19. Juli 2019

Marktschreierischer Bolschewismus und stiller „Wohlfahrtsstaat“ Der Kommunismus hat viele Gesichter

Ein Regime vollendeter Gleichheit ist in Schweden verwirklicht

von Winfried Knörzer

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Bildquelle: shutterstock Idyll des Kommunismus: Schweden

Lenin hat einmal auf die Frage, was Bolschewismus sei, die verblüffend handfeste Antwort gegeben: „Bolschewismus ist Elektrifizierung plus Räteherrschaft.“ Heutzutage könnte man sagen: „Kommunismus ist 50 Prozent des Bruttosozialprodukts in den Händen des Staates plus Gleichstellungsbeauftragte.“

Man hat sich daran gewöhnt, den Kommunismus mit der Herrschaft kommunistischer Parteien zu identifizieren. Die Sowjetunion unter Lenin und Stalin und das China Maos gelten darum als typisch kommunistische Regime. Das propagandistisch-laute, revolutionär-rasche und staatsterroristisch-aggressive Ausgreifen eines solchen parteiförmigen Kommunismus hat so sehr beeindruckt, dass leisere, heimlichere und allmählichere Formen des Kommunismus unterhalb der Wahrnehmungsschwelle blieben. Das furchtbare Dröhnen des alles niederwalzenden roten Golems, der sich letztlich aber als tönerner Götze entpuppte, hat verhindert, zu erkennen, dass der Kommunismus auch auf Taubenfüßen daherkommen kann.

Alle (zumindest eine Zeitlang) erfolgreichen kommunistischen Regime sind in unterentwickelten Staaten entstanden. Daraus folgt zweierlei.

Erstens: Unterentwickelte, vergleichsweise traditionale Nationen sind gesellschaftlich wenig differenziert. Es gibt noch keine ausgebildete bürgerliche Gesellschaft mit Institutionen, die zahlreiche wichtige Bereiche der Lebenswelt selbständig regulieren. In modernen Gesellschaften ist die Macht verstreut, weshalb es sehr schwer ist, diese in einem Zentrum zu konzentrieren. In vormodernen Gesellschaften befindet sich die Macht in der Hand des Herrschers. Ist dieser gestürzt, fällt die gesamte Macht der usurpierenden Bewegung zu. Darum kann eine revolutionäre Partei nach erfolgreicher Machtergreifung auch die gesamte Gesellschaft kontrollieren, die ja selbst mangels eigenständiger Institutionen über keine Machtmittel verfügt. Sie hat freie Hand, jeden Widerstand mit Terror zu brechen, und macht davon auch ausgiebig Gebrauch.

Zweitens: Gemäß marxistischer Doktrin ist der Kommunismus nichts anderes als der zwangsläufige Umschlag des höchstentwickelten Kapitalismus, der aufgrund seiner inneren Widersprüche (Kapitalkonzentration in Trusts, krisenhafte Entwicklung, Verelendung, tendenzieller Fall der Profitrate) den Kommunismus aus sich selbst hervortreibt. Darum ist das Bestreben verständlich, zumindest nachträglich in Form einer nachholenden Modernisierung durch forcierte Industrialisierung die Voraussetzungen zu schaffen, die eigentlich für die Entstehung des Kommunismus erforderlich sind. Dieser theoretischen Notwendigkeit gesellte sich eine noch weitaus wichtigere praktische Notwendigkeit hinzu. Da die kommunistischen Staaten von einer feindlichen Umwelt umgeben waren und sich die Hoffnungen auf eine Weltrevolution zerschlagen hatten, mussten unter Hochdruck die industriellen Kapazitäten geschaffen werden, die für die Ausrüstung einer verteidigungsfähigen modernen Armee benötigt wurden. Nur eine leistungsfähige Schwerindustrie kann die Panzer und Flugzeuge produzieren, die in der Lage sind, die Kräfte der „Konterrevolution“ von einer Invasion abzuhalten. Um eine solche Schwerindustrie buchstäblich aus dem Boden zu stampfen, muss Terror angewandt werden. Nur durch (propagandistisch beschönigte) Zwangsarbeit kann aus den Arbeitenden auch noch das letzte Fünkchen Arbeitskraft herausgepresst werden. Die der primären Akkumulation dienende Mehrwertaneignung fließt in die Hände des Staates, der diesen Mehrwert in den weiteren Ausbau der Industrie investiert. Auf die Spitze getrieben ist dieser Prozess im Gulag-System, das die Mehrwertaneignung derart radikalisiert, dass es den diesem System Unterworfenen sogar das für die Erhaltung der Subsistenz notwendige Mindestmaß vorenthält.

Zusammengefasst: Die offen totalitäre und terroristische Form des Kommunismus ergibt sich aus den Bedingungen kommunistischer Machtergreifung in unterentwickelten Nationen. Unter solchen Bedingungen müssen zur Herrschaft gelangte kommunistische Parteien so handeln, wie sie historisch gehandelt haben.

In hochentwickelten Gesellschaften sind die Bedingungen naturgemäß andere. Sie erschweren den Wandel des politischen Systems in Richtung Kommunismus ebenso wie sie ihn erleichtern. Die Stabilität des politischen Systems, das von der Masse der Bevölkerung als legitim und den eigenen Interessen konform anerkannt wird, verhindert von vornherein eine revolutionäre Machtergreifung. Gleichermaßen verhindert die Differenziertheit der Gesellschaft mit ihrem Ineinander vielfältig widerstreitender Interessen, mit ihren Checks and Balances und dem Autonomiebewusstsein der verschiedenen Institutionen eine Machtkonzentration. Darum kommt nur eine langfristige, reformistische Strategie in Betracht, die kommunismuskompatible Bestrebungen aufgreift, sublimiert und verbreitet und inkompatible als „unmodern“ und „undemokratisch“ verächtlich macht und schließlich delegitimiert. Erleichtert wird der Wandel durch den vorhandenen akkumulierten Reichtum. Dieser macht nicht nur Zwangsmaßnahmen zur Steigerung der wirtschaftlichen Leistung überflüssig, sondern auch politisch riskante und ökonomisch zweifelhafte Enteignungs- und Verstaatlichungsmaßnahmen. Er ermöglicht qua Umverteilung – nicht nur materieller Mittel, sondern auch sozialer Statuschancen (Affirmative Action, Quotenregelungen) – den Umbau der Gesellschaft in Richtung des kommunistischen Gleichheitsideals ohne den Umsturz der Produktionsverhältnisse.

Ich betrachte Schweden als das kommunistischste Land, das jemals existiert hat. Wo sonst, wenn nicht dort, ist die kommunistische Utopie eines Tagesablaufs, der aus morgendlichem Angeln, mittäglichem Arbeiten und abendlichem Philosophieren besteht, verwirklicht worden? Die Sowjetunion kannte noch Helden: Helden des „Großen Vaterländischen Krieges“, „Helden der Arbeit“. Der wahre Kommunismus braucht keine Helden, weil die Kollisionen der Wirklichkeit, die Helden hervorbringen, abgeklungen sind. Die Abendsonne einer pastoralen Idylle taucht das ganze Land in ein mildes Licht, das alle Gegensätze abdämpft. Alle sind gleich, niemand will anders sein als der andere. Alle haben das Gleiche, alle haben ein Auto, ein Haus und ein Boot. Warum sollte man mehr haben wollen? Selbst der König besteht darauf, einer wie alle zu sein. Nur ein seltsamer Zufall habe ihm eine Krone beschert, aber das habe nichts zu bedeuten, wie er treuherzig versichert. Ein Land, in dem sich ein solcher Gleichheitsfanatismus ausgebildet hat und in dem eine nicht nur nahezu vollständige materielle Gleichheit hergestellt ist, sondern in dem auch der Gedanke der Gleichheit als das absolut Erstrebenswerteste sich in die Tiefe aller Seelen hineinverwurzelt hat, muss als kommunistisch bezeichnet werden. Was sollte Kommunismus denn anderes sein?

Man hat viel zu lange nur auf den Kommunismus der Armut geschaut und dabei übersehen, dass es auch einen Kommunismus des Reichtums gibt. Mit seiner Gewalt, seiner Revolutionspoesie und den flatternden roten Fahnen hat der Kommunismus der Armut das Bild des Kommunismus geprägt und monopolisiert. Seine einzige Leistung bestand darin, die Armut zu verteilen. Der erfolgreichere Bruder, der Kommunismus des Reichtums, der es weise vorgezogen hat, sein Projekt nicht „Kommunismus“, sondern „Wohlfahrtsstaat“ zu nennen, hat in aller Stille das verwirklicht, was der andere nur marktschreierisch beanspruchte: ein Regime vollendeter Gleichheit zu errichten. Er hatte den Vorteil, Reichtum verausgaben zu können, um Gleichheit auf hohem Niveau gewährleisten zu können. Diesen Vorteil hat er genutzt.


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