16. September 2019

Eugène Ionescos Mahnschrift gegen totalitäres Denken und ihre Aktualität Wir und die Nashörner

Nie waren jene Erzählungen wichtiger, die eine Alternative zum Narrativ der Propaganda anbieten

von Dushan Wegner

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Wollen diktieren, wie die Gesellschaft aussieht: Nashörner

„Wir plauderten über dies und jenes auf der Terrasse des Cafés, mein Freund Jean und ich, als wir auf dem gegenübergelegenen Trottoir, riesig, mächtig, laut schnaufend, vorwärtsstürmend, die Warenstände umreißend, ein Nashorn erblickten.“ Mit diesem Satz, viele kennen ihn, beginnt die Erzählung „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco, die er 1959 zum berühmten Drama gleichen Titels ausbaute. Es gibt Texte, die zu schreiben schiebe ich vor mir her, viel zu lange, und wenn ich sie schließlich schreibe, dann ist es noch immer um Jahre zu früh und doch um Jahrzehnte zu spät, und ich grabe etwas aus, das doch unter der Erde schlummern wollte, aber nicht sollte, und wenn es nun am Tageslicht ist, dann zerfällt es keineswegs zu Staub wie die Untoten in Buch und Film – nein! –‍, es kratzt und es beißt und es sucht Blut. Lassen Sie uns „Die Nashörner“ 2019 lesen!

„Die Nashörner“ wird gemeinhin als Warnung vor dem und emotionale Reaktion auf den Totalitarismus gelesen. Die ursprüngliche Erzählung ist kurz, weniger als 15 Seiten. Sie ist denkbar einfach. Sie beginnt mit einer Szene in einem Straßencafé.

In der ersten Szene sitzen der Ich-Erzähler und sein Freund in einem Café an der Straße, und sie erleben, wie ein Nashorn durch die Fußgängerzone pflügt. „Die Passanten stoben heftig auseinander, um ihm den Weg freizugeben. Eine Frau stieß einen Angstschrei aus, ihre Hände ließen die Einkaufstasche fallen, und Wein ergoss sich aus einer zerschellten Flasche über das Pflaster; einige Spaziergänger, unter ihnen ein Greis, traten hastig in die Läden.“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Die erste Panik zieht vorüber. Man denkt darüber nach, wo das Nashorn wohl herkam, dann wechselt man das Thema. Man hat noch einen Rausch von letzter Nacht auszuschlafen.

Oder in Gemälden

In dem Essay „The Decay of Lying“ schreibt Oscar Wilde einen eigenen sokratischen Dialog, und er verlegt den gelehrten Austausch in die Bibliothek eines Landhauses im britischen Nottinghamshire.

Im pseudosokratischen Dialog „The Decay of Lying“ vertritt Wilde die These, dass das Leben die Kunst weit mehr imitiert als die Kunst das Leben. Es beginnt mit einer provokanten Umdrehung: „Cyril: Sie wollen doch nicht sagen, dass Sie ernsthaft

glauben, dass das Leben die Kunst imitiert, dass das Leben in Wahrheit der Spiegel ist, und die Kunst die Realität? Vivial: Sicher tue ich das.“ (Oscar Wilde, „The Decay of Lying“, meine Übertragung.)

Die These wird mehrfach verhandelt und abgeklopft, bis man schließlich einen Schritt weitergeht und damit doch auch der einfachen Vernunft zugänglicher wird: „Es folgte, als Schluss hieraus, dass äußere Natur ebenso die Kunst imitiert. Die einzigen Phänomene, die sie uns zeigen kann, sind jene, die wir bereits durch Poesie gesehen haben, oder in Gemälden.“ (Oscar Wilde, „The Decay of Lying“, meine Übertragung.)

Wir können die Welt nicht anders sehen als durch „die Kunst“ – heute würde man wohl sagen: durchs „Narrativ“.

