01. Juni 2019

Tischrede am Vorabend der Gottfried-von-Haberler-Konferenz 2019 Keine Biofortifikation ohne Intelligenzfortifikation

Absurde Ideen sind nicht mehr unmittelbar lebensgefährlich, deshalb breiten sie sich aus

von Carlos A. Gebauer

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Bildquelle: shutterstock Hat das Los des Homo sapiens verbessert: Menschlicher Intellekt

Am 16. und 17. Mai 2019 veranstaltete die European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF) in Vaduz ihre 15. Gottfried-von-Haberler-Konferenz. Das diesjährige Thema waren die Chancen und Risiken der sogenannten Genmanipulation. Am Vorabend der Konferenz, auf der internationale Fachexperten sprachen, hielt ef-Kolumnist Carlos A. Gebauer eine einführende Tischrede unter dem Motto: „Keine Biofortifikation ohne Intelligenzfortifikation“.

Einleitung (oder: Reisen bildet zwar, strengt aber auch an)

Wenn man im Jahr 2019 über Wissenschaft, Technik und menschliche Intelligenz spricht, kommt man offenbar nicht umhin, eingangs etwas weiter auszuholen. Deswegen: Paläoanthropologisch lässt sich der derzeit einschlägige Forschungsmainstream – auf das Äußerste verkürzt – sinngemäß etwa so zusammenfassen, dass der Mensch als Homo erectus circa zwei Millionen Jahre in Zentralafrika verharrte, bevor er sich auf den Weg „out of Africa“ machte. Mit einer Jahresmigrationsstrecke von 400 Metern habe dann sein Nachfolgemodell, der Homo sapiens, vor rund 40.000 Jahren die Atlantikküste desjenigen Landes erreicht, das wir derzeit Spanien nennen. (Präzisionsmängel bei dieser Darstellung bitte ich mir nachzusehen. Sie passieren, wenn pro Zeile rund 350.000 Jahre zusammengefasst werden.)

Man muss nicht selber dabei gewesen sein, um zu verstehen: Ein solcher Ortswechsel kann nicht ohne Auswirkungen auf das Denken der Beteiligten und auf ihre Mentalität geblieben sein. Wer sich knapp zwei Millionen Jahre mit seinen Eltern und Kindern am Äquator aufgehalten hat – also an einer Stelle, an der es bekanntlich sonnenlaufbedingt keine Jahreszeiten gibt –‍, der hat ein anderes Weltverständnis als derjenige, der sich stets beeilen muss, vor den Herbststürmen seine Ernte in Sicherheit zu bringen. Wo wegen der Licht- und Temperaturschwankungen nicht an jeder Pflanze alle Jahreszeiten immer gleichzeitig stattfinden und also auch nicht (wie damals am Äquator) durchgängig verzehrbereite Früchte verfügbar sein können, da musste der wandernde Mensch schnell zwei Dinge lernen: Erstens, dass es Zeit gibt. Und zweitens, dass man sich während des Jahres immer wieder unterschiedlich an verschiedene Umstände anpassen musste, wollte man überleben. Und weil diese Anpassungsnotwendigkeiten durch Erfahrungsgewinne über die Zeit naheliegenderweise zu immer besseren Anpassungstechniken führten, entdeckte der Mensch auch irgendwann, dass es etwas gibt, das er „Fortschritt“ nannte. In einer von undeutlich eingewiesenen algerischen Arbeitern im Sommer 2018 mit einem Kärcher von einer Höhlenwand gereinigten südfranzösischen Wandmalerei aus dem Jahr 37.000 vor Christus soll es nach unbestätigten Meldungen angeblich geheißen haben (frei übersetzt): „Nachdem der Vater gesagt hatte: ‚Das haben wirschon immer so gemacht‘, entgegnete ihm sein Sohn: ‚Ich will das aber jetzt einmal anders machen.‘ Dann gingen beide verärgert in verschiedene Richtungen fort.“

Orthomolekularmediziner sind der Auffassung, dass auch wir Gegenwartsmenschen bis heute (mindestens) rein körperlich noch immer erhebliche Ähnlichkeiten mit unseren äquatorial-afrikanischen Vorfahren aufweisen, weswegen sie unter anderem empfehlen, das infolge fehlender Sonneneinstrahlung unzureichend körpereigen gebildete Vitamin D dem Körper zusätzlich in höherer Dosis als derzeit schulmedizinisch anerkannt zuzuführen.

