16. August 2019

Markus Reuter auf netzpolitik.org über eine „Twitter-Analyse“ der Follower Hans-Georg Maaßens Spiel mir das Lied von rechts…

Diffamierungsmarketing mit logischen Fehlern

von Michael Klein

Artikelbild
Bildquelle: Bundesministerium des Innern/Sandy Thieme (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Hat angeblich lauter „rechte“ Follower im Internet: Hans-Georg Maaßen

Mit der Internetseite netzpolitik.org geht es bergab. Nicht nur intellektuell, nein, in Zahlen: Alexa hat die Seite nur noch auf Platz 5.029 aller deutschen Websites, das ist 92.119 worldwebweit. Wenn es bergab geht, bergab mit der Aufmerksamkeit, bergab mit dem Einfluss, bergab mit der Nachfrage, bergab mit Merchandise und Spenden, dann muss man versuchen, wieder interessant zu werden, wieder Inhalte zu bieten, die interessieren, die nachgefragt werden, die dauerhaft Leser binden.

Bei netzpolitik.org hat anscheinend Markus Reuter, der sich als „Redakteur von netzpolitik.org“ bezeichnet, diese Aufgabe übernommen. Er will wohl netzpolitik.org wieder interessant machen, und zwar mit einer schauerlichen Masche. Thomas Mann hat diese Masche bereits in seiner Erzählung „Tod in Venedig“ beschrieben: „Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter Krawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimme an Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach ihn genauer ins Auge gefasst, als er mit einer Art von Entsetzen erkannte, dass der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen Strohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes Schnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes und vollzähliges Gebiss, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und seine Hände, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner Gemeinschaft mit den Freunden zu.“

Die Masche vom alten Geck, der sich bei jungen Leuten anbiedern, einschleimen will, bei netzpolitik.org wird sie transferiert in das Einzige, was den Phantasielosen im Mainstream einzufallen scheint: „rechts“, „rechtspopulistisch“, „rechtsradikal“, „rassistisch“.

Wer nichts zu bieten hat, der versucht, das haben Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell schon 1983 mit ihrem Konzept der „mimetischen Isomorphie“ beschrieben, bei anderen etwas zu stehlen, von dem er sich Aufmerksamkeit und Nachfrage verspricht: „rechts“.

Die Zuschreibung „rechts“, in allen ihren Varianten, von „Rechtspopulismus“ bis „rassistisch“, was ja neuerdings auch als Privileg der Rechten gehandelt wird, obwohl sich kaum jemand so rassistisch verhält wie Linke, wenn sie ihren ätzenden Paternalismus über die aus ihrer Sicht so schutzbedürftigen kleinen Braunen ausgießen, ist das, was denen, die wie der Geck, den Thomas Mann beschreibt, im Echozimmer der eigenen Vorurteile gefangen sind, als Mittel der Wahl dient, als Mittel, von dem sie sich Erfolg bei Lesern versprechen.

Also beschreibt Markus Reuter eine Datenanalyse von „Johannes Filter“, von dem bislang noch niemand etwas gehört hat. Der Mann unbekannter Qualifikation hat eine Twitter-Analyse durchgeführt, deren Ergebnisse „netzpolitik.org exklusiv vorliegen“, was man wohl mit: „Sonst hat sich niemand dafür interessiert“ übersetzen muss. In seiner sogenannten Analyse startet der unbekannte Analyst Filter mit den Followern von Hans-Georg Maaßen. 21.000 sind es laut Filter und Twitter. Von diesen 21.000 sollen 4.000 Maaßen zwischen dem 26. April und dem 12. Juli retweetet haben. Nicht 3.917, nicht 4.128, nein 4.000. Und, oh Schreck, unter denen, die Maaßen retweeten, finden sich „rechtsradikale und rassistische Accounts“.

Woher weiß Filter, woher weiß Reuter als sein Sprachrohr, dass es sich dabei um rechtsradikale oder rassistische Accounts handelt? Niemand weiß es. Sie wissen es eben. So wie Christopher Robin weiß, dass Pu der Bär männlich ist. Man weiß es eben, in der infantilen Welt derer, die noch nie in der Lage waren, ein Argument zu machen, und deshalb von Bezichtigung, Zuschreibung, von Denunziation allein leben können. Neben Rechtsradikalen und Rassisten finden sich noch Rechtspopulisten unter denen, die Maaßen retweeten, allen voran „Tichys Einblick“ und Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel, Dushan Wegner und Don Alphonso. Wieso die genannten rechtspopulistisch sind? Niemand weiß es, und Reuter, das Sprachrohr von Filter, weiß es offenkundig auch nicht. Es geht, wie gesagt, nicht darum, für die eigene Position zu argumentieren, es geht darum, eine als feindlich wahrgenommene Position zu diffamieren.

Dass derartige Übungen in Unvermögen in logischen Fehlern und Fehlschlüssen en masse resultieren, ist kein Wunder. Hier die herausragenden Fehler.

Reuter schreibt: „Wer Maaßen retweetet, der verbreitet oft auch andere rechte und rechtsradikale Accounts.“ Ein Satz, drei logische Fehler: Erstens, Fehlschluss der Zuweisung von Schuld per Assoziation, als Kollektivschuldthese unter den Nazis ein beliebtes Mittel, um Menschen in Konzentrationslager zu verfrachten. Zweitens, induktiver Fehlschluss: Die Menge derer, die Maaßen retweeten, beinhaltet auch Accounts, die nicht zu den Accounts zählen, die Filter und sein Sprachrohr Reuter für rechte oder rechtsradikale Accounts halten. Das ergibt sich schon daraus, dass 4.000 (nicht 3.872!) Accounts Maaßen retweeten, die Analyse in netzpolitik.org aber auf 100 davon beschränkt ist. Dies mündet drittens direkt in den Fehlschluss der vorschnellen Verallgemeinerung. Es ist, als würde man daraus, dass es heute in Wales einmal nicht regnet, schließen wollen, Wales sei von einer Dürre geplagt.