Für den Tiefgläubigen ist die stellenweise Grausamkeit der Welt nicht etwa ein Grund, an Gottes Güte zu zweifeln – und damit an seiner Existenz, so er als „allgütig“ deklariert wurde –‍, sondern eine Prüfung seines Glaubens. Der Gläubige

heutiger Narrative sieht in kontrafaktischer Evidenz nicht die Widerlegung seines auf Lügen gebauten Weltbildes, sondern (lediglich?) eine Prüfung seiner Frömmigkeit. Ich habe von Eltern gehört, die auf die Ermordung ihres Kindes reagierten, indem sie nur noch lauter das Narrativ hochhielten, als dessen Opfer man ihr Kind deuten könnte.

Wir leben in Zeiten des Narrativkriegs. Realität, Geschichte, die Weisheitslehren der letzten 6.000 Jahre, ganz einfache Lebenserfahrung und nicht zuletzt die tatsächlichen Handlungen der Eliten in deren eigener Sache legen das eine Narrativ nahe – der milliardenschwere Staatsfunk predigt ein anderes Narrativ. Wenn wir heute „Narrativ“ sagen, meinen wir Deutungsvorgaben für gesellschaftliche Entwicklungen, und von denen oft jene, die Staatsfunk, Haltungsmedien und staatliche Schulen propagandistisch durchdrücken, doch wörtlich bedeutet „Narrativ“ schlicht „Erzählung“.

Nie waren jene Erzählungen wichtiger, die eine Alternative zum Narrativ der Propaganda anbieten.

Ich reagierte nur langsam

Das Nashorn ist schon bald weit entfernt. Der verkaterte Protagonist notiert, wie nüchtern er die Angelegenheit betrachtet. „Die Fußgänger verließen wieder ihreZuflucht, Menschengruppen bildeten sich und folgten mit Blicken dem schon weit entfernten Nashorn, besprachen das Ereignis und zerstreuten sich. Ich reagierte nur langsam. Teilnahmslos nahm ich das Bild des laufenden Tieres in mich auf, ohne ihm übertriebene Wichtigkeit beizumessen.“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Ob 9/11, Nizza oder Breitscheidplatz, wenn uns die Katastrophen der vergangenen Jahre etwas lehrten, dann eben, dass das Leben für die Überlebenden eben doch weitergeht – wenn sie nicht am Krebs aufgrund eingeatmeter Stäube schmerzvoll sterben, wie manche Ersthelfer von 9/11 – und dass die Überlebenden zu wenig lernen.

Alle Katzen sind sterblich

Bald erlebt der Protagonist das nächste Nashorn. „Das Gespräch nahm eine verhängnisvolle Wendung, als wir ein mächtiges Gebrüll, das überstürzte Klappern von Hufen eines Dickhäuters, Schreie, das Miauen einer Katze vernahmen; fastc gleichzeitig erschien und verschwand, in Blitzeseile, auf dem gegenübergelegenen Trottoir, ein laut schnaufendes, mit voller Geschwindigkeit vorwärtsstürmendesNashorn. Gleich darauf erschien eine Frau, die in ihren Armen eine kleine, blutende,gestaltlose Masse trug: ‚Es hat meine Katze zertrampelt‘, jammerte sie, ‚es hat meine Katze zertrampelt!‘ Leute scharten sich um die arme, zerzauste Frau, die wie eine wahre Inkarnation der Verzweiflung anmutete, und trösteten sie. ‚Wie entsetzlich!‘, riefen sie, ‚das arme, kleine Tier!‘“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Der deutsche Staatsfunk erklärte vor einiger Zeit: „Beim Essen zu ersticken ist deutlich wahrscheinlicher, als bei einem Terroranschlag zu sterben – laut Statistik.“ Gemäß der These, dass das Leben die Kunst imitiert, müsste sich eine Entsprechung zu solcher Beschwichtigung auch bei Ionesco finden lassen – wir brauchen nur die obere Passage weiterzulesen. „‚Alle Katzen sind sterblich‘, gab ich stupide meinen Senf hinzu, da ich nicht wusste, wie ich sie trösten sollte.“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Im Text „Verwirrung und Terror sind verschiedene Dinge“ auf meinem Blog schreibe ich: „Mit Psychopathen müssen wir leben. Ob wir allerdings mit dem Terror leben wollen oder gar ‚müssen‘, diese Frage – so hoffe ich – ist noch nicht abschließend beantwortet.“

Nein, nicht dass die Katze gestorben ist, ist das eigentliche Problem, denn es ist ja durchaus wahr, dass alle Katzen sterblich sind, sondern dass sich plötzlich Nashörner durch die Stadt treiben, die die Katze zu blutigem Brei verwandeln können, aber erklären Sie das mal jemandem, der seine Silberlinge damit verdient, es nicht zu verstehen.