Sollte also tatsächlich zutreffen, dass wir Menschen auch 40.000 Jahre nach unserer Ankunft in Nordspanien noch immer tief in unserem Inneren mit dem Umstand einer sich stets wandelnden Umwelt und den daraus folgenden Anpassungszwängen hadern? Könnte es sein, dass die Sehnsucht nach einem paradiesischen Urzustand, das Verlangen nach einem Leben im Einklang mit der Natur und der Traum von einer biodynamisch-ökologischen Harmonie zwischen naturbelassenen Pflanzen, gewaltfrei geernteten Früchten, gentechnisch unberührten Tieren und dem modernen Menschen in Wahrheit nichts anderes ist als das archaische Streben zurück zu den bequemen Quellen einer zeitlosen Gleichartigkeit jedes Tages in den wohltemperierten, nährstoffreichen Urwäldern beispielsweise des Kongo, wo nicht täglich Unwägbares die menschliche Intelligenz herausfordert, sondern ein relaxtes Chillen in der coolen Lounge einer gepflegten Rooftop-Bar bei einer Tasse Fairtrade-Ganzblatt-Tee den Tag und die Nacht prägt?

Hauptteil

Die Sehnsucht des modernen Gegenwartsmenschen nach einem heilen und geradezu für heilig erklärten Urzustand der Natur ist heute unverkennbar allgegenwärtig. Die grüne Philosophie und ihre politischen Adepten haben nicht nur Bioprodukte und Biosupermärkte hervorgebracht, sondern auch rückstandsfreie Wellness-Drinks, biologisch abbaubare Tragetaschen, freilaufende Hühner und vieles anderes mehr. Ja, sie haben sogar bewirkt, dass die Bremssättel an einigen Hybridsportwagen nicht mehr traditionell knallrot, sondern in einer Art Chlorophyll-Grün lackiert werden.

Was aber ist dieser ursprüngliche Naturzustand tatsächlich? Leben der in ein atmungsaktives Hemd mit schwermetallfreien Farben gewandete Sozialarbeiter und seine Mitbewohner*Innen in ihrer Null-Energie-Wohngemeinschaft zwischen Komposthaufen und Insektenhotel, unter Solarpanelen und neben einem Altglascontainer, tatsächlich im Einklang mit der Natur, ganz „ohne chemische Zusatzstoffe“, wenn sie auf dem Weg zur Bushaltestelle ihre Limonade ohne Konservierungsmittel aus einem wiederverwendbaren Metallbecher trinken? Ist Fleisch wirklich Mord? Sind Käse und Milch Missbrauch, und ist ein Blattsalat wirklich die Veruntreuung von primärem Biodünger?

Natürlich nicht. Denn im Naturzustand gibt es keine Wasserleitungen, die den Lauf eines ungebändigten Flusses stören könnten. Im Naturzustand fehlt die Bodenheizung und ist bestenfalls ersetzt durch ein Lagerfeuer, dessen Feinstaubemmissionen niemand messen kann. Im Naturzustand hat ein Laptop keinen Strom, und da, wo der Umweltaktivist heute W-Lan für sein schnelles Internet schätzt, sitzt ohne Forschung und ohne Fortschritt und ohne Technik und ohne Hightech nur eine Mücke, die ihn sticht. P.J. O‘Rourke (auf den zurückzukommen sein wird) hat schon vor einigen Jahren treffend angeregt, den wahren Charakter der freien Natur individuell empirisch dadurch zu verifizieren, dass man sich einem Selbstversuch unterziehe: Wenn man sich verlässlich sicher sein könne, alleine zu Hause zu sein (und der Postbote schon da war), solle man sich im Garten nackt ausziehen, in eine Hecke hüpfen und dann über den Rasen rollen. Auf diese Weise verstehe man sofort: Natur juckt.

Kluge Denker haben darauf hingewiesen, dass das Bild einer rundweg positiven und freundlichen Natur bei Jean-Jacques Rousseau nur deswegen so unkritisch gemalt werden konnte, weil er sich in Südfrankreich zeit seines Lebens einer milden und überwiegend ungefährlichen Flora und Fauna gegenübersah. Romano Guardini hat – wenn ich mich recht erinnere – ausgeführt, dass Rousseaus Denken insgesamt schon dann völlig anders ausgefallen wäre, hätte er beispielsweise in Persien gelebt und die menschenfeindliche Umgebung einer Wüste erfahren. Kurz: Wer einmal in einer Salzwüste verdurstet, an einem Pol erfroren, von einem Tiger gefressen, von einer Springflut verschluckt oder von einem Killervirus dahingerafft worden ist, der wird aller Voraussicht nach anschließend nicht mehr unreflektiert begeistert die Rückkehr zur Natur proklamieren, sondern er wird gewisse kulturelle Anpassungsmechanismen (und sei es eine Tube Hautcreme) sehr zu schätzen wissen. Selbst eine unverderbliche Überlebensration Essen oder die Medikamente, die man zu sich nimmt, dürfen dann plötzlich auch gentechnisch veränderte Komponenten enthalten. Merke: Auch der härteste Gegner der Pharmaindustrie modifiziert seine Weltsicht üblicherweise binnen Sekunden, wenn er auf dem Behandlungsstuhl seines Zahnarztes sitzt und der ihm ankündigt, es könne nun für einen Augenblick etwas unangenehm werden.

Wer das menschliche Interesse und Bemühen um ein immer besseres Verständnis von natürlichen Zusammenhängen einmal in dem Kontext des eigenen Überlebens, des Vermeidens von Schmerz und des Begrenzens von Leid erfasst und verstanden hat, der nähert sich allen Versuchen, die Abläufe der Welt zum eigenen nachhaltigen Nutzen technisch zu beherrschen, mit größerer Demut. Er lehnt Forschung und Technik fortan nicht mehr rundweg ab, sondern erkennt sie als potentiell sinnvollen Beitrag zu einer menschenwürdigen, lebenswerten Existenz für jedermann. Er begreift, warum es in den Schriften unserer Vorfahren heißt, dass der Mensch sich „die Erde untertan machen“ solle. Weil nur dann, wenn die Wirkweisen der Natur verstanden und nutzbar gemacht werden können, die elementaren Grundlagen für ein ansatzweise kulturell erträgliches, menschliches Leben auf diesem Planeten (jenseits des reinen Vegetierens) auf Dauer gesichert werden können.

Anders als ein Dschungelbewohner am Amazonas, ein chinesischer Bergbauer in einer unzugänglichen Talschlucht oder ein Inuit irgendwo zwischen Geröllmassen und Eisbergen, wissen viele Bürger in den Ballungszentren von fortgeschrittenen Industriestaaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr ansatzweise das Glück zu schätzen, sich in einer funktionierenden Infrastruktur zu bewegen und nicht selten in Minutenschnelle praktisch Zugriff auf alles zu haben, was des Menschen Herz begehrt. Ein Arzt, ein Krankenhaus, ein Medikament, ein frisches Brot und frisches Wasser, Käse und Wein aus aller Welt, Autoersatzteile, Haushaltsgegenstände aller Art, Schlüsseldienste, Kugelschreiberminen, Ersatzbatterien, eine Steckdose, W-Lan, eine Bahnhaltestelle und so weiter und so fort. Alles findet sich zum Griff bereit! Und dennoch: Trotz (oder gerade wegen?) dieses Überflusses an Lebensbewältigungsmöglichkeiten aller Art hat eine nie dagewesene Technikfeindlichkeit die Seelen vieler erfasst. Die Kunst und der Fleiß der Ingenieure werden nicht mehr hochgeschätzt. Ihr Beitrag zum guten Leben aller wird derzeit nicht wertgeschätzt.

