14. Juni 2019

Berichterstattung über Umfrageergebnisse zu Robert Habeck Vermutlich jeder zweite Deutsche liest frisierte Nachrichten über den Erfolg der Grünen

Es ist etwas komplizierter, als die Schlagzeilen behaupten

von Alexander Wendt

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Bildquelle: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Jeder Zweite kennt ihn, jeder Zweite mag ihn: Robert Habeck

Wünscht jeder zweite Deutsche für die nächste Bundestagswahl einen grünen Kanzlerkandidaten? Das jedenfalls hatte die Nachrichtenagentur dpa am 7. Juni unter Berufung auf eine Umfrage des Instituts Yougov berichtet, die exklusiv in ihrem Auftrag durchgeführt wurde.

Und Dutzende Zeitungen übernahmen die Aussage praktisch gleichlautend in ihren Überschriften: „Die Zeit“: „Jeder Zweite wünscht sich Grünen-Kanzlerkandidaten“; „Süddeutsche Zeitung“: „Umfrage: Jeder Zweite wünscht sich Grünen-Kanzlerkandidaten“; „FAZ“: „Jeder Zweite wünscht sich Kanzlerkandidaten der Grünen“; „Berliner Zeitung“: „Jeder Zweite wünscht sich einen Grünen-Kanzlerkandidaten“; „Mainpost“: „Jeder Zweite wünscht sich Grünen-Kanzlerkandidaten“; „Hamburger Abendblatt“: „Jeder Zweite wünscht sich Grünen-Kanzlerkandidaten“.

Wer sich die Yougov-Daten ansieht, der sieht: Es ist etwas komplizierter. Tatsächlich hatten auf die Frage „Wünschen Sie sich einen grünen Kanzlerkandidaten beziehungsweise Kandidatin?“ 46 Prozent mit Ja, 35 Prozent mit Nein geantwortet, 19 Prozent machten keine Angaben. 46 Prozent als „jeder Zweite“ ist kräftig gerundet. Außerdem gibt es bei Umfragen auch noch eine Fehlertoleranz von mehr als einem Prozentpunkt. Naheliegender wäre eigentlich der Schluss: Eine knappe Mehrheit der Deutschen wünscht sich keinen grünen Kanzlerkandidaten – sie sind dagegen, oder es ist ihnen egal.

Abgesehen davon handelt es sich um leichte Umfragebeute. Dass eine Partei mit Umfrageergebnissen von über 20 Prozent einen Kanzlerkandidaten nominiert, gehört zur politischen Praxis in Deutschland. Die Frage hätte auch nüchterner gestellt werden können: „Erwarten Sie, dass die Grünen einen Kanzlerkandidaten beziehungsweise eine Kandidatin aufstellen?“ Denn bei grünen Stammwählern dürfte der ausdrückliche Wunsch nach einem Kanzlerkandidaten eine geringe Rolle spielen – sie wählten ja die Partei auch in der Vergangenheit, als es keinen gab. Diejenigen, die nicht vorhaben, für die Habeck-Truppe zu stimmen, werden die Kanzleranwärterfrage auch nicht zu ihrem Herzenswunsch machen. Die Schlagzeile „Jeder zweite Deutsche wünscht sich“, meist zusammen mit einem Foto von Robert Habeck und Annalena Baerbock, suggeriert allerdings unterschwellig: Ziemlich viele Deutsche wünschen sich eine grüne Regierungsführung. Das klingt schon griffiger als: Knapp 50 Prozent aller von Yougov Befragten erwarten, dass die Grünen einen Kanzlerkandidaten aufstellen – und etwas mehr als die Hälfte nicht.

Eine ähnliche Verschiebung der Datenlage in Überschriften und Ton erlebten die Leser von Zeitungen und Online-Plattformen vor ein paar Monaten. Im März 2019 hieß die Meldung: „Robert Habeck auf Platz eins der wichtigsten Politiker“. Tatsächlich: Ein Politiker ohne öffentliches Amt, dessen Partei die kleinste Fraktion im Bundestag stellt, soll die wichtigste politische Person sein? War er natürlich nicht.

Im ZDF-„Politbarometer“, auf das sich die Aussage bezog, werden die zehn wichtigsten Politiker noch einmal einem Beliebtheitstest unter repräsentativ ausgewählten Befragten unterzogen. Die Schlagzeile hätte also heißen müssen: „Robert Habeck ist der beliebteste Politiker“. Etliche Medien korrigierten ihre Zeile. Allerdings nicht alle: „Hamburger Abendblatt“: „Umfrage: Grünen-Chef Habeck wichtigster deutscher Politiker“.

Die Pointe liegt darin, dass der beliebte Habeck – 2018 der am häufigsten eingeladene Talkshowgast der öffentlich-rechtlichen Sender – gleichzeitig immer noch sehr unbekannt ist. Im ZDF-„Politbarometer“ vom 6. Juni 2019 stand der Grünen-Chef im Beliebtheitsranking vorn. Gleichzeitig gaben selbst dann noch 48 Prozent der vom ZDF Befragten an, mit dem Namen „Robert Habeck“ nichts anfangen zu können (was zeigt, dass ARD, ZDF und viele Printmedien über ein bestimmtes Milieu offenbar nicht hinausreichen). Zum beliebtesten Politiker kürte Habeck also nur ein Teil des Teils aller Befragten – eine relative Mehrheit.

Aber auch hier gilt: Die Schlagzeile „Fast jeder zweite Deutsche kennt Robert Habeck nicht“ wäre irgendwie unsexy gewesen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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