20. Mai 2019

Das „Strache-Video“ Im Westen nichts Neues

Was hier zum Skandal aufgeblasen wird, ist alles andere als ungewöhnlich

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Nicht ungewöhnlich: Korruption in der Politik

Wieder mal kein Grund, überrascht zu sein. Soso, aha. Strache traf sich also mit Leuten, die angeblich einen Deal mit einer russischen Oligarchin einfädeln sollten: Für den Fall, dass sie Strache beziehungsweise die FPÖ unterstützt, bekäme sie nach der Wahl lukrative Aufträge zugeschanzt.

Well? Und weiter? Genau diese Art von Nepotismus und Korruption, die ich übrigens keineswegs gutheiße und alles andere als rechtfertigen, entschuldigen oder durch diesen Kommentar relativieren will, ist hierzulande gang und gäbe. Und nicht nur hier. Einflussnahmen, Manipulationen, Bestechungen beziehungsweise „Schmiere“ von Politikern – glaubt man in den hiesigen Medien allen Ernstes, damit noch irgendjemanden aufscheuchen oder den Leuten mit solcher „beeindruckenden“ Recherche-Arbeit imponieren zu können? Ihr habt es auf mein Zwerchfell abgesehen, stimmt‘s? Ihr wollt mich ins Lachkoma treiben, so sieht‘s doch aus! Macht ihr mich jetzt fertig?

Übrigens ist dabei aus meiner Sicht die Frage, ob Strache nun in eine Falle gelockt wurde oder nicht, irrelevant: Viel relevanter ist, dass er, sollte er wirklich „vorgeführt“ worden sein, den Köder ja wohl geschluckt hat. Das ist hier die entscheidende Erkenntnis.

Man braucht doch nur einen Blick in die jüngere Zeitgeschichte zu werfen, schon stolpert man in ein regelrechtes Wespennest solcher Strippenziehereien, Mauscheleien, Kungeleien und Machinationen. Hallo? Wie war das neulich noch mit dem „Berater-Skandal“ Ursula von der Leyens? Oder mit diversen Parteispendenaffären von CDU über SPD bis FDP der letzten Jahrzehnte? Und wer erinnert sich nicht gerne an gewisse FDP-Vorsitzende, denen nur deshalb auffallend schmeichelhafte Berichte auf den Leib geschneidert wurden, weil die werte Gattin zu diesem Zeitpunkt einen führenden Posten bei der Tageszeitung innehatte, in der diese Lobhudeleien erschienen?

Und wie war das noch mit Jens Spahn? Da schau her: Im „Focus“ erschien einmal ein Bericht über Spahns rege Lobbyarbeit für die Pharmaindustrie. Wenn so jemand dann als Gesundheitsminister auf eine Impfflicht drängt, braucht man weder Impfgegner noch Verschwörungsheini zu sein, um zumindest zu vermuten, es könne dabei um mehr gehen als nur die Gesundheit der Bürger...

Habe ich das also richtig verstanden? Soll mir vielleicht suggeriert werden, zu solchen Fehltritten seien nur Rechtspopulisten fähig? Und ansonsten gebe es sowohl in Österreich als auch hierzulande keine Liebedienereien, Bückorgien, Stiefelpolituren, „Interessensgemeinschaften“ und so weiter, die – was den Journalismus betrifft – durchaus fähig sind, Politiker entweder ins Amt oder für den Fall, dass sie „unangenehm“ auffallen, buchstäblich niederzuschreiben? Ganz sicher? Die Zahl entsprechender Belege ist mittlerweile nämlich Legion.

Leider nicht mehr nur lächerlich – ja doch, irgendwie schon –‍, sondern auch ärgerlich wird es, wenn irgendwelche unerfahrenen Jungjournalisten, in diesem Fall der „Welt“, allen Ernstes meinen, ihren Lesern ganz stolz die durchaus richtige, aber nicht ganz vollständige Erkenntnis präsentieren zu müssen, solche Methoden seien eine Spezialität des – na, erraten Sie es schon? – natürlich: „russischen Geheimdienstes“, die dieser „perfektioniert habe“ (in einem Artikel von Johannes Boie namens „Eine Strategie, wie sie der russische Geheimdienst perfektionierte“ vom 18. Mai).

