26. Juni 2019

Wahres und falsches Glück Unten gehalten im Leidevent

Wo der „Spaß“ regiert, geht‘s abwärts

von Frank Jordan

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Bildquelle: R-E-AL/Deutsche Bundespost/Wikimedia Commons Nicht das wahre Glück: Leben ohne Leiden

Es ist 9 Uhr 40, und ich bin glücklich. So ist das an jedem einzelnen Tag. Mal eine Stunde früher, mal eine oder zwei später. Weil ich die Angst ein weiteres Mal hinter mir habe. Angst vor dem Schreiben, während des Schreibens und bis zum Erreichen des Mindestsolls. Tag für Tag, Monat für Monat. Es bleibt sich immer gleich – ebenso wie das Glück darüber, hindurchgebrochen zu sein. Zeit und Ort vergessend mitten durch die Angst vor dem Versagen, vor dem Heute, dem Morgen und damit durch alles, was dich bremsen will, hindurch. Nicht zuletzt durch dich selber. Egal, wie klein und kläglich das Erreichte in den Augen eines anderen möglicherweise ist. Für mich persönlich ist es das Beste, zu dem ich fähig war. Und vor allem: heute bereits besser als gestern, einen Schritt weiter. Jetzt gehe ich ein Haus putzen. 14 Zimmer, fünf Badezimmer, Salons, Bibliothek, Studierzimmer. Um mir nächste Woche die Zeit zum Weiterschreiben kaufen zu können. Neues Leiden.

Auch wenn „wir“ das nicht gerne hören, auch wenn es dem ganzen Geschwafel von Menschenrechten und Würde entgegenläuft: Ohne solches Hindurchbrechen, das immer auch Leiden bedeutet, ist das Leben nicht voll, bleibt es unter seinen Möglichkeiten, ist Würde bloß eine Parole. Das gilt für Beruf, Berufung und Beziehungen. Ohne Ausnahme. Und im Grunde wissen wir es.

Jeder fühlt es instinktiv, Politiker und andere Führungswillige wissen es genau: Der Mensch braucht Leiden und den Willen, es zu beenden, um über Grenzen zu gehen, um über sich selbst hinauszuwachsen, um stark zu werden, standhaft zu sein. Wo Gefühle, Affekte und „Spaß“ regieren, geht‘s rückwärts. Und abwärts. Frust, Depression und Schuldgefühle (weil man ahnt, was man nicht ahnen will) sind Programm. Oder andersrum: Lässt man dem Menschen gebratene Tauben in den Mund fliegen, lässt ihn schlafen, nichts tun und sich einzig seiner Fortpflanzung widmen, wird er sich eher früher als später Leiden erschaffen. Er wird den „Kristallpalast“ abfackeln, den Liebsten betrügen, einen Streit vom Zaun brechen, sich allen möglichen zerstörerischen Exzessen hingeben – einzig, um zu leiden und sich am Leben zu fühlen. Um Mensch zu sein, sein eigener Herr, auch und gerade der seines Leidens, und nicht bloß die Ratte, die den Weg durch den Lichterwald zur Futterausgabe kennt und der man einredet, das sei das Paradies.

Weil das so ist, weil man um diesen innersten Kern des Menschseins und um die Gefahr der Freiheit des fest und herrisch Alleinstehenden weiß, wird heute Leiden quasi prêt-à-porter geliefert. Konsumfertige Panik und Angst mit Gebrauchs- und Handlungsanleitung. Ein Leidevent mit detailliertem Konzept und passenden Giveaways für die Jünger jedweden Opferkults. Egal, ob es sich dabei um rosa Vulven-Kopfbedeckungen, We-have-no-Planet-B-Plakate oder irgendein T-Shirt „gegen rechts“ handelt. Nichts davon ist echt, weil nichts erlitten ist. Es fühlt sich im Schatten des „Man“ und medial gepeitscht kurzfristig nur so an. Aber es bleibt inszeniertes und kontrollierbares Ventil, ein Überlaufbecken tödlicher Langeweile. Veranstaltung. Nervenkitzel, Vordergrund, Oberfläche und am Ende Erschöpfung, die bloß Leere ist.

Es ist eine Leidens- und damit Lebensillusion, in der lauwarmes Konsumieren, halbgares Wir-Gefühl und feiges Dazugehörenwollen nur eines bedeuten: unten bleiben. Unten gehalten werden. Wem das dient, ist unschwer zu erraten.

Mitleid kommt bei mir hier keines mehr auf. Nicht einmal Wut. Was bleibt, ist eine diffuse Trauer über das Ahnen, dass das Leiden, das uns erwartet, das die Menschen erneut stark machen und über sich selbst hinauswachsen lassen wird, kein freiwilliges, sondern ein aufgezwungenes sein wird. Ein weiteres Mal.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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