06. August 2019

Jungen werden mit größerer Wahrscheinlichkeit in Heimen untergebracht als Mädchen Jungen- und männerfeindliche Gesellschaft?

Wie ist die statistische Auffälligkeit zu erklären?

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Kommen mit größerer Wahrscheinlichkeit ins Heim als Mädchen: Jungen

Auf die Idee, dass Deutschland eine jungenfeindliche Gesellschaft ist, kann man schnell und leicht zugleich kommen. Jungen werden von ihrer frühen Kindheit an in ihrer Identität in Frage gestellt und zumeist an dem, was man feministische Maßstäbe nennen kann, gemessen. Als Folge werden sie häufiger von einer Einschulung zurückgestellt, wenn sie eingeschult werden, bleiben sie häufiger sitzen als Mädchen, sie müssen, um dieselbe Note zu erhalten, mehr leisten als Mädchen. Wenn sie sich nicht den Erwartungen ihrer zumeist weiblichen Lehrer fügen, werden sie auf Sonderschulen (euphemistisch „Förderschulen“ genannt, so als wäre die regelmäßige Zerstörung von Karrieren eine Förderung) abgeschoben, mindestens dreimal so häufig wie Mädchen. Jungen erhalten schlechtere Grundschulempfehlungen als Mädchen, setzen ihre Bildung nach der Grundschule entsprechend häufiger auf Haupt- und Realschulen fort als Mädchen. Als Konsequenz erreichen sie seltener ein Abitur und sind unter Studienanfängern in der Minderzahl, und die, die es an eine Hochschule schaffen, sehen sich dort durch eine Vielzahl von Förderprogrammen für weibliche Studenten benachteiligt, denn diese Programme verschaffen weiblichen Studenten nicht nur einen direkten Vorteil im Studium, sie verschaffen ihnen auch einen Vorteil beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ob weibliche Studenten diesen Vorteil nutzen oder lieber eine Kinderpause einlegen, ist eine andere Frage.

Auch Jungen, die keine Hochschulen besuchen, haben Nachteile in einer Gesellschaft, die darauf ausgelegt ist, Frauen zur Arbeit zu tragen, und in der Feministen mit ihrem Hate Speech der toxischen Männlichkeit an allem Anstoß nehmen, was nicht ihrer fundamentalistischen Ideologie entspricht. Bester Ausdruck dieser Nachteile ist die Arbeitslosenquote, die unter Männern höher ist als unter Frauen, und vielleicht ist auch die bei Männern im Vergleich zu Frauen rund dreimal höhere Suizidrate ein Ergebnis davon.

All das sind wissenschaftlich und statistisch belegte Fakten. Man kann also durchaus und problemlos zu dem Schluss kommen, dass Deutschland eine männer- und jungenfeindliche Gesellschaft ist.

Ich habe einen weiteren Baustein dieser Feindlichkeit gefunden, den ich mir nicht erklären kann. Er beginnt im Sozialgesetzbuch Nummer VIII und dort im Paragraphen 34, „Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform“: „Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht (Heimerziehung) oder in einer sonstigen betreuten Wohnform soll Kinder und Jugendliche durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung fördern. Sie soll entsprechend dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes oder des Jugendlichen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie eine Rückkehr in die Familie zu erreichen versuchen oder die Erziehung in einer anderen Familie vorbereiten oder eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten und auf ein selbständiges Leben vorbereiten. Jugendliche sollen in Fragen der Ausbildung und Beschäftigung sowie der allgemeinen Lebensführung beraten und unterstützt werden.“ So weit die schönen Worte.

Eine Heimerziehung, also eine Unterbringung im Heim, erfolgt in der Regel dann, wenn Kinder durch ihre Eltern vernachlässigt werden, wenn sie misshandelt werden, wenn sie Waisen sind und keine dauerhafte Pflegefamilie finden, wenn das Zusammenleben in der eigenen Familie aus welchen Gründen auch immer nicht mehr möglich ist oder als Folge einer „Inobhutnahme“ durch das Jugendamt. So weit, so gut.

Die Frage, meine Frage, die sich an diese Beschreibung der unterschiedlichen Wege in ein Heim anschließt, lautet: Wie kann man vor diesem Hintergrund erklären, dass das Statistische Bundesamt in seiner neuesten Statistik „der Kinder- und Jugendhilfe“ unter „Heimerziehung, sonstige betreute Wohnformen“ 59.110 Kinder und Jugendliche ausweist, die in Heimen untergebracht sind, von denen 42.436, also 71,8 Prozent, männlich sind?

Wie erklärt man eine um den Faktor 2,6 höhere Wahrscheinlichkeit von Jungen, in einem Heim untergebracht zu werden?

Jetzt sind die Leser an der Reihe.

Statistisches Bundesamt: „Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe für seelisch behinderte junge Menschen, Hilfe für junge Volljährige -Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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