19. Juni 2019

„Beweisvideo“ für einen iranischen Angriff auf Öltanker Über die Vorteile fundierter Informationen

Gewähren sie doch selbst in turbulenten Zeiten Seelenruhe

von Axel B.C. Krauss

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Werden immer schlechter: „Beweisvideos“

Und jetzt? Soll ich etwa überrascht sein? Dass sich nun im Golf von Oman exakt dasjenige Szenario entfaltet – zumindest sieht es bislang danach aus –‍, das bereits vor vielen Jahren in allen lebhaften Details beschrieben wurde?

Soll ich Verständnis zeigen für eine Presse, die sich stets geweigert hat, solchen vermeintlich „kruden“ Informationen vielleicht doch mal nachzugehen, sondern stets gebetsmühlenartig die Falschbehauptung wiederholte, „der Westen“ habe im Nahen Osten „keine Strategie“?

Erwartet man jetzt womöglich auch noch von mir, dass ich mich von den durchaus absehbaren Folgen eines vermeintlich „unkalkulierbaren“ oder „irrlichternden“ Präsidentendarstellers namens Trump überraschen lasse, der einen Tag vor der Präsidentschafts-„Wahl“ auf einer Konferenz ganz klipp und klar und für jeden durch Aufruf des entsprechenden, heute noch auf Youtube abrufbaren Mitschnitts nachprüfbar mit Blick auf den Iran sagte: „We‘ll deal with it, I promise you that“ („Wir werden uns darum kümmern, das verspreche ich euch“)? Und der diese Worte obendrein sprach, nachdem er wenige Augenblicke zuvor seine Zuhörer glatt belogen hatte, indem er die Fake News in die Welt setzte, der Iran betreibe das „größte Terrornetzwerk der Welt“.

Tut mir leid: Nö. Kann mich nun mal nicht überraschen.

Aber vielleicht sollte ich wenigstens so tun, als sei ich überrascht und müsse mich nun wie ein geköpftes Huhn von dieser hochkriminellen Politik vor mir hertreiben lassen, auch wenn ich schon vor Jahren die Information hatte, dass ursprünglich ja ohnehin geplant war, „sieben Länder in fünf Jahren“ einzunehmen, die auf einer Liste standen, an deren Ende – sozusagen als „krönender Abschluss“ – eben auch der Iran stand.

Und vielleicht sollte ich auch deshalb so verwundert tun, weil Trump sich in den entsprechenden Ressorts mit Leuten umgeben hat, die aus exakt demselben Umfeld stammen, aus denselben Denk- und Strategiefabriken, denselben Bankhäusern und denselben Rüstungskonzernen, denselben Entscheidungszentren zur Festlegung der Außenpolitik, die auch schon unter einem Bush oder Obama ihr unheilvolles Werk verrichteten.

Und vielleicht sollte ich einfach vergessen, dass ein 2017 verstorbener Meister-Geostratege, dessen Namen ich hier nicht wiederholen werde, da er längst zur Allgemeinbildung gehören sollte (tut mir leid, das setze ich jetzt arroganterweise einfach mal voraus), in einer US-Senatsanhörung vom 1. Februar 2007, also vor nunmehr zwölf Jahren, genau diese Entwicklung, die in einer „Auseinandersetzung mit dem Iran und dem Rest der islamischen Welt“ münden solle, erstaunlich minutiös beschrieben hatte. Eine Beschreibung, die ich bereits in mehreren Artikeln auf diesem Portal wiedergegeben hatte.

Aber das ist leider noch nicht alles. Doch keine Sorge, zum Schluss wird es weniger dramatisch oder bedrückend, besorgniserregend oder angsteinflößend als vielmehr himmelschreiend komisch, ja, das ist feinste Realsatire: Denn nun wurde ein Video als „Beweis“ für eine iranische Täterschaft bezüglich der Angriffe auf die beiden Öltanker vorgelegt.

Nur ist dieses Video, und das ist eben das Lustige daran, ebenso aussagekräftig wie alle zuvor vorgelegten „unleugbaren Beweise“, sei es im Irak, sei es in Syrien, sei es immer dort, wo unbedingt Krieg geführt werden soll.

Im Filmchen ist ein Boot zu sehen, das auf einen Tanker zufährt. An Bord wuseln einige Leute herum. Einer davon scheint irgendetwas an die Bordwand des Tankers zu bappen. Nur erkennt man das nicht genau. Um ehrlich zu sein, erkennt man eigentlich gar nix. Zumindest nichts, was in irgendeiner Weise beweiskräftig wäre.

Woran es nun genau liegt, dass die Aussagekraft solcher Beweismittel zur Legitimierung des nächsten Angriffskrieges zur geopolitischen Umgestaltung der Welt offenbar kontinuierlich abnimmt, vermag ich nicht zu sagen. Früher hatte so was wenigstens noch Biss, manchmal gar eine filmreife Dramatik. Da wurde schon mal richtig hingelangt, um den Menschen qua emotionaler Brandstifterei die Zustimmung zu Kriegen abzutrotzen.

Aber jetzt? Ein ganz billiges, etwas verhuschtes, recht grob aufgelöstes Filmchen, das nichts beweist, gar nichts? Ach kommt, das könnt ihr doch besser. Und wegen so eines amateurhaften, ja dilettantischen „Beweises“ soll die Region – schlimmstenfalls – in Flammen aufgehen? Nee, oder?

Ich bin ja fast versucht, zu sagen: Übung macht den Meister, also inszeniert bitte bessere Streifchen, aber das wäre der Situation unangemessen. Denn da wird Brandstiftung betrieben auf eine Weise, die an die schlimmsten Kapitel der Geschichte erinnert, vor allem die des letzten Jahrhunderts.

Aber immerhin – das kann ich nicht verhehlen – empfinde ich eine gewisse Seelenruhe, weil ich mit genau solchen und ähnlichen Szenarien (nun gut, ein direkter Angriff auf ein Schiff der US-Marine wäre wohl zu offensichtlich gewesen...) schon fest gerechnet hatte. Es war nur eine Frage der Zeit. Denn was die Psychopathen, die hinter solchen Kriegsplanungen stecken, sich einmal in den Kopf gesetzt haben, kriegt man nicht mehr raus.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Krieg

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige