11. August 2019

Erlebnis einer Zugfahrt Mit Radbruch im Bierexpress

Eine Ode an die Mosel

von Florian Müller

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Bildquelle: shutterstock Ein Erlebnis: Reisen im Bierexpress

Eine entspannte Zugfahrt steht bevor. Viel zu früh komme ich in Koblenz an und steige in den IC Richtung Norden. Der vordere Wagen ist verlassen, versprenkelt sitzen einige Fremde in den Zweiersitzen. Ich freue mich über die geringe Auslastung, kann ich doch so den Text Gustav Radbruchs lesen, den ich am nächsten Tag auf dem Juniorenkreis der Hayek-Gesellschaft vorstellen muss. Radbruch – hört sich interessant an, irgendwie nicht so langweilig. Ich habe mir leider die Unsitte angeeignet, mich für einen beliebigen Text zu melden, ohne in Ruhe nachzuschauen, was der Kerl so geschrieben hat. Radbruch. Er erklärt mir die Eigentumsverhältnisse: Man müsse zwischen dem abgeleiteten Rechtsbegriff und dem ursprünglichen Eigentum unterscheiden. Oder so ähnlich. Ich blättere müde weiter, schreibe mir halbgare Notizen auf – oder eher gesagt ab – und schmökere.

Im Verlauf der Fahrt kommt eine Gruppe junger Damen und setzt sich in meine Nähe. Ausgelassene Stimmung, gemeinsames Wochenende, Sektchen, Entspannung. Ich seufze, verabschiedet sich doch die fixe Idee, Radbruch in der nächsten Stunde konzentriert durchzuarbeiten. Ich bin ein Lauscher. Ich kann nicht anders. Sobald ich Gespräche wahrnehme, muss ich hinhören. Gott sei meiner Seele gnädig. Überraschenderweise reden die Damen in meinem Alter nicht über „Germany‘s Next Topmodel“, sondern über ziemlich normale Sachen. Hoffnung keimt auf, dass in Deutschland weniger Wahnsinnige leben, als man sich zumeist ausmalt.

Radbruch. Radbruch. Da die Lektüre nicht mehr von der Hand geht, muss ich anders punkten. Wer war der Mann? Biographien sind immer gut! Ich recherchiere kurz: Nesthäkchen, reiche Familie, Rechtsverdreher, Sozialdemokrat. Er stand im Kapp-Putsch auf Seiten der Kieler Matrosen, setzte sich in der Weimarer Republik für Abtreibung ein – einer der ersten Vordenker unserer heutigen Drei-Monats-Regel – und kämpfte beim Strafvollzug für Resozialisierung statt für Strafe. Radbruch, wir werden keine Freunde mehr.

Der Zug kommt bald in Köln an, es stehen einige Leute am Bahngleis, hoffentlich bleibt mein Abteil verschont. Meine Wünsche werden nicht erhört, eine Gruppe feierwütiger Junggesellen kommt herein. Laut, betrunken, ausgelassen. Ich will schon gerade auf die verdammten Kölner schimpfen, da weht mir der erste Wortfetzen entgegen: „Dau Geckijen“.

Liebe Freunde, das war Trierisch. Die Junggesellen sind von meiner Heimatstadt durch die Eifel nach Köln gedüst, um dort dem IC zuzusteigen. Was Trierer neben ihrem gewöhnungsbedürftigen, aber ehrlichen Dialekt zu ihren Eigenarten zählen, ist der exorbitante Alkoholkonsum, ein Anflug von bäuerlichem Verhalten und eine gewisse Lebenslust, die man auch nach außen trägt. Aber man ist immer herzlich, selbst wenn Nord- und Mitteldeutsche das nach einem ersten Kontakt vielleicht nicht so deuten.

Die Feierei geht weiter. Man hört Partyhits, lacht ausgelassen, verspottet den Baldverheirateten. Auch eine Eigenschaft der Mosel-Region. Man muss immer seine Freunde verarschen. Wenn man sich nicht verarscht, ist man kein richtiger Freund. Ausdrücke wie „Dau Dollen“ („du Toller“; „toll“ im Sinne von „durchgedreht“) und Vorwürfe wie „den loa trinkt ja goar neichts“ („der da trinkt ja gar nichts“) wehen durchs Abteil des alten ICs.

Die jungen Herren sind normale Leute, der Angelsache würde sie als „skilled worker“ bezeichnen. Einer erzählt den angrenzenden Frauen: „Den loa kann schaffen“ und deutet nach hinten. „Er kann arbeiten.“ Eines der größten Komplimente ist es, wenn „jemand schaffen kann“. Texte schreiben zählt übrigens nicht dazu. Man sieht nach wenigen Minuten, ob jemand „schaffen kann“. Wie steht er, wie geht er, wie arbeitet er, denkt er mit? Die Stimmung breitet sich aus, wir verwandeln uns in ein Partyabteil.

Bald der nächste Halt in Düsseldorf. Was schreibt denn dieser Radebrecht da wieder? Es gebe zwei Arten von Eigentum. Vermögen und „personengebundenes Eigentum“, zu dem man eine Beziehung aufbaut. Wer entscheidet, welche Sachen zu welcher Kategorie gehören? Keine Auskunft. Sozialisten eben, mit ihrem typischen Wischiwaschimüll, um anderen Leuten ihr Eigentum wegzunehmen.

„Ich bin der Bierkapitän“, kommt zum ersten Mal in ohrenbetäubender Lautstärke aus den Bluetooth-Lautsprechern. Jacky-Cola, Bier, Sekt, die beiden Gruppen freunden sich an. Radeberg hat sich aus meinem Fokus verabschiedet. Dahinter: eine zweite Gruppe Jungesellinnen. Die Trier-Fraktion besitzt allerdings einen eingebauten Magnetismus: Lautstärke und Verhalten saugen die anderen Menschen an. Im Zentrum natürlich der größte Schreihals und Mitsänger. Alle scharen sich um das Epizentrum der Stimmung wie konzentrische Kreise.

Jetzt in Düsseldorf. Eine Gruppe von acht Reisenden steigt zu. Natürlich mit reservierten Plätzen. Wenn ich den Begriff „gutbürgerliche Spießer“ erklären müsste: Ich würde auf die Neuankömmlinge zeigen. Ihre Gesichter entgleisen vollkommen, als sie merken, dass sie in die Nähe der Bierkapitäne müssen. Ich sitze genau dazwischen und kann mir mein Grinsen kaum verkneifen. Radebrecht ist sowieso langweilig.

Die Stimmung heizt weiter an, wird aber zugleich gelöster, als wäre es das natürlichste, sich im Zug wie in einer Kneipe zu verhalten. Die Düsseldorfer blicken untereinander hin und her, kräuseln die Lippen, sind empört. „Empört“ trifft es. Ein aussterbendes Wort, bedingt durch ein aussterbendes Bügertum. Heute kann niemand mehr empört sein. Ein Trierer brüllt vollkommen aus dem Zusammenhang: „Ene mene Miste, ich fingere nicht, ich fiste“. Die Düsseldorfer Mienen wanken, wohingegen das Nichtbürgertum schon alles gehört hat, alles kennt und mitlacht. Auch meine Mundwinkel zucken, zeigt auch dieser Spruch, neben seinem erbärmlichen Niveau, doch eine unabänderliche „Desinvolture“, eine Selbstverständlichkeit, sich so zu verhalten, wie man selber will – egal wo. Da haben die Düsseldorfer das Nachsehen. Trotzdem wird der Partylöwe von seinen Freunden zurechtgewiesen. Dieser Spruch auf 100 Dezibel war doch etwas zu daneben.

Wo war ich noch mal bei Rademann? Irgendwo Seite drei. Im Augenwinkel kann ich die Düsseldorfer sehen. Zwischen den Sitzen tut sich was. Die empörten Gesichter haben sich zu kecken Ausdrücken gewandelt. Haben sie den Schaffner gerufen? Müssen ihre armen, unsicher wirkenden Männer an die Kornfront? Ganz und gar nicht. Mir würde die Kippe aus dem Mund fallen, gäbe es kein Rauchverbot. Die Düsseldorfer haben Sekt und Schnittchen ausgepackt und toasten sich gegenseitig zu.

Mittlerweile wird auch kaum mehr englische Musik gespielt, nur noch deutsche Partyhits, über deren intellektuelles Niveau man sicher streiten kann, aber was soll‘s! Hauptsache keine Besatzermusik, keine leblosen Spießer, keine nervigen Muselmanen, sondern deutsche Kultur. Wohlgemerkt nicht Hochkultur, was von den Studierten ja häufig übersehen wird, sondern gelebter Habitus. Ähnliche Lieder, vielleicht nicht ganz so flach, gab es auch schon „früher“, nur haben Möchtegernintellektuelle sich weniger darüber aufgeregt. Die hießen damals „Gassenhauer“ und nicht „Charts“ oder „Party-Hits“. Ein Begriff mit Potential zur Wiederkehr.

Dazwischen sitze ich mit Radeberg. Er faselt wieder unverständliches Zeug. Ich bin mit den Gedanken längst woanders. Das ist Deutschland, wie es lebt. Vital, bunt, schrill, pikiert und doch mit einer eigentlich unverständlichen Toleranz gegenüber den anderen. Sie alle denken nicht gleich, aber doch erschreckend ähnlich. So kann man auch mal morgens um zehn einen IC in eine Partyhütte verwandeln. Dieses Land lebt noch, es müssen nur die Konstellationen so stehen, dass die richtigen Leute aufeinandertreffen, dazu eine ordentliche Portion Alkohol. Und so selbstbewusst darf ich sagen: Die Trierer Mentalität ist dafür blendend geeignet. Das ist eine Mischung aus französischer Lebensleichtigkeit und deutscher (Trink‑) Konsequenz. Etwas zerstörerisch, aber Spaß hat man immer.

Ich sitze eingeklemmt zwischen 50-jährigen Sekttrinkern und 30-jährigen Biersäufern, dazwischen dauernd Laufkundschaft, die den richtigen Wagen sucht. Und jeder, wirklich jeder grinst. Niemand ist sauer, beschwert sich, regt sich auf, ist empört. Der deutsche Miesepeter – so schon länger meine Vermutung – ist längst ausgestorben, oder eine Erfindung der linken Antibürgerlichen.

Irgendwann steigt ein Vater mit zwei Kindern ein. Wir sind schon längst in Niedersachsen. Die Kinder schauen, als stünden sie das erste Mal vor einem Jahrmarkt, auch der Vater grinst, wenn auch ein wenig erschüttert. Irgendwann fängt die Tochter an, zur Musik mitzuwackeln, der Junge starrt wie gebannt auf die Szenerie mitten im Waggon.

Das Hauptproblem der Herren ist der Bierpreis im Zug. Im Halbstundentakt ziehen Botengänger los und kommen mit Flaschen aus dem Bordrestaurant zurück. Hunderte Euro wechseln den Besitzer. Irgendwann kommt „Helmut“ vorbei. Ein rabenschwarzer DB-Angestellter, der den Service-Wagen durch den Gang schiebt. „Helmut“ werden die schwarzen Sonnenbrillenverkäufer am Ballermann genannt, die Marktwirtschaft leben und den rotgebrannten, besoffenen Touristen Handtücher, Sonnencreme, Ramschmode und eben gefälschte Sonnenbrillen verkaufen. Die Verkäufer sprachen die zumeist deutschen Touristen mit „Helmut“ an, was für Heiterkeit sorgte. Vermutlich wollte man die Deutschen beeindrucken und zum Kauf verführen. Der Spieß wurde umgedreht. Mittlerweile ist „Helmut“ ein fester Begriff für die schwarzen Händler. Ob der DB-Helmut das weiß? Keine Ahnung. Helmut grinst und karrt gelegentlich Bier und Sekt ins Feierabteil, die Meute freut sich und bedankt sich bei „Helmut“. Wo es Markt gibt, gibt es kaum Rassismus.

Im Zehnminutentakt wird das Klo aufgesucht. Irgendwann kommt einer der Vernünftigeren – er hat sich vorher angeregt mit den Damen unterhalten – schwankend zurück und bleibt auf Höhe der Düsseldorfer stehen. Die haben, als erfahrenere Feierer, natürlich auch eine bunte Auswahl an Snacks und Essen ausgepackt. Dazu diese kleinen, eigentlich ziemlich widerlichen Frikadellenbällchen. Der junge Mann bleibt im Gang stehen, seine Augen werden größer. Er nickt anerkennend: „Frickos, uch geil!“, und torkelt weiter. Diese Aussage, und direkt daneben die gutbürgerlichen Sekttrinker. Ein Bild für die Götter, es fehlte nicht viel und er hätte die Gruppe gefragt, ob er eine „Fricko“ haben dürfe.

Radeberg, Radeberg, mit dir und deinem Eigentumsbegriff wird das heute nichts mehr. Ich klappe den Laptop auf, fange an, diesen Text zu schreiben, und mir war noch nie etwas so klar: Hier gehöre ich dazu, ohne sie zu kennen, und solange nur einer mit seinem dümmlichen Grinsen, seiner distanzierten Spießerart, seiner „Das können wir schon lange“-Mentalität, seiner „Lass die Jungs-doch-feiern“-Einstellung, seinen „Sachen gibt‘s“-Blicken und seiner „Heute haben wir Spaß“-Miene durch diese Länder streift, werde ich dieses Land nicht verlassen, es sei denn, man trägt mich mit den Füßen voran über die Grenze.

Es wird munter weiter gefeiert, ich kenne den „Bierkapitän“ mittlerweile auswendig. „Darf ich die Bierbäuche sehen?“ Am späten Mittag dann das traurige, aber eigentlich erwartbare Ende. Irgendwo vor Hamburg hat sich jemand beim Schaffner beschwert. Sein gutes Recht, gleichzeitig ist aber auch klar, dass es nur ein Einzelner gewesen sein kann. Die anderen sind wild am Mitfeiern – oder haben eben den Waggon gewechselt. Sofort fragen die Feierer in der Gegend rum: „Stören wir Sie? Stören wir Sie?“ Die meisten lachen und winken ab. „Da sehen Sie, wir stören die Leute gar nicht“, so die wenig stringente Argumentation gegenüber der schaffnerschen Ordnungsgewalt. Die Schaffnerin muss sich noch eine weitere halbe Stunde mit den Feierwütigen auseinandersetzen, irgendwann wird es gemäßigter, ganz hören sie natürlich nicht auf. Das verhindert auch der „Bierkapitän“. Ihr Ziel ist St. Pauli, wie sie bis nachts durchhalten wollen, ist mir vollkommen schleierhaft.

Ich unterhalte mich kurz mit zwei von ihnen, die fragen, ob sie mich stören. Ich verneine, packe Rademann endgültig weg und trinke auch ein Bier. Mein Ziel, Hamburg-Harburg, kommt näher, und damit das Ende im Bierexpress. Ich kenne Harburg. Trotz Sonnenschein ein trostloses Pflaster. Kranke Menschen und Bettler schlurfen durch den kalt wirkenden Bahnhof. Mindestens 30 Prozent Muslime und/oder Schwarze. Und das schon um 14 Uhr. Menschen mit gebrochenen Blicken stieren ins Nirgendwo. Draußen stehen zwei Securitys. Mittags an einem deutschen Bahnhof. Es beginnt zu nieseln. Ich habe keine Ahnung von Radbruch, aber es ist mir egal. Die Realität hat mich wieder eingeholt. Oder hat sie mich eben erst verlassen?

„Bierkapitän“ von Markus Becker und Richard Bier


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