15. August 2019

Nationalfeiertag in Singapur am 9. August Wo es noch etwas zu feiern gibt

Albtraum für europäische Gutmenschen

von Werner Reichel

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Bildquelle: shutterstock Hier gibt es noch etwas zu feiern: Singapur

Es ist Anfang August. Die Stadt ist rot und weiß geschmückt: Fahnen, Transparente, Girlanden und Plakate mit „Our Singapore NDP 2019“ hängen überall. „NDP“ steht übrigens für „National Day Parade“.

Einkaufszentren – von denen gibt es hier viele, sehr viele – sind mit roten und weißen Blumenarrangements herausgeputzt. Hochhäuser – auch von denen gibt es hier sehr viele – sind mit Fahnen geschmückt. Lokale Prominente stellen sich als Testimonials für ihr Singapur zur Verfügung, Musiker haben im Stil von „We Are The World“ einen eigenen Song aufgenommen. Fast alle Lokale und Geschäfte werben mit National-Day-Sonderangeboten, und eine Bekleidungskette verkauft die passenden rot-weißen Poloshirts für den kommenden Festtag. Vor der City Hall und der National Gallery wurde ein großes temporäres Stadion aufgebaut.

Unweit davon parken schon jetzt, Tage davor, Dutzende Panzer. Von so viel schwerem und einsatztauglichem Kampfgerät können deutsche Bundeswehr oder österreichisches Bundesheer nur träumen. Am Himmel donnern mehrere Kampfjets. Sie trainieren direkt über der Stadt für die große Show. Wo sollten sie auch sonst üben, schließlich ist der Staat Singapur gerade einmal knapp über 700 Quadratkilometer groß. Zum Vergleich: Wien kommt auf 414. In den nächsten Jahren sollen allerdings rund 100 Quadratkilometer durch Landgewinnung, also Aufschüttungen, dazukommen.

Die Stadt, der Staat, die Bevölkerung und das Militär bereiten sich auf den 9. August, den Nationalfeiertag Singapurs, vor. Der wird jedes Jahr groß gefeiert. „Our Singapore“ ist dieses Jahr 54 Jahre alt geworden. Und die Singapurer sind zu Recht stolz auf das, was sie in nur wenigen Jahrzehnten geschaffen haben.

Bevor die Engländer 1819 kamen, war die kleine Insel an der Südspitze der malaiischen Halbinsel die Heimat von ein paar Fischern. Sir Stamford Raffles von der East India Company erkannte die strategisch wichtige Lage der Insel auf dem Seeweg zwischen Indien und China und machte aus ihr eine blühende Handelsmetropole. 1942 eroberten die Japaner Singapur. Drei Jahre japanischer Besatzung kosteten rund 50.000 Einwohner das Leben. Die meisten Opfer waren Chinesen. Nach der Kapitulation der Japaner fiel Singapur wieder an die Briten und wurde 1959 zu einer selbstregierten Kronkolonie. Die ersten Wahlen gewann die People‘s Action Party (PAP), die seither die Geschicke des Landes lenkt. Premier wurde Lee Kuan Yew.

1962 wird die britische Kolonie nach einem Referendum Teil einer Föderation mit Malaysia. Nur zwei Jahre später erschüttern nicht nur heftige ethnische Unruhen die Stadt, es kommt auch zu politischen Spannungen zwischen Singapur mit seiner chinesischen Mehrheitsbevölkerung und dem muslimischen Kuala Lumpur. Singapur fliegt aus der Föderation, zwei Tage später, am 9. August 1965, erkennt Malaysia die Unabhängigkeit Singapurs an. Es war kein Freudentag, denn niemand gab der ehemaligen britischen Kolonie eine Überlebenschance.

Der neue Stadtstaat war ein Entwicklungsland mit Massenarbeitslosigkeit und ethnischen Konflikten, gelegen auf einer kleinen Insel ohne Hinterland, ohne Rohstoffe, ohne Hoffnung. Das war vor rund 50 Jahren. Und während im heutigen Afrika viele Staaten im Elend versinken und dafür nach wie vor ihre koloniale Vergangenheit und die ehemaligen europäischen Kolonialstaaten verantwortlich machen, hat es Singapur innerhalb von nur einer Generation geschafft, vom hoffnungslosen Entwicklungsland zu einer der führenden Wirtschaftsnationen und Finanzplätze der Welt zu werden. Singapur hat die ehemaligen Kolonialmächte längst überholt.