Sinnbildhaft ist eine Szene aus dem Hambacher Forst des Jahres 2018 nahe der Aachener Braunkohleabraumgebiete: Hoch oben im Geäst eines Baumes sitzt ein adoleszenter Umweltaktivist, der diesen gegen einen darunter stehenden Polizisten verteidigt, indem er den Beamten mit Ästen und Steinen bewirft, auf dass dieser den Wald nicht für eine anschließende Rodung räume. Denn nur der Erhalt dieses Baumes und dieses Waldes werde – so das Argument des juvenilen Klettermaxes – die Zerstörung des gesamten Weltdurchschnittsklimas mittels rheinischer Braunkohle noch abwenden können. Wer aber, fragt sich der nüchterne Betrachter bange, wird wohl eher eine Lösung für die Energiesicherheit in Europa finden: Ein fleißiger Ingenieur an seinem Arbeitsplatz? Oder ein wutschnaubender Demonstrant in der Baumkrone, von dem nach Wochen der Waldbesetzung prima vista nicht anzunehmen steht, dass er überhaupt schon je eng in einen hochzivilisierten, arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozess eingebunden gewesen sein könnte? Vielleicht hat sein Vater in der Entwicklungsabteilung eines deutschen Automobilherstellers gerade den letzten Feinstaub aus den Abgasen eines Motors herausentwickelt, während er mit gröbstmöglichem Dreck auf Polizeibeamte schmeißt. Wo der Wohlstand zu selbstverständlich und das Bequeme zu unhinterfragt geworden ist, da drohen Ignoranz und fehlende Demut die Grundlagen des angenehmen Lebens zu zerstören. Welchen Aufwand, welche Energie, wie viel Enttäuschungen und Verzweiflung, wie viel immer neue unverzagte Anläufe es gebraucht hat, um die tödlichsten Seuchen, an denen ungezählte Menschen gestorben waren, mit einem kleinen Nadelstich zu besiegen, das ist wohl kaum noch einem Impfgegner unserer Tage klar. Und niemand weiß auch, was (nach verschiedentlicher Behauptung im Internet) in den Weiten des amerikanischen Westens die traditionelle indianische Bezeichnung für einen „Vegetarier“ war: Mann, der schlecht schießt.

Einige mir persönlich bekannte deutsche „Tagesschau“-Betrachter oder „Spiegel“-Leser denken über „Genmais“ in etwa dies: Gelingt es der Politik nicht, multinationale Konzerne dazu zu zwingen, Feldflächen mit genetisch manipuliertem Mais hermetisch gegenüber der gesamten Umwelt abzuschließen, dann wird ein Windstoß genügen, um die genetisch vergifteten Samen in andere, noch ursprüngliche und naturbelassene Maisfelder zu wehen, wo sie dann irreversibel allen anderen dortigen Mais binnen kurzem zerstören und anschließend – weil der manipulierte Mais selbst ohnehin dem Tode geweiht ist – gemeinsam verdorren.

(Am Rande ein kurzes Intermezzo zu den Begrifflichkeiten: Anders als Politik, die nur wirklich gut ist, wenn sie international betrieben wird, verkommen alle ohnehin fragwürdigen unternehmerischen Aktivitäten zu vollends dubiosen Veranstaltungen, wenn sie genau dies sind: international. Um das schöne Wort von der Internationalität aber nicht durch solche Ambivalenzen zu verschleißen, bezeichnet man grenzüberschreitendes Wirtschaftshandeln daher als „multinational“. Ein Zeitungsvolontär, der schriebe, die multinationale EU wolle internationale Arbeitsteilung in Konzernen erschweren, fände sich daher sofort von seinem Chefredakteur zurechtgewiesen. Um Ärger dieser Art künftig zu vermeiden, schreibt jeder in seiner Lage dann auch: „Grenzwertmanipulation“, „Kursmanipulation“, „Genmanipulation“, aber „Botschaftsframing“, „Imagedesign“, „Nudging“.)

Zurück zum Mais. Ist er ein Naturprodukt? Ein Geschenk des Himmels aus dem Garten der unbefleckten Ursprünglichkeit? Haben keine manipulierenden menschlichen Hände an seinen Feldern gewirkt, um die gottgewollte, natürliche Frucht in verantwortungslosem Gewinnstreben zu verändern? Das genaue Gegenteil ist der Fall, wie Bill Bryson in seiner unnachahmlichen Weise in „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“ (deutsche Ausgabe, Seite 59 folgende) über die Entstehung des uns heute bekannten Maises in Mittelamerika erklärt: „Die Mesoamerikaner waren die größten Bauern aller Zeiten, doch von all ihren Errungenschaften war keine so wundersam wie die Züchtung von Mais.“ – „Nichts in der wilden Natur ähnelt auch nur im Geringsten dem modernen Mais. Genetisch ist sein nächster Verwandter ein flauschiges Gras namens ‚Teosinte‘, doch über die Chromosomen hinaus gibt es keine erkennbare Verwandtschaft. Mais wächst als kräftiger Kolben an einem einzigen Stängel, seine Körner stecken in schützenden, steifen Hüllblättern. Eine Teosintenähre ist im Vergleich dazu nicht einmal zweieinhalb Zentimeter lang, hat keine Hüllblätter und wächst an einer Vielzahl von Stängeln.“ – „Ein (einziges) Maiskorn enthält mehr Nährwerte als eine ganze Teosintenähre. Es liegt jenseits unserer Vorstellungskraft, wie Menschen aus einer derartig dünnen, wenig vielversprechenden Pflanze Maiskolben züchten konnten.“ – „Aber die Menschen haben es geschafft! Sie erschufen die erste voll von Menschen gemachte Pflanze der Welt – und zwar so gründlich, dass die Pflanzeheute ohne uns gar nicht überleben könnte. Maiskörner lösen sich nicht spontan vom Kolben; wenn sie nicht abgestreift und ausgepflanzt werden, wächst kein neuer Mais. Nur weil man ihn kontinuierlich seit Tausenden Jahren hegt und pflegt, ist er nicht ausgestorben.“

Die Herkunft des Maises ist daher für alle Menschen ebenso unaufklärbar und rätselhaft, wie es die Techniken und Strategien der heute lebenden Gentechniker derzeit noch für jeden Laien sind. Gleichwohl hält eine große öffentliche Meinung das eine für natürlich und das andere für gefährlich. Das eine scheint gottgegeben, das andere Teufelswerk.

Der aktuell vielfach rezipierte Soziologe Hartmut Rosa benennt den Ort, an dem menschliche Schaffens- und Gestaltungskraft den Gegebenheiten der Natur effektiv begegnet, mit dem Wort „Aggressionspunkt“: „Alles, was erscheint, muss gewusst, beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden.“ – „Dahinter verbirgt sich einschleichender Umbau unseres Weltverhältnisses“ („Unverfügbarkeit“, Seite 12). Warum aber muss dieser Ort terminologisch gleich ein Ort der „Aggression“ sein? Wäre nicht auch legitim, ihn – neutraler – als den „Wirkpunkt“ zu bezeichnen? Ist menschliches Handeln immer gleich Aggression gegen die Welt? Folgt der von Hartmut Rosa befürchtete Mehltau, der sich aus dem „Weltzugriff der Moderne“ ergebe (ebendort, Seite 112) nicht eher aus einem falschen und verantwortungslosen Zugriff statt aus dem Zugreifen an sich? Erscheint nicht eine behutsame Differenzierung schon an dieser Stelle geboten?