Phantasie alter Weiber

Im Text „Zwei Deutschlande“ auf meinem Blog schreibe ich über die gespaltene deutsche Gesellschaft: „Die einen werden von Vogelgesang geweckt, trinken Bio-Kaffee und fahren Justus-Jonas in den Waldkindergarten. Die anderen wachen auf, weil nebenan das SEK bei irakischen Rockern anklopft. Zwei Deutschlande, und die, die Glück hatten, nennen sich ‚gut‘.“

Neben den Menschen, die das Nashorn erleben und dennoch dessen Existenz leugnen, weil es anzuerkennen ihr Weltbild beschädigen könnte, gibt es auch noch jene, die das Glück hatten, (bislang) keinen Kontakt zum Nashorn gehabt zu haben, und diese Leute erklären die Berichte vom Nashorn für unwahr.

„‚Ich habe es nicht gesehen und glaub auch nicht daran!‘, erklärte Botard, ehemals Lehrer, der den Posten des Archivars innehatte. ‚Und niemand hat solche je in diesem Land gesehen, es sei denn auf Bildern in Schulatlanten. Diese Nashörner blühen nur in der Phantasie alter Weiber. Ein Ammenmärchen, so wie die Fliegenden Untertassen.“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Im Text „Misstraut den Gebildeten!“ auf meinem Blog schreibe ich: „Jacques Ellul erklärt in ‚Propaganda‘, dass jene, die sich für ‚gebildet‘ halten, für einige Arten der Propaganda besonders anfällig sind, weil und gerade wenn sie meinen, dass sie selbst für Propaganda nicht anfällig seien. Gebildete haben gelernt, nach welchen Mustern die Welt üblicherweise läuft. Sie haben gelernt, Autoritäten zu vertrauen und aus wenigen Informationen weitreichende Schlüsse zu ziehen. Diese Fähigkeiten machen sie normalerweise erfolgreich – solange die Dinge laufen, wie sie es in ihrer ‚Bildung‘ gelernt haben.“ (Weitere Ausführungen zu Ellul finden Sie in meinem Buch zur politischen Sprache, „Talking Points“.)

Via ungezählte und womöglich auch absichtlich unzählbare Förderungen und Abhängigkeiten wurde in Deutschland ein System geschaffen, das sogenannte Intellektuelle dazu motiviert, alle dieselbe Meinung zu produzieren – und zwar zuverlässig gegen die Opposition.

Wer in Zeiten totalitären Denkens die Anerkennung höherer Stellen findet, der ist allein dadurch nach all unserer Geschichtserfahrung moralisch disqualifiziert. Dies sind Zeiten totalitären Denkens und auffällig gleichen Schaltens.

Wer heute schlicht feststellt, dass das passiert, was passiert, dem zitieren die Guten und Gleichgeschalteten praktisch wörtlich Ionesco, wenn sie ihm entgegenspucken, es sei ein „Ammenmärchen, so wie die Fliegenden Untertassen“ (es fallen Formulierungen wie „Aluhut“ und „Chemtrails“, die Ufos heutiger Sprachbilder), und in ihrer gebildeten Dumpfheit wissen die Nashörnerfreunde von heute nicht einmal, dass sie Nashörnerfreunde sind.

