08. Juni 2019

Pseudokompetenz im Journalismus und den Sozialwissenschaften Schwätzperten – ein zunehmendes gesellschaftliches Problem

Sie sind keine neue Erscheinung

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Haben auf alles eine Antwort: Schwätzperten

Sie sind die Linken in der Welt von Dunning-Kruger. Links ist für Dunning-Kruger da, wo die fehlende Kompetenz durch die Größe der Klappe wettgemacht werden soll. Sie sind Nutznießer und Opfer der OECD-Manie, nach der mindestens 40 Prozent eines Jahrgangs mit einem Hochschulabschluss versorgt werden müssen, koste es, was es wolle. Sie sind die Hartz-IV-Mittelschicht, die prekäre Mittelschicht, wie Heike Diefenbach sie nennt, für die ein Schein-Arbeitsmarkt errichtet wird, um ihnen den Gang zum Arbeitsamt zu ersparen und sie mit einer Schein-Erwerbstätigkeit als Gender Coach oder als Projektmitarbeiter oder als Mentor oder als irgendwas eben zu versorgen. Sie leben vom Geld der Steuerzahler, werden über eigens geschaffene Programme wie „Demokratie leben!“ ausgehalten, leisten keinen produktiven Beitrag zur Gesellschaft und fühlen sich auf dieser Grundlage berufen, anderen zu erzählen, was gut und richtig für sie ist. Sie sind die Schwätzperten, die Worthülsen-Experten und Floskel-Fetischisten. Sie reden in Zungen und hoffen, der Aufdeckung nicht vorhandener Bedeutung, nicht vorhandenen Sinns durch absurde Wortschöpfungen, komplexe Wortgebilde oder nominale Satzkonstruktionen im Worthimmel zu entgehen.

Sie sind diejenigen, die Netzwerktreffen abhalten, um darüber zu diskutieren, wie man Maßnahmen, die gegen X helfen sollen, gestalten kann. Sie sind diejenigen, die Berichte über die intersektionale Komplexität der neokapitalistisch-patriarchalischen Diskriminierung in post-modernen Gesellschaften unter besonderer Berücksichtigung der Transsexuellen von Clausthal erstellen oder wochenlang darüber sinnieren, ob ein „*“ oder ein „_“ besser dazu geeignet ist, das auszudrücken, was sie ausdrücken wollen würden, wenn sie denn wüssten, was „*“ oder „_“ ausdrücken soll.

Schwätzperten sind lebende Zirkulärschwaller, die immer da ankommen, wo sie losgegangen sind. Sie sind ein Problem für moderne Gesellschaften, denn ihre Zahl steigt stetig, während die Zahl der produktiv Tätigen ebenso stetig sinkt. Über kurz oder lang wird die Menge der Schwätzperten, die nichts wissen, außer dass alle anderen falsch leben und abgesehen davon rechts sind, die Menge der produktiven Teile der Bevölkerung übertreffen, was die Frage aufwerfen wird, wie lange das Schwätzen anhält, nachdem das Durchfüttern entfallen ist.

Aber, das mag als Trost dienen, Schwätzperten sind keine neue Erscheinung. Es hat sie immer gegeben. Vielleicht nicht in der Menge, in der es sie heute gibt, aber in der Peinlichkeit, die sie charakterisiert. Schon im Jahre 1950 findet sich in dem Beitrag „Some Observations on Study Design“ von Samuel A. Stouffer die folgende Passage, die für den Journalismus und die Sozialwissenschaften erklärt, warum Schwätzperten sich vor allem unter ihrem Dach ein nutznießendes Auskommen verschaffen wollen: „Ein grundlegendes Problem – vielleicht das grundlegende Problem – liegt tief verwurzelt in den Denkgewohnheiten unserer Kultur. Es handelt sich dabei um die implizite Annahme, dass jeder, der über ein wenig Menschenverstand und ein paar Fakten verfügt, zu jedem beliebigen Gegenstand eine kompetente Meinung kundtun kann. Deshalb glaubt der Zeitungsjournalist, der mit einer leeren Kolumne konfrontiert ist, die er innerhalb einer Stunde mit lesbarem Englisch füllen soll, sich in abschließender und kompetenter Weise zu jedem sozialen Thema, wie komplex es auch sein mag, äußern zu können. Zwar wird er nicht versuchen, eine Diagnose darüber zu stellen, was mit seiner kranken Katze nicht in Ordnung ist. Das überlässt er einem Tierarzt. Aber er weiß immer ganz genau, wo bei irgendeiner sozialen Institution der Fehler liegt, und er kennt auch die richtige Art, den Fehler zu beseitigen. In einer Gesellschaft, in der schnelle und selbstbewusst vorgebrachte Antworten belohnt werden, und die sich nicht darum kümmert, wie die Antworten zustande gekommen sind, kann man Sozialwissenschaftlern schwerlich vorwerfen, wenn sie sich der Norm beugen. Dementsprechend ist ein großer Teil der Sozialwissenschaft nur ziemlich trister und obskurer Journalismus; ein paar Daten und viel ‚Interpretation‘. Die Tatsache, dass die sogenannte ‚Interpretation‘ wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit den Daten hat, wird oft durch akademischen Jargon verschleiert. Wenn das Zeug schwierig zu lesen ist, dann hat es eine Chance, als fundiert/tiefgründig bejubelt zu werden. Belohnt werden die Antworten, egal wie umständlich sie formuliert sind, und nicht nach strengen Kriterien erzielte Belege für Sachverhalte.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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