Wir sind – als Menschen der hochtechnisierten Moderne – umgeben von Produkten, in denen sich unfassbare Mengen von Intelligenz und Kreativität akkumuliert materialisiert haben. In jeder einzelnen Tütensuppe steckt, wie ich hörte, so viel Hightech wie in einem ganzen Formel-1-Rennwagen. Ein derartiges Auftürmen von Schaffenskraft, das Zusammenfügen fernster Elemente zu einem neuen, gedeihlichen Ganzen, das Bewältigen ungeheuerlichster und scheinbar unlösbarer Probleme lässt sich aber nicht gewaltsam herbeizwingen. Zufälle müssen oft hinzutreten und jedenfalls – wenn es um wirklich Neues geht – hinlängliche Freiräume für Phantasie.

Die Illusion, drängende Probleme der Menschheit mit Zwängen politisch lösen zu wollen, und sei der Wille dazu noch so stark und mächtig, ist immer wieder im Nichts verpufft. Als der US-amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson am 10. Februar 1966 dem Hunger den Krieg erklärte und diesen „War on Hunger“ mit einer „Food for Freedom Legislation“ führen wollte, da hungerten in der Tat große Teile der Menschheit. Es war aber gerade nicht der Präsident, der schließlich das Problem löste, sondern der fleißige Farmer Norman Borlaug aus Iowa. Seine Idee, damals bekannte Weizensorten mit einem japanischen Zwergwuchsgen zu modifizieren, um so neue Weizenhochleistungssorten zu züchten, brachte einen wesentlichen Durchbruch: Die Pflanze verschwendet ihre Kraft im Ergebnis nicht damit, einen unnötig langen (und entsprechend sturzgeneigten) Stängel auszuprägen, sondern sie bildet eine größere Ähre auf einem kürzeren, stabileren Halm. Der gesamte Weizenertrag Indiens verdreifachte sich daraufhin innerhalb von nur zehn Jahren. Mit guten Ideen und kluger Technik lassen sich die Nährstoffanteile von Pflanzen erhöhen. Der Begriff zum Gedanken hat den Namen „Biofortifikation“.

Hunger scheint nach allem also stets weniger das Resultat von Missernten zu sein, sondern eher das technischer (und auch politisch ausgelöster) Defizite. Man muss die Menschen also nur kreativ sein lassen! Die Fortentwicklung der Pflanzenschutzstrategien wie auch die Verbesserung der Salztoleranz von Pflanzen hat der Menschheit immer weitere Fruchtbarmachungen von Land ermöglicht. Es sind Wissenschaftler, Techniker, Ingenieure und Unternehmer, die die Welt tagtäglich retten und ihre Bevölkerung ernähren, nicht aber Politiker. Gegen den Hunger lässt sich nämlich schlicht kein „Krieg“ führen. Wie wollte man das auch machen? Indem man der Unterernährung die Nachschubwege abschneidet, Desinformationspropaganda in Besteckschubladen versteckt oder nachts das Licht in den Kühlschränken verdunkelt?

Es will aber nach allem insbesondere den Anschein haben, als müsse neben der beschriebenen Biofortifikation endlich auch eine gezielte Intelligenzfortifikation organisiert werden, um Ideen wie einen „War on Hunger“, das Besetzen von Bäumen zum Schutz der Stratosphäre oder das notorische Verunglimpfen von genetischer Forschung und Technik als nur gefahrbringender Manipulation zu beenden. Der Homo sapiens hat nämlich just in den vergangenen Jahrzehnten weitere Erkenntnisschritte „out of Africa“ gemacht und dabei Erstaunliches entdeckt. Der schon genannte P.J. O‘Rourke fasst den Kern des Ganzen (in „AlleSorgen dieser Welt“, deutsche Ausgabe Seite 170 folgende) präzise zusammen: „Ende der 1970er Jahre begannen Wissenschaftler zu entdecken, dass Austausch und Interpolation genetischen Materials in der Natur ständig ablaufen. Vor allem Bakterien neigen zu hausgemachter Genmanipulation, und dagegen können weder der Kongress, die Gesundheitsbehörden, noch auch (die Zeitschrift) ‚Science‘ etwas unternehmen.“ – „Damit soll nicht bestritten werden, dass Biotechniker immer noch durch Zufall etwas Scheußliches entwickeln könnten, von böser Absicht ganz zu schweigen. Doch in der Natur geschieht das ständig. Die Natur erfindet immer wieder Dinge wie etwa die Beulenpest.“ – „Abertausende Menschen ertrinken jedes Jahr. Stellen Sie sich angesichts der heutigen Angst vor Gefahren und der Begeisterung für regierungsamtlichen Schutz davor einmal vor, man hätte eben erst das Wasser erfunden.“ – „Nur Erwachsene mit einer besonderen Genehmigung dürften baden, und von Kindern unter 14 würde man verlangen, dass sie bei der Benutzung einer Wasserpistole eine Schwimmweste tragen.“

Schluss

Das Leben der Menschen auf diesem Planeten ist in den letzten zwei Millionen Jahren nicht nur sicherer, angenehmer, langandauernder, schmerzfreier und gesünder geworden. Es hat insgesamt Buntheit, Möglichkeiten und Vielgestaltigkeit gewonnen. Das Leben und Überleben des Homo erectus dürfte hingegen so gleichförmig herausfordernd notorisch anstrengend gewesen sein, dass er gar keine Gelegenheit hatte, aus Langeweile dumme Ideen zu entwickeln.

Verglichen mit den Irrtumspotentialen unserer Vorfahren haben wir Heutigen es mit einer völlig anderen Lage zu tun. Da man heute nicht verhungert, wenn man wochenlang auf einem Baum sitzt, um zu verhindern, dass der Himmel einstürzt, besteht für die Betreffenden auch die Möglichkeit, in sehr abgekoppelter Weise Weltbilder zu entwickeln. Kurz: Absurde Ideen sind nicht mehr unmittelbar lebensgefährlich. Deswegen breiten sie sich aus. Mein Nachbar sagt: Das Fach „Bequemlichkeitsverblödung“ könnte vielleicht sogar schon bald zu einem neuen Masterstudiengang an irgendeiner basisdemokratischen Reformuniversität werden.

Intelligenzfortifikation bedeutet demgegenüber: Wissenschaft und Forschung zuzulassen, freie Informationen durch Lehren und Lernen zu verbreiten und Realitätskontakte durch Eigenverantwortlichkeit zu verstärken. Wo die Gefahr besteht, dass Forscher unkontrolliert Experimente durchführen und Erfindungen machen, die anderen schaden könnten, da reicht in aller Regel ein einziges Korrektiv. Was immer ein Wissenschaftler ersinnt und in die Welt bringt, er muss es zuerst an sich selbst anwenden, testen, es essen, trinken oder schlucken. Wenn er an sich selbst und an die Richtigkeit seiner Arbeit glaubt, dann wird er genau das zu tun bereit sein. Auf diese Weise kommen gute und sichere neue Produkte in die Welt, und die künftigen Nutzer sind vor Abirrungen bestmöglich geschützt.

Risiken bleiben ohnehin immer unausweichlich. So ist die Welt. Solange die freien Entdecker sie aber zuerst selbst tragen, können alle nur profitieren. Auf dem Grab von Otto Lilienthal steht ein Satz, den jeder Fluggast ihm auf ewig danken muss: „Opfer müssen gebracht werden“. Was für ein Unterschied zu einem, der sich nur auf einen Baum setzt und laut schreit.


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