Reuter schreibt weiter: „Der erste CDU-Politiker in der Liste der retweetenden Accounts ist Alexander Mitsch auf Platz 82. Er ist wie Maaßen ein Vertreter der sogenannten Werteunion.“ Zwei Sätze, ein Fehlschluss, eine als Diffamierung gedachte Bewertung. Um die Tatsache, dass „erst“ auf Platz 82 ein CDU-Politiker als Retweeter von Maaßen auftaucht, gewichten zu können, müsste man wissen, wie viele CDU-Politiker auf Twitter aktiv sind und wie oft sie überhaupt etwas von anderen Twitter-Accounts verbreiten. So, wie es hier präsentiert wird, ist das Datum sinn- und nutzlos. Aber es ist auch nicht dazu gedacht, Sinn zu machen. Es ist dazu gedacht, eine Diffamierung zu begründen, denn Mitsch ist, „wie Maaßen“ ein Vertreter der „sogenannten Werteunion“, einer Organisation, die – wie die Formulierung hinlänglich ausweist – Reuter nicht mag und Filter wohl auch nicht. Ergo ist Mitsch eigentlich gar nicht CDU, sondern wie Maaßen auch „rechts“. Die Liste der Fehlschlüsse wird nunmehr um das manipulative Mittel der Wahl aller Feiglinge ergänzt: die Suggestion.

Alles zusammengenommen stellt sich die Frage, was man mit einer „netzpolitik.org exklusiv” vorliegenden „Analyse“ wie der des unbekannten Filter macht. Was sagt sie aus? Empirisch nichts, projektiv sehr viel. Sie sagt sehr viel über die intellektuelle Tiefe der beiden Verantwortlichen, die sich nur vorstellen können, dass man Tweets von Maaßen natürlich zustimmend verbreitet. Die Idee, dass unter denen, die hier als rechtsradikal, rassistisch, rechtspopulistisch diffamiert werden sollen, einer, mehrere, viele Account-Inhaber sind, die die von Twitter angebotene Funktion „Retweet with comment“ benutzen, um sich vom Maaßen-Tweet zu distanzieren, die kommt Filter und Reuter gar nicht. Besser kann man seinen eigenen Fundamentalismus, seinen „closed mind“, wie es Milton Rokeach genannt hat, kaum zur Schau stellen, wie Filter und sein Sprachrohr Reuter.

Inhaltlich hat man von dieser „Analyse“ auch nichts. Wen, außer ideologischen Kriegern, die neues Material zum Blocken suchen, spricht ein solcher Blödsinn an? Wer ist so intellektuell unterbelichtet, dass er sich unbegründete Bewertungen, nach denen ein Account rassistisch, ein anderer rechtsradikal, ein dritter rechtspopulistisch ist, zu eigen und zur Grundlage seiner eigenen Überzeugung macht? Nur ein fundamental Denkbehinderter, der die Filterblase bereits teilt, in der sich Reuter und sein Analyst befinden. Es ist wie mit Parteiveranstaltungen. Es kommen die, die sowieso vorhaben, die jeweilige Partei zu wählen. Deshalb ist es bei der SPD so leer.

Was diese „Analyse“ bringen wird, ist zum einen die Möglichkeit, die Netzwerke zu studieren, die netzpolitik.org, die Webseite im Alexa-Niedergang, mit Redaktionen landauf, landab verbinden. Man muss dazu nur sammeln, wer die „Analyse“ aufnimmt und wer nicht. Mein erstes Pfund wette ich auf den ARD-„Faktenfinder“ und mein zweites auf den „Spiegel“, ideologische Kampfspinner im Geiste.

Zum anderen zeigt diese „Analyse“, wie phantasielos, abgedroschen und vorurteilsbehaftet diejenigen sind, die sich für die guten Intellektuellen halten. Außer „rechts“ fällt ihnen nichts ein. Außer Diffamierung können sie nichts. Von Argumentation haben sie offenkundig noch nie etwas gehört. Stattdessen kultivieren sie logische Fehler und Fehlschlüsse. Es ist mitleiderregend und, wie Thomas Mann seinen Protagonisten Gustav von Aschenbach empfinden lässt: schauerlich!

Abschließend: Es ist natürlich auch ein Fehlschluss, von der Ideologie, die man selbst Twitter-Accounts zuschreibt, die Hans-Georg Maaßen folgen, auf die politische Ideologie von Maaßen schließen zu wollen. Einen solchen Fehlschluss begehen gewöhnlich nur besonders eifrige Personen, die denunzieren wollen. Daniel-Pascal Zorn nennt diesen

Fehlschluss einen „psychologischen Fehlschluss“, um zum Ausdruck zu bringen, dass der Fehlschließende dem Gegenüber seine eigenen Vorurteile unterstellt. Bei einfachen Gemütern mag man mit einem solchen Fehlschluss punkten können, bei normalen Menschen macht man sich damit lächerlich.

Netzpolitik.org: „Datenanalyse: Maaßens Follower retweeten oft rechtsradikale Accounts, aber fast nie die CDU“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Internet

Mehr von Michael Klein

Über Michael Klein

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige