23. Mai 2019

Weibliche Beschneidung in Afrika Verstümmelung immer noch grausame Praxis

Das deutsche Gesetz gegen „Ferienbeschneidung“ scheint nicht zu greifen

von Volker Seitz

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Nehmen in Afrika zu: Maßnahmen gegen weibliche Genitalverstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) bezeichnet verschiedene Formen operativer Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien ohne medizinische Gründe teilweise oder ganz entfernt werden. Durchgeführt wird diese Praktik meist an Minderjährigen, überwiegend ohne Betäubung und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Der Eingriff kann nicht rückgängig gemacht werden und führt häufig zu direkten, aber auch langfristigen psychischen und körperlichen Schäden. Folgen der Genitalverstümmelung sind neben Blutungen Schmerzen, Infektionen sowie Beschwerden bei der Menstruation und beim Wasserlassen.

Ayaan Hirsi Ali, niederländisch-amerikanische Frauenrechtlerin und Islamkritikerin somalischer Herkunft, beschreibt die Praxis in ihrer Autobiographie „Mein Leben, meine Freiheit“: „In Somalia wie in vielen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens werden kleine Mädchen ‚rein‘, indem man ihnen Teile der Genitalien wegschneidet. Anders lässt sich diese Prozedur, die im Normalfall im Alter von fünf Jahren vorgenommen wird, nicht beschreiben. Dem Kind werden Klitoris und die Labien abgeschnitten oder abgeschabt oder – in Gebieten, in denen man mehr Mitleid walten lässt – lediglich eingeschnitten oder durchstochen. Häufig wird die Wunde so zusammengenäht, dass der dicke Gewebestreifen aus dem eigenen vernarbten Fleisch des Mädchens eine Art Keuschheitsgürtel bildet. Ein sorgsam platziertes Löchlein lässt einen dünnen Urinstrahl durch. Nur mit viel Gewalt lässt sich dieses Narbengewebe für den Geschlechtsverkehr weiten.“ – „Viele Mädchen sterben nach der Beschneidung an Infektionen. Andere Komplikationen verursachen mehr oder weniger lebenslang große Schmerzen.“

Zahlreiche internationale Konventionen beziehen Stellung gegen FGM. Besondere Bedeutung kommt im afrikanischen Zusammenhang dem 2003 unterzeichneten Maputo-Protokoll, einem Zusatzprotokoll zur Afrikanischen Charta für Menschen- und Völkerrechte zu. Artikel 5 erkennt schädliche Praktiken wie FGM ausdrücklich als Menschenrechtsverletzung an und unterstreicht die Verantwortung der Staaten, Frauen durch Gesetzgebung und öffentliche Bewusstseinsbildung zu schützen und zu fördern. In vielen Ländern steht weibliche Genitalverstümmelung inzwischen offiziell unter Strafe. Einen echten Schutz bieten Verbote aber erst, wenn sie nicht nur im Strafrecht, sondern auch im Rechtsbewusstsein der Bevölkerung verankert sind.

Jede vierte Frau stirbt an den Spätfolgen der Verstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung stellt nicht nur einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen dar. Die Praxis verletzt auch elementare Grundrechte und schränkt Mädchen und Frauen in ihren Entwicklungschancen ein. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beteiligt sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit 1999 an den internationalen Bemühungen, weibliche Genitalverstümmelung zu überwinden.

Jede vierte Frau stirbt an den Spätfolgen der Verstümmelung, etwa bei der Geburt eines Kindes. In Dschibuti, dem Sudan, Somalia, Sierra Leone, Mali, Burkina Faso, Gambia und Guinea sollen zwischen 83 und 98 Prozent aller Frauen von der Genitalverstümmelung betroffen sein. Befürworter der Eingriffe berufen sich auf religiöse Traditionen und warnen vor einem Verlust der kulturellen Identität.

Nigeria bewahrt seit 2015 als drittes afrikanisches Land Mädchen und Frauen vor der grausamen Verstümmelung ihrer Genitalien. Bei rund einem Viertel der nigerianischen Frauen wurde bis dahin FGM durchgeführt – was zu Unfruchtbarkeit, Müttersterblichkeit, Infektionen und Verlust der sexuellen Lust führen kann.

Benin hat dies schon 2005 getan. Togo folgte 2012. Wesentlichen Anteil an der Abschaffung der Mädchenbeschneidung hatte der deutsche Verein (I)ntact Mädchenhilfe in Saarbrücken, der seit 1996 Aufklärungskampagnen von lokalen Organisationen unterstützte. 2005 haben in Benin die letzten Beschneiderinnen aufgegeben. Sie erhielten Kleinkredite, um sich neue Existenzen aufbauen zu können.

Organisierter Beschneidungstourismus in den Schulferien

Seit 2013 steht FGM in Deutschland unter Strafe, seit 2015 auch dann, wenn die Tat im Ausland begangen wurde. Seit 2016 erlaubt das Gesetz zudem, Pässe von gefährdeten Mädchen vor einer Reise in die Heimat einzuziehen. Im Juli 2017 trat in Deutschland die Änderung des Passgesetzes in Kraft. Demnach droht Personen die Versagung und der Entzug des deutschen Passes, wenn sie Mädchen oder Frauen mit dem Ziel der Genitalverstümmelung ins Ausland begleiten. Damit sollte der organisierte Beschneidungstourismus in den Schulferien eingedämmt werden.

Allerdings ergab eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag (Drucksache 19/8821 vom 29.03.2019), dass der Bundesregierung kein einziger Fall bekannt sei, dass einer Person wegen des Verdachts der Ausreise zum Zweck der weiblichen Genitalverstümmelung der Pass entzogen wurde. Die FDP hält das für wenig glaubwürdig. Sie vermutet eher, dass das Gesetz nicht greift, weil es an der Umsetzung scheitert.

Mit Blick auf die Einwanderung der vergangenen Jahre könne nicht davon ausgegangen werden, dass „Ferienbeschneidung“ plötzlich kein Problem mehr sei. Das neue Passgesetz scheine nur ein Feigenblatt zu sein, sagte die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding. Sabine Menkens schreibt auf „Welt Online“ am 22.04.2019: „Nach einer 2017 vom Bundesfamilienministerium vorgelegten Studie leben in Deutschland geschätzt 50.000 genitalverstümmelte Frauen. Zwischen 1.500 und 5.700 in Deutschland lebende Mädchen sind akut davon bedroht, beschnitten zu werden.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Afrika

Mehr von Volker Seitz

Über Volker Seitz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige