07. Juli 2019

Gefährdung der Versorgungssicherheit als Folge der Energiewende Wieder einmal ein Beinahe-Stromausfall

Die endgültige Abschaltung der Kernkraftwerke wird zur Nagelprobe

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: shutterstock In Deutschland immer wahrscheinlicher: Stromausfall

Deutschland ist einem flächendeckenden Stromausfall näher, als die meisten Menschen hierzulande auch nur ahnen. Jüngst hat es einen Vorgeschmack davon gegeben. Im deut­schen Strom­netz haben im Ju­ni „mehr­fach chao­ti­sche Zu­stän­de“ ge­herrscht. So die Formulierung der „FAZ“. In Mitleidenschaft gezogen wurde das ge­sam­te eu­ro­päi­sche Strom­netz. Es gab we­ni­ger Strom als be­nö­tigt. Nachbarländer mussten aushelfen. Die Sys­tem­si­cher­heit war höchst ge­fähr­det. Die notwendige Stromfrequenz von 50 Hertz ist im ge­sam­ten eu­ro­päi­schen Ver­bund­netz unterschritten worden. Zappenduster wird es, wenn die Frequenz unter 48,8 Hertz fällt oder über 50,2 Hertz steigt. Dies ist wieder einmal gerade so eben vermieden worden. Dass es zu solchen brenzligen Situationen kommen würde und weiter kommen wird, ist den Kundigen lange vertraut. Auch ich habe schon häufig darauf hingewiesen. Der wirkliche Grund für solchen immer häufiger drohenden Stromausfall wird gerne verschleiert oder ganz verborgen. Der „Spiegel“ verstieg sich sogar zur Erklärung: „Ursache könnten Spekulationen von Händlern sein“. Natürlich ist der wirkliche Grund die stetig vorangetriebene Energiewendepolitik: weg von Strom aus fossilen Energierohstoffen und Kernkraft, hin zu Strom aus alternativer Energie, aus „erneuerbarer“, aus „grüner“.

Träumerei, die ein Albtraum ist

Technisch-physikalisch unkundige Politiker träumen davon, Deutschland vollständig mit „Grünstrom“ zu versorgen. Wenn‘s so käme, wäre das der Gau, der „größte anzunehmende Unfall“. Es sind Träumereien, die in Wirklichkeit ein Albtraum sind. Die meisten Bürger sind ebenfalls unkundig und werden unwissend gehalten. Aber was da womöglich im Busch ist und auf sie zukommt, könnten sie ahnen, wenn sich Meldungen über Beinahe-Stromausfälle häufen. Daher pflegen sie den politisch Links-Grünen in den Mainstream-Redaktionen und in den Altparteien nicht in ihre Energiewendepolitik zu passen. Je mehr Strom mittels Wind und Sonne den herkömmlichen, sicheren Strom politisch gewollt verdrängt, desto eher wird es dann wirklich zum großen Knall kommen. Eben das muss, damit die Bürger aufwachen, wahrscheinlich erst tatsächlich passieren.

Zufallsstrom mittels Sonne und Wind bedeutet schlechte Regelbarkeit

Wind- und Solarstrom sind wetterabhängig und daher unzuverlässig. Beide liefern folglich nur Zufallsstrom. So ein unzuverlässiger Strom bedeutet schlechte Regelbarkeit. Mit ihm allein lässt sich die erforderliche Netzstabilität mit der ständig erforderlichen 50-Hertz-Frequenz nicht sicherstellen; er ist, wie der Fachbegriff lautet, nicht grundlastfähig, dafür braucht man als sogenannten Grundlast-Strom solchen aus Kohle‑, Gas- und Kernkraftwerken. Der Strom, der die Schwankungen des Zufallsstroms auffangen und ausgleichen soll, heißt bei den Fachleuten „Regelenergie“. Für sie gibt es Regelzonen, auch „Bilanzkreise“ genannt, weil in ihnen die Strom-„Bilanz“ ausgeglichen sein sollte, was bei einigen nicht der Fall war.

Wind und Sonne waren mal wieder nicht hinreichend lieferfähig

An dieser Regelenergie hat es an drei Tagen im Juni gefehlt: am 6., 12. und 25. Juni. Man liest, es habe eine starke „Unterspeisung“ gegeben. An den genannten Tagen seien „si­gni­fi­kan­te Sys­tem­bi­lanz­ab­wei­chun­gen“ auf­ge­tre­ten. Derart nebulös im Fachchinesisch wird der schlichte Sachverhalt dargestellt, dass Wind und Sonne wieder einmal nicht hinreichend lieferfähig waren, so dass mit herkömmlichem Strom (als „Regelenergie“) ausgeholfen werden musste. Immerhin die „FAZ“ erläuterte zutreffend die „Unterspeisung“ kurz und bündig so: „Es war we­ni­ger Strom da als benö­tigt.“

Was die Energiewendehälse tunlichst vermeiden wollen

An zwei Junitagen war der Bedarf an Regelstrom höher als das Angebot. Dies deswegen, weil die ursprüngliche Windprognose (und damit das erwartete Angebot an Windstrom) für den kommenden Tag falsch war und die Anbieter nicht darauf eingestellt gewesen sind. Denn viele Windkraftanlagen hatten wegen einer Sturmwarnung plötzlich abgeschaltet werden müssen. Den Befürwortern dieses Energiewende-Stroms passt so etwas politisch nicht in den Kram; solche bei Windstrom üblichen Vorfälle könnten die Bürger nachdenklich und misstrauisch gegenüber diesem Strom werden lassen. Das wollen die Energiewendehälse tunlichst vermeiden.

Die Grüne Ingrid Nestle: Auf keinen Fall darf die Energiewende schuld sein

Wir lesen, die Ur­sa­che für die Un­ter­de­ckung sei „noch nicht ein­deu­tig ge­klärt“. Dabei liegt sie auf der Hand: Es ist allein die Energiewendepolitik. Denn all dies hat es vor der Energiewende nie gegeben. Dass eine Blackout-Gefahr dem Energiewende-Strom unausweichlich immanent ist, bleibt stets unerwähnt. Die „FAZ“ zum Beispiel zitiert stattdessen die warnende Ingrid Nestle von den Grünen. Sie gibt die Schuld den „Fehl­an­rei­zen in der Aus­schrei­bungs­pra­xis“ und sagt dann: „Auf kei­nen Fall darf der Ein­druck ent­ste­hen, dass die Er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en schuld an den Verzerrungen sind. Hier han­delt es sich ein­deu­tig um man­gel­haf­te Re­gu­lie­rung und po­li­ti­sche Fehl­steue­rung.“ Beide Sätze sind falsch. Natürlich ist die Energiewendepolitik mit ihrem Wind- und Sonnenstrom schuld. Und im zweiten Satz vertauscht diese Frau Ursache und Wirkung: Die Energiewendepolitik hat die Regulierung und Ausschreibung (für Regelenergie) erst notwendig gemacht. Hier wird den Bürgern Sand in die Augen gestreut, damit sie nicht erkennen, was Sache ist.

Die vorzuhaltende Minutenreserve reichte nicht

Günter Unseld vom NAEB-Stromverbraucherschutz erläutert: „Im deutschen Stromnetz war die Lage im Juni mehrfach so kritisch, dass sie nur mit Hilfe der europäischen Nachbarn gemeistert werden konnte. Die vorzuhaltende Minutenreserve musste jetzt auf 2.000 Megawatt angehoben werden. Es war weniger Stromangebot vorhanden, als Stromnachfrage angefordert wurde. Der Bedarf an Regelenergie (gleich Reserveenergie) war teilweise doppelt so hoch wie die bestellte Menge. An drei Junitagen fehlten bis zu 7.000 Megawatt, um die nachgefragte Stromleistung zu decken. Als Reserveleistung waren aber nur 3.000 Megawatt gebucht. Die Mindererzeugung der Windkraftanlagen ließ sich durch die Standardreserven der Netzbetreiber nicht mehr auffangen. Die noch fehlende Stromleistung musste von europäischen Partnern gedeckt werden.“

Was ist eine Minutenreserve?

Was ist eine Minutenreserve? Unseld: „Mit dem Begriff ‚Minutenreserve‘, auch ‚Tertiärregelung‘ genannt, ist die Bereitstellung von kurzfristigen Stromreserven (Regelenergie) zum Ausgleich von Schwankungen im bundesdeutschen Stromnetz nach einer Vorlaufzeit von 15 Minuten gemeint. Mit dem Einsatz der Minutenreserveleistung (abgekürzt ‚MRL‘) wird die Netzfrequenz gestützt, wenn sie signifikant unter 50 Hertz sinkt oder über 50 Hertz steigt. ‚Die Minutenreserve wird unterschieden in ‚positive‘ und ‚negative‘ Minutenreserve. Die positive Minutenreserve ist die Reservekapazität, die im Notfall eine Unterproduktion auf dem deutschen Strommarkt abfedert und zusätzlichen Strom einspeist oder den Stromverbrauch senkt, um die Normalfrequenz im Stromnetz zu halten. Mit negativer Minutenreserve ist hingegen die Kapazität gemeint, die für das Speichern oder Zurückhalten von Strom beziehungsweise die Steigerung des Stromverbrauchs benötigt wird, wenn zu viel Strom bei zu wenig Nachfrage im Netz vorhanden ist. Auf dem Regelenergiemarkt, der von den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern organisiert wird, haben bisher hauptsächlich flexible Gaskraftwerke oder Pumpspeicherkraftwerke ihre Dienste zur Erbringung der Minutenreserve angeboten. Sie können innerhalb einer Viertelstunde ihre Produktion ändern, den Betrieb hochfahren oder einstellen. Gleiches gilt aber auch für Blockheizkraftwerke (BHKW), Notstromaggregate, Biogasanlagen und flexible Stromverbraucher, die in einem Virtuellen Kraftwerk vernetzt sind.“

Einkauf der fehlenden Reserve zu horrenden Preisen in Nachbarländern

Unseld weiter: „Eine stabile Frequenz von 50 Hertz ist wesentlich für die Netzsicherheit. Europaweit – von Dänemark bis zur Türkei und von der Ukraine bis nach Portugal – muss das Stromnetz im gleichen Takt gehalten werden. Ist dann in Deutschland die Stromnachfrage höher als die Stromeinspeisung, geht diese Netzfrequenz etwas zurück und hat dann sofort Rückwirkungen auf die im europäischen Netzverbund angeschlossenen Länder. Damit so etwas nicht passiert, halten die Netzbetreiber Reserven vor. Diese werden am Vortag für den nächsten Tag an der Strombörse eingekauft, um so am nächsten Tag die Schwankungen zwischen Nachfrage und Stromangebot auszugleichen. An den drei Junitagen reichten aber die vorgesehenen Reserven nicht aus, obwohl große Verbraucher wie Stahlhütten kurzfristig abgeschaltet werden mussten. Der noch fehlende Strom musste dann zu horrenden Preisen von Nachbarländern eingekauft werden.“ Man muss sich fragen, was wohl passiert wäre, wenn auch die Nachbarländer an Strommangel gelitten hätten. Immerhin hat der fehlende Strom ohne Vorwarnung fast augenblicklich zur Verfügung stehen müssen.

Spitzenpreis für eine Megawattstunde Regelstrom Ende Juni 37.856 Euro

Nochmals Unseld: „Die ungewöhnlich hohen Unterdeckungen am Strommarkt führten zu hohen Schwankungen an der Strombörse. Ende Juni schossen die Preise für die Megawattstunde auf bis zu 1.000 Euro hoch, in der Spitze waren es sogar 37.856 Euro. Am Sonntag Ende Juni waren es 3.900 Euro, am Montag immer noch 1.000 Euro. Für den nächsten Tag wurde die Regelstrom-Megawattstunde auf den Regelstromauktionen zu 400 Euro eingekauft. Das alles wird natürlich auf die Stromverbraucher umgelegt. Die Grünen sind jetzt schon besorgt, dass man die Erneuerbaren für die Schuldigen dieser Verzerrungen hält. Auch die üblichen Verdächtigen (die Spekulanten) werden schon gesucht. Schon 2018 war es zu Verknappungen am Strommarkt gekommen, an die 100 Mal mussten Großstromverbraucher (Aluminium- und Stahlhütten) kurzfristig vom Netz genommen werden. So wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die endgültige Abschaltung der Kernkraftwerke 2022 zur Nagelprobe wird.“

Vor der „Energiewende“ – also ohne Strom mittels Wind und Sonne – sind regelnde Eingriffe zur Stromnetzstabilität nur sehr gelegentlich nötig gewesen. Inzwischen aber müssen jährlich mehrere Tausend stattfinden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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