Da gibt‘s nur ein Problem: Nicht nur der russische, sondern ein jeder Geheimdienst kennt und pflegt solche Methoden. In den USA beispielsweise, berichtete der politische Philosoph Murray N. Rothbard einmal, sei es Usus, oppositionelle politische Bewegungen, vor allem an der „Graswurzel“, immer dann, wenn sie zu „gefährlich“ werden, sprich: „zu viel“ Zulauf erhalten und ihre Ideen sich weit verbreiten, geheimdienstlich zu infiltrieren im Versuch, sie durch inszenierte Skandale von D wie „Drogen“ bis S wie „Sex“ in ein schlechtes Licht zu rücken, sie also von innen her zu zersetzen.

Und in Deutschland? Pssst. Drei Buchstaben: NSU. Oder denken Sie nur an die V-Männer, die auf Demonstrationen gegen Merkels Politik schon mal den Hitlergruß zeigen, wohl wissend, dass ein „befreundeter“ Fotograph einer bekannten Tageszeitung just zu diesem Zeitpunkt zufällig zugegen ist, um sogleich einen Beweis für das „rechtsextreme Gefährderpotential“ von Bürgern zu liefern, die in großer Mehrheit mit diesem V-Mann und seiner bestellten Geste gar nichts zu tun hatten.

Soll ich weitermachen? Eben. Lassen wir das lieber. Es könnte peinlich werden. Vor allem für die, die nun wieder einmal ganz berufsempört glauben, sie müssten sich auf „Populisten“ einschießen, als wären nur diese zu Korruption fähig. So schrieb Boie in der „Welt“: „Die Art, wie Heinz-Christian Strache aus dem Amt katapultiert wurde, erlaubt es ihm, zu behaupten, er sei zurückgetreten, weil ihm eine Falle gestellt wurde.“ An dieser Stelle muss ich unterbrechen: Mensch, das ist ja ganz was Neues. Habe ich von anderen Politikern ja noch nie gehört. Wie innovativ. Doch weiter: „Und nicht, weil er ein populistischer Demokratieverächter ist. Der Fall harrt der journalistischen Aufklärung.“

Leider kann ich Ihnen nur teilweise zustimmen, Herr Boie: Nicht nur dieser Fall harrt einer journalistischen Aufklärung, die in vielen Fälle doch sowieso unterbleibt. Denn darüber aufklären zu wollen, bedeutet heutzutage ja nicht selten, „Verschwörungstheorien“ zu verbreiten...

Es harrt so manches der Aufklärung. Angefangen von den Waffenlieferungen an saudische Massenmörder im Jemen über die Lieferungen auch aus deutschen Landen an Terrorgruppen im Nahen Osten, manchmal im Verbund mit englischen, französischen und/oder amerikanischen Geheimdiensten; das unentwegte „Framing“ und „Nudging“ in den Massenmedien, ausgekungelt in welcher vermaledeiten „Denkfabrik“ auch immer; und was die „Demokratieverächter“ anbelangt, erinnere ich gerne an die gänzlich undemokratisch beschlossene „Energiewende“; die gänzlich undemokratisch durchgepeitschte Immigrationspolitik; die nicht weniger undemokratische Umverteilung von Milliarden Steuergeldern zur „Euro-Rettung“, denn das war ja vermeintlich „alternativlos“; und so weiter und so fort.

Ja, das alles, dieser ganze Schweinestall sollte endlich mal ausgemistet werden. Aufklärung tut not! Da bin ich ganz bei Ihnen.

Vor allem aber, und das wäre meine größte Hoffnung, mit der ich diesen Kommentar beschließen möchte, wäre es wirklich dufte, könnte man endlich mal die Verbreitung der kruden Verschwörungstheorie einstellen, der Staat und die Politik besäßen Allheilkräfte; Bürgen bräuchten nur zur Wahl zu gehen und die „Richtigen“ zu wählen; die, wie man beileibe nicht nur am Fall Strache erkennt, letzten Endes doch nur menschlich sind und ebensolche Fehler machen wie alle anderen Menschen angelegentlich auch; die doch tatsächlich käuflich und korrumpierbar sind, weshalb dieses Karussell sich weit über einen Strache hinaus wohl leider weiterdrehen wird.

Zumindest solange man glaubt, um einen vermeintlich besonders „aufsehenerregenden“ Fall, der doch nur die sprichwörtliche Spitze eines Eisberges darstellt, ein Bohei machen zu müssen, das den Blick auf das viel tiefer liegende, fundamentale systemische Problem leider verstellt.

Man heilt eine Krankheit ja nicht dadurch, sich in ein winziges Einzelsymptom zu verbeißen.


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