Der Hafen ist der zweitgrößte, das Bruttoinlandsprodukt eines der höchsten der Welt und der Anteil an Millionären an der Gesamtbevölkerung so hoch wie nirgendwo sonst. Angesichts solcher Kennwerte, der geographischen Lage – eingezwängt zwischen den Tigerstaaten Malaysia und Indonesien – und des Traumas aus dem Zweiten Weltkrieg ist es nicht verwunderlich, dass der kleine Staat über ein extrem schlagkräftiges Militär verfügt: 60.000 aktive Soldaten plus 200.000 Mann Reserve, die innerhalb von sechs Stunden mobilisiert werden können. Ausgerüstet mit modernsten Waffen, einschließlich selbst entwickelten und gebauten Kriegsschiffen, einer U-Boot-Flotte und einer 6.000 Mann starken Luftwaffe.

So hochgerüstet wie Singapur ist nur noch Israel. Im weltweiten Militarisierungsindex liegen die beiden Staaten ganz vorne. Auch wenn es unglaublich klingt, das Heer der Stadt Singapur ist ähnlich schlagkräftig wie jenes von Indonesien. In Singapur leben knapp sechs Millionen Menschen, in Indonesien über 260 Millionen. Für den legendären Staatsgründer Lee Kuan Yew waren Sicherheit und Prosperität stets eine untrennbare Einheit. Das ist heute noch so.

Politisch, im klassischen Links-rechts-Schema, ist Singapur nur schwer einzuordnen. Lee Kuan Yew verachtete die europäischen Sozialstaaten. Trotzdem gab und gibt es auch in Singapurs Politik soziale Elemente, wie etwa Wohnbauprogramme. Was das Land politisch und kulturell prägt, ist neben dem Leistungsgedanken und dem Kapitalismus vor allem der Konfuzianismus.

Die Wirtschaft ist eine der am wenigsten regulierten der Welt. Laut „World Competitiveness Ranking“ der IMD Business School ist der Stadtstaat das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Beim Bruttoinlandsprodukt liegt Singapur stets unter den Top 10 der Welt. Die Kriminalitätsrate ist extrem niedrig, und Korruption gibt es praktisch nicht. Wer so erfolgreich, so fortschrittlich und so kapitalistisch ist, ist ewiggestrigen, linken Europäern suspekt. Singapur wird in unseren Breiten gerne als Quasi-Diktatur oder als „illiberale Demokratie“ (Wikipedia) bezeichnet oder als „Klimaanlagen-Diktatur“ verspottet.

Die Baizuos – chinesische Bezeichnung für europäische Gutmenschen – mögen Singapur nicht: patriotisch, kapitalistisch, wehrhaft, selbstbewusst, leistungsorientiert, reich, stolz, fortschritts- und technikgläubig. Dazu strenge Gesetze und harte Strafen für jene, die gegen sie verstoßen, Todesstrafe inklusive. Singapur vereint, was der gemeine linke Europäer verachtet und bekämpft. Die Sympathien gemeiner Gutmenschen gelten eher unterentwickelten afrikanischen Ex-Kolonien. In Asien werden sie mitsamt ihrer lächerlichen und paternalistischen Hypermoral ohnehin nicht mehr ernst genommen.

Zugegeben, Lee Kuan Yew war alles andere als ein politisches Weichei, und die PAP geht nicht gerade zimperlich mit der Opposition um. Andererseits gehört Singapur zu den wenigen Staaten, in denen das Zusammenleben mit den Muslimen, die in Singapur circa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, gut und weitgehend reibungslos funktioniert.

Insofern könnte Singapur als Modell und Vorbild für das multikulturalisierte Europa gelten. In Deutschland, Schweden oder Österreich hat man keine Ahnung und keinen Plan, wie man die stetig wachsende muslimische Bevölkerung in eine moderne, offene demokratische Gesellschaft integriert, wie man westliche Werte, Sicherheit, Recht und Ordnung auch weiterhin aufrechterhält. Was in unseren Breiten aktuell passiert, von den Freibadterroristen, Clan-Kriminellen und Vergewaltigern bis hin zu den Bahnsteigschubsern, wäre in Singapur nicht möglich. Linke Kuscheljustiz und naive Multikulti-Sozialromantik sind hier keine Option. Für Europäer kaum noch vorstellbar: Verbrecher werden wie Verbrecher behandelt. Unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem „Hintergrund“. Auf Drogenhandel – im größeren Stil – steht nach wie vor die Todesstrafe. Weshalb Singapur regelmäßig von Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert wird. Dieselben NGOs feiern wiederum Deutschland für seine Willkommenspolitik und Kuscheljustiz. Trotz aller blutigen Kollateralschäden.

Im Gegensatz zu immer mehr europäischen Großstädten können sich Frauen in Singapur zu jeder Tages- und Nachtzeit auch in kurzen Hosen und ohne Pfefferspray angstfrei bewegen. Als ich einem linken Verwandten von meiner Reise nach Singapur erzählte, fragte er mich sofort und entsetzt, wie ich nur ins Zentrum des globalen Finanzkapitalismus reisen könne, und eine Bekannte klärte mich ungefragt über die argen Zustände auf. Natürlich kam sie auch mit dem in Europa berühmten Kaugummiverbot daher. Wer die blitzeblanken kaugummi- und spuckfreien Geh- und Bahnsteige sieht, weiß, wie sinnvoll und vor allem ästhetisch so ein Verbot ist.

Jedenfalls freute es mich, zu hören, dass europäische Gutmenschen dieses Land meiden. Sie würden sich dort tatsächlich nicht wohlfühlen. Linke Polizistenhasser, junge Klima-Gretls, rote Weltretter und Menschen, die stolz darauf sind, nicht stolz auf ihre Heimat zu sein, sind hier wirklich deplatziert. Ja, die halbe Stadt ist auf 20 Grad runterklimatisiert, ja, Singapur ist ein riesiges Konsumparadies mit unzähligen Shoppingmalls, ja, es gibt überall beeindruckende Prestigebauten und – nach gutmenschlichen Maßstäben – völlig unvernünftige Dinge: Indoor-Regenwälder mit riesigen Wasserfällen, Marina Bay Sands mit seinem Infinity-Pool, der in knapp 200 Metern Höhe auf drei Hochhaustürmen thront, et cetera. Für europäische Weltretter, Grün-Wähler, Antikapitalisten und Bedenkenträger ein Albtraum.

Nichts für Menschen, die versiffte Großstädte wie Berlin sexy finden. Singapur ist reich, fortschrittlich, sauber, organisiert, modern und innovativ. Und das zeigt man auch. Der asiatische Stadtstaat spielt in einer völlig anderen Liga als Berlin oder Wien. Beispiel öffentlicher Verkehr: Wer die grindigen und ruckeligen Wiener U-Bahn-Linien gewohnt ist, erlebt einen regelrechten Kulturschock. Großzügig gebaute, moderne Stationen mit sehr viel Platz. Die U-Bahnen gleiten vollautomatisch, fahrerlos und klimatisiert dahin. Alles ist sauber: Keine Papierfetzen, kein Dreck, keine Schmierereien.

Das hat seinen Grund: Vandalismus wird hier hart bestraft. Unter anderem mit Stockhieben. Und da sagen europäische Sozialromantiker, Strafen würden nicht abschrecken. Fortschritt, Wohlstand und Sicherheit haben hier oberste Priorität. Werte und Ziele, von denen sich Europa irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten verabschiedet hat. Das wird einem schmerzlich und deutlich bewusst, wenn man sich in Singapur aufhält. Die Singapurer feiern sich und ihren Staat jedes Jahr, das haben Deutsche oder Österreicher schon lange aufgegeben. Bei uns gibt es tatsächlich wenig zu feiern, worauf wir noch stolz sein könnten.


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