17. Juli 2019

Der alte Kompass und der Neue Mensch S.O.S.

Sich rausnehmen ist ein Gebot der Vernunft

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Weise: Der alte Kompass

Sie sagen, der gesunde Menschenverstand, die hergebrachten Regeln, die Vernunft, kurz: der alte Kompass des Koexistierens und Kooperierens, der lange Richtungen wies, Grund gab und Sinn im Tun und im Lassen, sei nutzlos, gar böse. Weil der Mensch heute ein anderer sei. Neu. Weiter. Nicht dreieinig geschaffen – Körper, Geist, Seele (wahlweise Bewusstsein) –‍, sondern einzig Bauch und Gefühl. In sein Gegenteil verkehrt.

Nicht mehr Individuum, einzigartig und originell. Alle sind gleich, heißt es. Nicht als Inhaber von Rechten und Pflichten vor dem Gesetz gleich, wo es kein Ansehen der Person gibt, sondern als leere Blätter, identitätsfreie Wesen, die sich über gefühlte Merkmale zuordnen, einordnen, beschreiben und formen lassen. Ein Mann ist kein Mann und eine Frau keine Frau. Kinder sind weise, und Alte sind dumm.

Nicht nur hartes, sondern alles Brot ist hart, heißt es, jeder Mensch hat ein Recht auf Kuchen. Mehr ausgeben, als man hat, schafft Wohlstand für alle, und auf Kosten anderer leben ist eine Leistung. Viel und billiges Geld bedeutet Sicherheit, und an den Börsen ist diesmal alles anders. Worte reichen, Taten sind nicht vonnöten, Verantwortung und Konsequenzen altbacken und irgendwie rechts. Beiß die Hand, die dich füttert, wenn sie‘s freiwillig tut – die Gesellschaft füttert besser und länger. Wer hart arbeitet, soll nicht mehr verdienen als andere, und wer Erfolg hat, soll ihn teilen. Jede Not brauche ein Verbot – erfinderisch sein, sich selber helfen, zupacken, überwinden ist von gestern und auch irgendwie rechts. Blut ist ein soziales Konstrukt und nicht dicker als Wasser, Familie ein altes weißes Konzept aus der Vorzellklumpen-Zeit. Eines jeden Glückes Schmied ist die Gesellschaft, und gestalten tut sowohl Gesellschaft als auch Glück der Staat.

Lügen sind Ehrlichkeit, und Gesetzesbruch ist ein Gebot der Menschlichkeit. Menschenhandel ist humanitär und offene Grenzen Zufall. Das Recht des Stärkeren nennt man Demokratie, Interessenspolitik Minderheitenschutz, Enteignung Gesellschaftsvertrag und Solidarität.

Aber vor allem heißt es, da draußen, außerhalb der Sicherheit der Fabrik des glücklichen Menschen, lauere der Sturm. „Freiheit“ nenne er sich. Wer sich nicht anschmiege an die fortschrittliche Vernunft ordnungs- und richtungsloser Sinnleere, wer sich hinauswage in das Fegefeuer dieser diamantharten, kristallklaren, rohen Welt persönlicher Verantwortung, sei verloren und verbrannt, gehöre nicht mehr dazu, sei Ausgestoßener, allein, ohne Futter, ohne Kompass und Messgeräte. Für immer.

Das Gegenteil ist der Fall – hier draußen funktioniert der alte Kompass noch. Selbstverständliches muss nicht jeden Tag neu ausgehandelt werden. Das schafft Platz. Platz, der einen Namen hat: Leben in Würde. Denn man kann nicht Leben nennen und Würde schon gar nicht, wo einer sich ein Leben lang füttern lässt mit dem faden Brei staatlicher Gerechtigkeit. Wo Motivation, Suche und Sinn sich im Vermeiden des Nicht-Korrekten erschöpfen. Wo erst die Vernunft, dann Verstand und Seele zu Schaden kommen. Wo der Mensch zum schädlichen oder nützlichen Element wird und sich reduzieren lässt auf „Wir sind mehr“-mäßiges zählbares Vieh. Nein – sie ist nicht fortschrittlich, die neue Vernunft – sie ist krank, und sie macht krank. Und das kann sich einer, der frei sein und bleiben will, nicht leisten.

Ein Leben in Würde braucht Kraft. Es empfiehlt sich, in dem ganzen Irrsinn nicht nur Wohlstand zu retten, sondern auch das Innerste. Was bringt es, wenn wir mit Volldampf in die absehbare und erwartete Krise reinbrettern und dann feststellen, dass wohl noch Kapital, aber keine Kraft mehr vorhanden ist. Dass wir im Kampf gegen die Lügen, die Unvernunft, die Bösartigkeit des diktierten Kollektiv-Wahns alle Kräfte verausgabt haben, müde sind, mutlos und erschöpft?

Sich rausnehmen ist notwendig – zumindest zeitweise. Aus News ebenso wie aus digitalen Welten und Diskussionen. Gartenarbeit, Spaziergänge, Literatur, ins Feuer starren, mit der Katze spielen. Nicht aus Resignation, Feig- oder Laschheit heraus, sondern als Gebot der Vernunft. Um Kräfte zu sparen und zu tanken. Denn auch das ist eine Weisheit des alten Kompasses: In der Ruhe liegt Kraft. Dass alles Politische, medial aufbereitet, darauf ausgerichtet ist, genau dies zu verhindern, kann deshalb niemanden erstaunen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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