03. Juli 2019

Ist „Volk“ nur ein Konstrukt? Das widerwärtige Deutschtum existiert!

Auch wenn seine Spitzenvertreter das Gegenteil behaupten

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Rolf G Wackenberg / Shutterstock.com Existiert: Deutsches Volk

Am Sonntag hielt ich in der Nähe von Bamberg bei einem Treffen der Jungen Alternative eine Rede, die sich mit dem reizvollen Thema beschäftigte, wie „konstruiert“ ein Etwas namens „Volk“ sei. Also mit der Frage, ob Heribert Prantl, wenn er morgen zu den Tsonga auswanderte, einen Lendenschurz aus Ziegenfell anlegte, Fußrasseln umbände und sich in den Fruchtbarkeitstanz einreihte, fortan ein Bantu wäre. Unmöglich kann ich den geneigten Leser bei diesem herrlichen Wetter mit dem gesamten, im Grunde nur aus Abschweifungen bestehenden Text traktieren. Nur einen kurzen Auszug will ich hier einrücken.

Dass diese Frage sozusagen in der Luft liegt, hängt damit zusammen, dass der momentane Zeitgeist in der westlichen Welt von Kräften bestimmt wird, die den Wunsch hegen, dieses Etwas namens Volk möge als ein Konstrukt gelten, weil es dann leichter abgeschafft werden kann. Wo es kein Volk gibt, gibt es nämlich auch keine Heimat, und wo es keine Heimat gibt, darf sich jeder heimisch fühlen. Es handelt sich also um einen normativen Gedanken, dessen Vater beziehungsweise Elter 1 der Wunsch ist. Ein reines Konstrukt kann man ja nicht abschaffen. Der Zweck des Konstruktivismus ist nicht die Konstruktion, sondern die Dekonstruktion.

Wie alle Flüsse ins Meer strömen, sollen sich alle Völker und Nationen in den Ozean der Weltzivilisation ergießen und vereinen. Mag sein, dass nicht nur die linken Globalisten und die internationalen Konzerne das so wünschen, sondern auch der Weltplan dergleichen vorsieht. Dann wird man aber, um in diesem Bilde zu bleiben, konstatieren müssen, dass es die Flüsse tatsächlich gibt. Die progressivsten unter den Gesellschaftsozeanographen indes behaupten, die Existenz verschiedener Ströme sei halb Einbildung, halb Ideologie, vereint zum Vorurteil, alle Wasser seien gleich, alle flössen längst im selben Delta. Sie bestreiten sogar, dass ein Unterschied zwischen Süß- und Salzwasser besteht.

Wie konstruiert also ist „Volk“? Der erhebliche und auch nachhaltige deutsche Denker Robert Habeck zum Beispiel hat gesagt, es gebe kein deutsches Volk. Wenn das stimmt, dann gibt es keine verallgemeinerbaren deutschen Eigenarten, denn wer sollte sie besitzen? Ich habe verschiedene Gründe, darüber nachzudenken. Zum Beispiel, weil ich ein Mitglied und das vergleichsweise machtlose Oberhaupt einer multiethnischen, multireligiösen Familie bin, die mein Bruder inzwischen bis nach Tansania ausgedehnt hat. Aber der eigentliche Grund besteht darin, dass man mit dieser These versucht, mir etwas wegzunehmen. Unter uns helldeutschen Betschwestern kann ich ausnahmsweise verraten, was.

Fast alles, was ich hasse, ist deutsch. Fast alles, was mich anwidert, ist deutsch. Fast alles, was ich verachte, ist deutsch. Wenn es dieses Deutsche nun gar nicht gibt, wie immerhin ein Mann behauptet, der deutscher Kanzler werden will, Kanzler eines Konstrukts gewissermaßen, dann bin ich wahrnehmungsgestört und muss sofort zum Psychiater. Und zum Augenarzt. Sogar meine Nase und meinen Gaumen müsste ich kontrollieren lassen. Vielleicht bilde ich mir nur ein, dass ich Wein trinke, und tatsächlich ist es Kommodenlack.

Einstweilen wehre ich mich gegen die Unterstellung, dass ich verrückt bin und Gespenster sehe. Was mir im Reichshauptslum Berlin entgegenkommt, den linken Teil des Schädels kahlrasiert, blaue Strähnen rechts, ein Pfund Blech gleichmäßig im Gesicht verteilt und ansonsten großzügig tätowiert, im Unterhemd, mit zerfetzter Jeans, Wagner für einen Pizzafabrikanten und den Kapitalismus für den Weltfeind haltend, aber für einen Sexisten immer noch irgendwie als weiblich erkennbar, ist erstens kein Konstrukt und zweitens: deutsch! Der Internetauftritt der grünen Jugend, eine Hüpfburg hysterischer Kretins und geschlechtsneutraler Teletubbies, neben der ein Zigeunerhaus wie eine Palladio-Villa wirkt: deutsch! Der Staatskirchenparteitag der Mösenmaler: deutsch! Die tägliche schwarze Messe um das Alien aus Braunau und seine unsühnbare Teufelsherrschaft: deutsch! Die Gier nach Gleichheit, die Verhöhnung des Besonderen, Artifiziellen, Verfeinerten: deutsch! Die Bereitschaft, im Kollektivrausch politischen Übergeschnappten zu folgen und sich den Kopf lustvoll an der dicksten Wand einzuschlagen, ob nun 1918, 1941 oder 2015: deutsch! Infantile Horden, die durch die Straßen laufen und skandieren: „Hoch mit dem Klima, runter mit der Kohle!“: deutsch! Schamlosigkeit und Vulgarität, verkauft als Authentizität und Natürlichkeit: deutsch! Anton Hofreiter, Sascha Lobo, Konstantin Wecker und Claudia Kipping-Eckardt: deutsch! Fernstenliebe aus Mangel an Nächsten, kinderlose Frauen, die eigene Kinder unter Klimaschädlinge rubrizieren, aber afrikanische Kinder am Bahnhof mit Teddys begrüßen: deutsch! Klassikkonzertbesucherinnen, die in die Jahre gekommen sind, jedoch nimmermehr auf die Idee, sich ihre Haare frisieren oder gar färben zu lassen: deutsch! Intellektuelle, die im Ausland nicht deutsch reden, weil sie sich dafür schämen, als Deutsche erkannt zu werden: deutsch! Überhaupt, diese ganze verklemmte Selbstablehnung, diese Streberei im endgültig Besiegtsein, diese Wollust, sich in Europa oder gleich der ganzen Welt aufzulösen, das sich Suhlen in nationaler Minderwertigkeit, durchdrungen vom Größenwahn, dergleichen sei moralisch vorbildlich: deutsch! Windräder hineingerammt in Caspar-David-Friedrich-Landschaften: deutsch! Ungeschminkte Frauen auf flachen Sohlen, die mehr Nahrungsmittelunverträglichkeiten kennen als unsereins Stellungen: deutsch!

Ich breche hier ab, keineswegs weil ich erschöpft bin, ich könnte eine Stunde fortfahren. Ich habe in meinem Leben nichts Widerlicheres kennengelernt als Deutsche, und nun kommen Spitzenvertreter des widerwärtigen Deutschtums und behaupten, meine Wahrnehmung sei gestört, es gebe gar nichts originär Deutsches. Bis an den letzten Tag, den Allah für mich werden lässt, werde ich diesem Schwindel widersprechen. Deutsch sind sie, kerndeutsch, knalldeutsch, quietschdeutsch, dummdeutsch, jedenfalls deutsch! Basta!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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