22. August 2019

Der Philosoph Jonathan Price kritisiert die Hässlichkeit Europas und fordert einen „ästhetischen Patriotismus“ Riesenkuckucks-Ei in Brüssel

Inhalt und Form finden in Harmonie zusammen

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Samynandpartners (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Riesenkuckucks-Ei: Das Europa-Building in Brüssel

Jonathan Price, in Oxford und Warschau lehrender Professor für Philosophie, fordert in einem Essay einen „ästhetischen Patriotismus für Europa“. Kein Jahrhundert habe mehr Hässlichkeit produziert als das 20., statuiert er, und zwar sowohl in den Künsten als auch in der Architektur als auch in der Technik und damit letztlich in der Umwelt. (Ich pflege an dieser Stelle gern einzuwenden, dass die durchschnittliche Beschaffenheit der Gebisse und vor allem der Frauenkörper sich deutlich verbessert habe, aber das lasse ich heute.) „Der schlimmste Schaden, der durch ein zunehmend hässliches Europa angerichtet wird, ist die Tatsache, dass es selbst von den Europäern als immer weniger lebens- und liebenswert empfunden wird“ – und folglich als immer weniger verteidigenswert. „Nur wenige werden bereit sein, zu kämpfen und sich zu opfern für etwas, das nur noch schrecklich, widerwärtig, grotesk, scheußlich, abstoßend, unziemlich, unförmig oder selbst ‚funktionell‘ ist.“

Als ein Beispiel nennt Price das „Europa-Building“ in Brüssel, den Sitz des Rates der EU: Wer für diesen Bau einen mystischen Ursprung erfinden müsse, lästert der Philosoph, der werde zuerst wohl auf die Idee kommen, ein gigantischer extraterrestrischer Vogel habe hier ein Ei abgelegt und nun warte man mit einer gewissen Bangigkeit darauf, was für ein Monster dem Ding wohl entschlüpfen werde.

In der Tat ist dieser EU-Apparat ja ein Riesenkuckucks-Ei, das den Europäern ins Nest gelegt wurde – sollte dem Architekten eine Eulenspiegelei vor Augen gestanden haben? Drinnen haben die Gebäude-Designer auf die konkreten Nationalfarben der Mitgliedsländer verzichtet, stattdessen einen Eintopf aus allen zusammengerührt und den bunten Brei großzügig überall verteilt: auf den Decken, in den Liften, an den Türen, auf den Teppichen. Auch das würde unser Till nicht anders gemacht haben, wenn er die Buntheitskamarilla hätte verspotten wollen. „Deutschland ist bunt wie nie. Aber bunt sind auch die Zufallsgemälde des Schimpansen Congo“ (Dimitrios Kisoudis). Die Innenausstattung vermittle keine Botschaft außer der banalen „Einheit in Vielfalt“, notiert Price. Das sei nichts anderes als „eine neue Form der Uniformität in der omnipräsenten Betonung einer einzelnen grundlegenden Nachricht, zu Lasten jeglichen ästhetischen Werts“. Womit, gestatte ich mir hinzuzufügen, Inhalt und Form in vollendeter Harmonie zusammenfinden, ungefähr wie bei Claudia Roth oder Ralf Stegner.

Aber dem Philosophen ist es nicht nur ums Lästern zu tun, denn er verlangt schließlich nach einem neuen ästhetischen Patriotismus. Zu diesem Zwecke hat er einen Katalog von Fragen formuliert, die er gern künftigen Gebäudeplanern vorlegen würde. Ich zitiere einige davon: „Wären Sie bereit, selber in den Räumen zu arbeiten, die Sie entworfen oder gebaut haben?“ – „Würden Sie Ihre Eltern/Ehepartner/Kinder dort arbeiten lassen?“ – „Wären Sie bereit, in der Nähe des besagten Gebäudes zu wohnen?“ – „Weckt das Gebäude Ihre Bewunderung, so dass es Ihnen Freude bereiten würde, dort anwesend zu sein, und Sie gerne wiederkehren würden?“ – „Ist das Gebäude so entworfen, dass es die gegenwärtigen Moden überleben könnte?“

(Der Essay ist erschienen im auch sonst sehr lesenswerten Sammelband „Renovatio Europae. Plädoyer für einen hesperialistischen Neubau Europas“, herausgegeben von dem trefflichen David Engels und erschienen beim Manuscriptum-Verlag.)

David Engels (Hrsg.): „Renovatio Europae“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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