seiner verräterischen Formulierung, „die Gesellschaft“ werde so der „oberste Vormund“ der Kinder. Sie sind nun völlig von dem aus den Erbteilen gespeisten Fonds abhängig. Die Größe des Fonds wird jedoch immer weiter abnehmen, da ja wie gesagt die Tendenz besteht, das Kapital aufzuzehren, wenn es nicht vererbt werden darf. Der Fonds wäre im Übrigen das unantastbare Eigentum „der Gesellschaft“. Denn wenn „sie“ entscheiden kann, den Fonds für die Kinder zu verwenden, wäre jedermann sonst ausgeschlossen davon, sich der im Fonds befindlichen Mittel zu bedienen.

Sechstens: Aber nicht nur die Bauern wollten ihr Eigentum behalten. Auch die Arbeiter. Bakunin, aber auch Marx, beklagte wieder und wieder die Steuern, die nicht nur den Bauern, sondern auch den Arbeitern auferlegt würden und sie des Genusses ihrer Anstrengungen beraubten. Implizit ist darin das Versprechen enthalten, nach der Revolution würden sie nicht besteuern. Allerdings: Gäbe es kein Eigentum, dann wäre die Frage der Besteuerung gänzlich irrelevant. Nicht nur der Staat, jedermann könnte dann Arbeitern und Bauern alles das nehmen, was diese erwirtschaftet haben.

Siebtens: Beseitigung der Staatsreligion oder aller staatlich geförderten Religionen, verkündete Bakunin in seinen „Prinzipien“ 1866. Zugleich sicherte er völlige Religionsfreiheit zu, das heißt privaten Kirchenbetrieb auf Kosten der an ihm Interessierten. Dies setzt, mit Verlaub, voraus, dass „die daran Interessierten“ über Mittel als ihr Eigentum verfügen, um „Kosten“ zu decken. Mehr noch: Vorausgesetzt, es gäbe kein Eigentum, könnten die Vertreter der Kirchen ohne zu fragen sich aller Mittel bedienen, die sie zum eigenen Erhalt bräuchten, auch jener Mittel, die Menschen erwirtschaftet haben, die die entsprechende Kirche ablehnen. Dass die Kirchen und mittelbar diejenigen, die sie finanzieren, ihrerseits nicht geplündert werden, setzt sowohl Eigentum als auch Erbrecht voraus.

Achtens: Die bessere Einsicht von Bakunin lautete, dass der Status quo des Besitzes ebenso wie der des Erbrechts erhalten bleibt, da die drückende Macht der Reichen durch die politische Organisation erzeugt werde. Dies war ja auch schließlich die Auskunft von Ludwig von Mises zu der Frage nach Großgrundbesitz und Monopolkapital: Sie verschwinden auf dem Markt oder müssen sich so verwandeln, dass sie den Mitmenschen optimal dienen. 1932 schrieb Mises in „Die Gemeinwirtschaft“: „Großgrundeigentum und Latifundienbesitz sind nirgends und niemals aus dem freien Verkehr hervorgegangen. Sie sind das Ergebnis militärischer und politischer Bestrebungen. Durch Gewalt begründet, konnten sie auch stets nur durch Gewalt aufrechterhalten werden. Sowie die Latifundien in den Tauschverkehr des Marktes einbezogen werden, fangen sie an, abzubröckeln, bis sie sich schließlich ganz auflösen. Wirtschaftliche Gründe haben weder bei ihrer Entstehung noch bei ihrer Erhaltung mitgespielt. Die großen Latifundienvermögen sind nicht aus der wirtschaftlichen Überlegenheit des Großbesitzes entstanden, sondern durch gewaltsame Aneignung außerhalb des Tauschverkehrs.“ So ähnlich hatte es Bakunin mehr als 50 Jahre zuvor, 1871, auch gesagt. Er hielt den Sozialisten entgegen, die behaupteten, den Bauern ihren Grundbesitz zu lassen, würde heißen, dass die Bauern sich gegenseitig vernichten würden: „Selbst wenn sie das anfangs versuchen wollten, würden sie sich bald von der materiellen Unmöglichkeit, auf diesem Wege zu beharren, überzeugen, und man kann dann sicher sein, dass sie versuchen werden, sich untereinander zu verständigen, zu vergleichen und zu organisieren, und bald den Weg gegenseitiger Abmachungen zu beschreiten. Und glauben Sie noch weniger, dass in diesen außerhalb jeder offiziellen Bevormundung herbeigeführten Abmachungen, die nur von der Macht der Dinge erzwungen sind, die Stärksten, die Reichsten einen beherrschenden Einfluss ausüben werden. Da der Reichtum der Reichen nicht mehr von rechtlichen Einrichtungen garantiert sein wird, wird er aufhören, eine Macht zu sein. Die Reichen sind heute nur deshalb so einflussreich, weil ihnen alle Beamten des Staats huldigen und weil sie gerade vom Staat beschützt werden. Sobald diese Stütze ihnen fehlt, wird ihre Macht verschwinden.“

Neuntens: Auch noch an einem weiteren Punkt, der indirekt mit der Eigentumsfrage zusammenhängt, treffen sich Bakunin und Mises: bei der Frage der Sezession. Für einen Revolutionär sei es notwendig, schreibt Bakunin in seinen „Prinzipien“ (1866), das „absolute Recht der Sezession zuzuerkennen“, und zwar „allen Ländern, Regionen, Provinzen, Gemeinden, Assoziationen und Individuen“. Diese „Sezession“ schließt selbstverständlich implizit ein, dass diejenigen, die sich von einem anderen Verband getrennt haben, weder weiterhin Zugriff auf das Eigentum ihres früheren Verbandes haben noch dass der frühere Verband Zugriff auf das Eigentum der nun selbständigen Einheit hat. 60 Jahre später schreibt Ludwig von Mises in seinem Buch „Liberalismus“ 1927: „Wenn die Bewohner eines Gebietes, sei es eines einzelnen Dorfes, eines Landstriches oder einer Reihe von zusammenhängenden Landstrichen, durch unbeeinflusst vorgenommene Abstimmungen zu erkennen gegeben haben, dass sie nicht in dem Verband jenes Staates zu bleiben wünschen, dem sie augenblicklich angehören, sondern einen selbständigen Staat bilden wollen oder einem anderen Staate zuzugehören wünschen, so ist diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Nur dies allein kann Bürgerkriege, Revolutionen und Kriege zwischen den Staaten wirksam verhindern.“

Bakunin und Mises in eine Front!


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