11. September 2019

Michail Bakunin, Teil 1 Ein radikaler Begriff von Freiheit

Walter Benjamin liest Bakunin

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: Nadar (1820-1910)/Wikimedia Commons Vertrat einen radikalen Begriff von Freiheit: Michail Bakunin (1814-1876)

Im Licht seines Nachruhms gesehen, muss Walter Benjamin (1892-1940) als linker Intellektueller erscheinen. Der Sohn eines jüdischen Antiquitäten- und Kunsthändlers fühlte sich früh von der Jugendbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts angezogen und geriet Mitte der 1920er Jahre in den Dunstkreis von Künstlern und Denkern, die die Russische Revolution unterstützten. Engagiert (und verliebt in die Schauspielerin Asja Lācis) begab er sich 1926 nach Moskau und dachte daran, sich dort niederzulassen. Er kam in den beginnenden Stalinismus. Intellektuellenhatz und Antisemitismus begannen sich zu etablieren. Auch konnte ihm nicht verborgen bleiben, dass wenige Jahre zuvor die anarchistischen und rätekommunistischen Konkurrenten der Bolschewisten gewaltsam ausgeschaltet worden waren. Er kehrte nach Deutschland zurück. In der Folgezeit distanzierte er sich zwar nie ausdrücklich vom Marxismus, bewahrte jedoch ein Außenseitertum, das sich unter anderem in seiner Bezugnahme auf jüdische Mystik ausdrückte. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wählte er 1933 Frankreich als Exil. Nach der deutschen Okkupation Frankreichs und der Etablierung der deutschfreundlichen Vichy-Regierung im Rest des Landes war er auch hier nicht mehr sicher, und er versuchte 1940 über Spanien und Portugal in die USA zu gelangen. In dem Grenzort Portbou jedoch kam er ums Leben. Lange Zeit galt als gesichert, dass er Suizid begangen habe, sei es, weil er seine Lage als aussichtslos ansah, sei es, um den mit ihm Flüchtenden die Durchreisegenehmigung zu ermöglichen (die an seinem Dabeisein in der Gruppe hätte scheitern können). Doch gibt es inzwischen Zweifel am Suizid, und es wird stattdessen spekuliert, ob die Zimmerwirtin, bei der er untergeschlüpft war, mit der Gestapo kollaboriert oder ob der sowjetische Geheimdienst im Namen Stalins den Renegaten hingerichtet habe.

An keiner Stelle wird Walter Benjamin so explizit, was seine Enttäuschung über den Bolschewismus betrifft, wie in seinem Essay „Der Sürrealismus“, erschienen 1929 in der legendären „Literarischen Welt“. Doch auch hier bleibt er kryptisch. „Seit Bakunin“, schreibt er, „hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben. Die Surrealisten haben ihn.“ Das ist alles. Die Provokation liegt zunächst darin, dass die Bolschewisten den radikalen, den revolutionären Begriff von Freiheit für sich und Karl Marx und nicht für seinen anarchistischen Nebenbuhler Michail Bakunin (1814-1876) reserviert sahen. Weder hier in diesem Essay noch woanders erläutert Benjamin, was er den unübertroffenen Begriff radikaler Freiheit bei Bakunin nenne, der sich im Surrealismus verkörpere.

Aus altem russischen Adel stammend, eilte Bakunin seinerzeit der Ruf voraus, ein rastloser Revolutionär zu sein. 1849 stand er unter anderem mit Richard Wagner in Dresden auf den Barrikaden. Republikaner, Demokrat, Panslawist, vielleicht Sozialist war er, aber kein Anarchist. Erst nach seiner Kerkerhaft in Deutschland, Österreich und Russland und dann seiner sibirischen Verbannung entwickelte er in den 1860er Jahren seine anarchistischen Ideen. Die erste Niederlegung dieser Ideen, die freilich zu Lebzeiten nie publiziert wurde, waren 1866 die „Prinzipien“ für eine geplante Geheimgesellschaft, die freilich nur in Bakunins Phantasie existierte. Schon acht Jahre später, zwei Jahre vor seinem Tod, zog sich Bakunin ausgelaugt und gesundheitlich schwer angeschlagen zurück. In diese acht Jahre fällt fast seine ganze publizistische Tätigkeit. Und in diesen acht Jahren hat er es vermocht, in allen europäischen Ländern eine anarchistische Bewegung zu inspirieren.

Schauen wir in seine „Prinzipien“, die für ihn die Leitlinie seiner Aktivitäten in diesen Jahren bildete, springt schnell der „radikale Begriff von Freiheit“ ins Auge, der sowohl den Begriff der demokratischen Freiheit als auch den Begriff der staatssozialistischen Freiheit bei weitem übertraf beziehungsweise etwas ganz anderes unter „Freiheit“ verstand.

„Die Freiheit“, stellt Bakunin gleich zu Beginn klar, „ist das absolute Recht aller erwachsenen Männer und Frauen, für ihre Handlungen keine andere Bewilligung zu suchen als die ihres eigenen Gewissens und ihrer eigenen Vernunft, nur durch ihren eigenen Willen zu ihren Handlungen bestimmt zu werden, und folglich nur verantwortlich zu sein zunächst ihnen selbst gegenüber, dann gegenüber der Gesellschaft, der sie angehören, aber nur insoweit, als sie ihre freie Zustimmung dazu geben, ihr anzugehören.“

Wenig später erläutert er: „Die Freiheit eines jeden mündigen Individuums, Mann oder Frau, muss absolut und vollständig sein; Freiheit, zu gehen und zu kommen, laut jede Meinung auszusprechen, faul oder fleißig, unmoralisch oder moralisch zu sein, mit einem Wort: über die eigene Person und den eigenen Besitz nach Belieben zu verfügen, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen: Freiheit, ehrlich zu leben durch eigene Arbeit oder durch schimpfliche Ausbeutung der Wohltätigkeit oder des privaten Vertrauens, sobald beide freiwillig sind und nur von Erwachsenen gespendet werden. Unbegrenzte Freiheit jeder Art von Propaganda durch Reden, die Presse, in öffentlichen und privaten Versammlungen, ohne einen anderen Zügel für diese Freiheit als die heilbringende natürliche Macht der öffentlichen Meinung. Absolute Freiheit für Vereinigungen, ohne solche auszunehmen, die nach ihrem Ziel unmoralisch sein oder zu sein scheinen werden, und selbst solche, deren Ziel die Korruption und die Zerstörung der individuellen und öffentlichen Freiheit sein würde. Die Freiheit kann und soll sich nur durch die Freiheit verteidigen, und es ist ein gefährlicher Widersinn, sie zu beeinträchtigen unter dem durch den Schein blendenden Vorwand, sie zu beschützen, und da die Moral keine andere Quelle, keinen anderen Ansporn, keine andere Ursache und kein anderes Ziel hat als die Freiheit, und da sie selbst nichts ist als die Freiheit, so wendeten sich alle der Freiheit zum Schutz der Moral auferlegten Einschränkungen immer zum Schaden der Moral.“

Auf dem Altar der Freiheit wird auch die heilige Kuh der Gleichheit geopfert. „Die Gleichheit bedeutet nicht die Gleichmachung der individuellen Verschiedenheiten, noch die intellektuelle, moralische und physische Identität der Individuen“, sagt Bakunin. Denn „diese Verschiedenheiten von Fähigkeiten und Kräften, die Unterschiede von Rassen, Nationen, Geschlecht, Alter unter den Menschen sind durchaus keine sozialen Übel, sondern bilden im Gegenteil den Reichtum der Menschheit“. Dies gilt, man höre und staune, auch im Bereich der Ökonomie: „Die ökonomische und soziale Gleichheit bedingt ebenso wenig die Gleichmachung des persönlichen Vermögens, insoweit es das Produkt der Fähigkeit, produktiven Energie und Sparsamkeit jedes Einzelnen ist.“ Einige Zeilen später erläutert er, die von ihm angestrebte Revolution werde „jeden in dem Status quo des Besitzes belassen“. Bakunin sieht weder ein Problem in „Disziplin“, noch darin, dass „sich natürlich (!) die Rollen je nach den von der ganzen Gemeinschaft gewürdigten und beurteilten Fähigkeiten“ differenzieren in „die Einen, die leiten und befehlen“, während „andere die Befehle ausführen“, wie er 1870 an französische Revolutionäre schreibt, wenn die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft gewahrt bleibe.

Hellsichtig wendet Bakunin sich gegen Revolutionsmuster, nach denen der Bevölkerung ein bestimmtes System aufgezwungen werden solle. Dies sei nicht Revolution, sondern Reaktion. „Man setze den aufrichtigsten Demokraten auf einen Thron; wenn er ihn nicht sofort verlässt, wird er unfehlbar eine Kanaille werden.“ In der Auseinandersetzung mit Karl Marx und seinen Anhängern Anfang der 1870er Jahre wird Bakunin diesen Gedanken gegen die Idee des sozialdemokratischen „Volksstaats“ und der revolutionären „Diktatur des Proletariats“ in Stellung bringen. „Die menschliche Gesellschaft“ solle sich, so Bakunin, „neubilden auf der Grundlage der Freiheit, die von jetzt ab das einzige bildende Prinzip ihrer politischen und ökonomischen Organisation werden muss“.

Wenn wir nicht davon ausgehen, dass Benjamin, der Intellektuelle, einen nachlässigen oder uninformierten Gebrauch der Worte beging, sind es genau diese Gedanken von Bakunin, auf die er als Alternative zum Bolschewismus hinweist. Dies ist umso bemerkenswerter, als heute die etablierten linken Verehrer Benjamins zwar sicherlich nicht offen den Stalinismus verteidigen werden, aber jedenfalls eine Staatsgewalt, die tief in private Belange eingreift, also genau das tut, was Bakunin rundheraus ablehnte. Walter Benjamin heute ernst zu nehmen, bedeutet auch, sich gegen den herrschenden linken Etatismus zu wenden.


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