Ochs, mein armer Ochs

Woher kommen sie eigentlich, diese Nashörner? Und wofür stehen sie nun genau? Wir lesen: „Madame Ochs, die sich erhoben hatte und uns gefolgt war und einigeMinuten lang aufmerksam das unter uns sich im Kreise drehende Nashorn angestarrt hatte, stieß plötzlich einen Schrei des Entsetzens aus: ‚Das ist ja mein Mann! Ochs, mein armer Ochs, was ist dir nur zugestoßen?‘ Das Nashorn, oder vielmehr Ochs, antwortete mit einem zugleich heftigen und zärtlichen Gebrüll, während Madame Ochs mir ohnmächtig in die Arme sank und Botard, die seinen ausstreckend, sich entrüstete: ‚Das ist der reinste Wahnsinn! Wohin bin ich nur geraten!‘“ (Eugène Ionesco, „Die Nashörner“.)

Menschen verwandeln sich zu Nashörnern. Es ist ein Zeichen der heutigen Zeit, dass Familien auseinanderfallen, wenn gehirngewaschene Kinder oder andere leicht beeinflussbare Familienmitglieder für ihre Eltern nicht mehr zu erkennen sind, weil sie wie Roboter das „Narrativ“ von Staatsfunk und Propaganda aufsagen. Wofür stehen die Nashörner selbst, wofür stehen die eigentlichen Tiere? Es ist Kunst, und Kunst ist das Handwerk der quälenden Leerstelle, die eine Wahrheit umzeichnet, die zu beschreiben uns die Worte fehlen. All die Fragen um die Nashörner sind es, die uns quälen sollen.

„Da liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“, brüllte letzte Woche ein Musiker mit viel „Haltung“ einer Masse von Zigtausenden zu, und die tumbe Masse johlte, und es erinnert mich an gewisse Schwarzweißaufnahmen von früher, und seine Stimme überschlug sich, und Ionesco hätte es übersetzt: „Wir

Nashörner werden diktieren, wer hier wie leben darf, und wer nicht.“

Was ist das für eine „Nashorn-Essenz“, die die Menschen annehmen, wenn sie zu Nashörnern werden? Kann man etwas tun, damit nicht noch mehr Menschen zu Nashörnern werden? Und, sonst erübrigt sich der Rest: Was kann man tun, um nicht selbst zum Nashorn zu werden – und was kann man tun, um nicht vom Nashorn zertrampelt zu werden wie das Kätzchen?

Wir plauderten

Das auf der Erzählung „Die Nashörner“ basierende Drama gilt als absurdes Theater, und es passt perfekt in ein absurdes Schema heutiger Propaganda.

Wir hören heute immer wieder dieselbe Phrasenkonstruktion: „X gibt es nicht, zumindest nicht als abgetrennte Einheit, aber wenn du nicht zu X gehörst, giltst du als Ausgestoßener und Böser, der kaum noch Mensch genannt zu werden verdient.“ Das erste Gesetz ist, dass es keine Nashörner gibt, die zweite ist, dass jener, der kein Nashorn ist, zu verachten ist.

In der Erzählung „Die Nashörner“ wird, unter anderem, die Unterschiedlichkeit von afrikanischen und asiatischen Nashörnern verhandelt, von Nashörnern mit einem und mit zwei Hörnern. Es wird um Details und Varianten verhandelt, während Menschen sterben. Ja, es ist absurd – ähnlich wie die einen Totalitären heute, die den anderen Totalitären den Weg bereiten und doch am Abend selbst zertrampelt werden, weil sie eben die schwächeren Nashörner sind.

„Wir plauderten über dies und jenes“, so beginnt die Erzählung von Ionesco, und wir plaudern auch heute, und man will, dass wir plaudern, übers Wetter und die Geschlechter und andere ewige Plauderthemen, immer weiter, denn das Plaudern lenkt davon ab, dass Menschen unter den Hufen der Nashörner sterben und andere Menschen selbst zu Nashörnern werden, zu Gleichgeschalteten, zu Wir-sind-mehr-Brüllern, zu Haltungsbürgern, zu „non-player characters“.

Was ist die Lehre der Nashörner heute? Nach wie vor dieselbe: Hütet euch, unter die tödlichen Hufe der Nashörner zu geraten, und dann tut alles, um nicht selbst zu Nashörnern zu werden!

Eugène Ionesco: „Die Nashörner“ (amazon.de)

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Literatur

Mehr von Dushan Wegner

Über Dushan Wegner

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige