30. April 2019

Tätowierungen Die psychosoziale Bedeutung der dermatologischen Denaturierung

Im Hühnerhof des ästhetischen Prekariats

von Burkhard Voß

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Bildquelle: shutterstock Ästhetik der Gurkenschale: Tätowierung

In dem 1973 gedrehten Gefängnisfilm „Papillon“ lässt sich einer der inhaftierten Protagonisten, gespielt von Steve McQueen, einen Schmetterling (Papillon) auf die Brust tätowieren. Dieses Tattoo ist Symbol für seinen Freiheitsdrang, mit dem er es letztlich auch schafft, der Hölle von Französisch-Guayana zu entfliehen. Das Miniaturgemälde auf seiner Brust zeigt den zentralamerikanischen Schmetterling Papilio polyxenes, den ein Einheimischer in filigraner Arbeit durch das Spiegelbild seines eigenen Tattoos erschaffen hat. Das Farbmuster der Flügel gleicht einem Spinnennetz, in dem die Farben eines Regenbogens plötzlich geronnen sind. Wie bei Naturvölkern sind auch hier die zwei wesentlichen Merkmale eines Tattoos Symbol und Ästhetik.

Insbesondere Letzteres kann man von den heutigen dermatochemischen Exponaten eher nicht behaupten. Das ist vorprogrammiert. Denn bei solch epidemieartigen Entwicklungen wird Kunst rasch durch Künstlichkeit ersetzt. Jeder ist seines Glückes Schmied, und so sieht es dann auch manchmal aus, das Glück – ziemlich behämmert, wie Eckart von Hirschhausen es einmal so schön formulierte. So gleicht manches Armtattoo täuschend echt einer wellenförmig abgeschnittenen Gurkenschale. Es könnte das ästhetische Ideal eines Schimpansen sein, immerhin reichen dessen handwerkliche und kognitive Fähigkeiten zu weit mehr aus als zu bloßem Gurkenschälen.

Der Homo dermatopictologicus behält die zurechtgedrechselte Gurkenschale ein Leben lang. Eine Entfernung ist zwar grundsätzlich möglich, aber das Ausmaß an technischem Know-how, Zeit und Geld ist nicht ganz unerheblich. In der Jahre bis Jahrzehnte währenden Zwischenzeit können sich Makrophagen an dem Fremdstoff so richtig schön abarbeiten, und das krönende Produkt sind dann Veränderungen des Immunsystems bis hin zu Kreuzallergien, eventuell auch ein erhöhtes karzinogenes Risiko. Überlegungen dieser Art sind natürlich voll normalo und spießig. Dass sich Vorstellungen, Geschmack, ästhetisches Empfinden über die Jahre und Jahrzehnte diametral zueinander verändern können – auch die einfachste Hirngymnastik ist heute eine Zumutung. Vielleicht gibt es demnächst ja eine Gegenbewegung und der Dermatocoach eröffnet seine Praxis direkt neben einem Tattoo- und Piercing-Studio. Könnte ja sein, dass dadurch die eine oder andere lebenslange dermatochemische Karnevalsfigur schon im Vorfeld vermieden wird. Aber wahrscheinlich handelt es sich bei meinen Ansichten nur um übelste, diskriminierende Gedanken eines reaktionären Bad Boy. Mit den Merkmalen weiß, männlich und heterosexuell gehöre ich sowieso zu den Generalverdächtigen für alles Üble auf diesem Planeten. Die Ironie an der Sache ist nur, dass es die Tattoo-Aspiranten sind, die eine lebenslange Liaison mit der Selbststigmatisierung eingehen. Diese muss man tolerieren, zum Kotzen finden darf man sie trotzdem.

Es muss etwas Bedeutsames dahinterstecken, das meinen holzschnittartigen Gedankengängen völlig entgangen ist. Schon gibt es Bücher zu dem Thema, aber über welches Thema gibt es kein Buch? Man gibt sich tiefschürfenden Gedanken hin über die psychosoziale Bedeutung von Tattoos und Piercings. Denn alles hat eine psychosoziale Bedeutung, von der grün-rot karierten Unterwäsche bis zur veganen Ernährung für den mexikanischen Zwerghund. Bei Tattoos ist von Rebellion gegen kulturelle Schönheitsauffassungen die Rede, oder von heroischem Aushalten des Schmerzes als Preis für die narzisstische Vollendung. Mag sein. Solch tiefsinnige Bedeutungen werden wahrscheinlich deswegen vermutet, weil es in der grellen Tattoo- und Piercing-Szene sonst am Bedeutsamen fehlt. Tattoos in dieser Hochkonjunktur und auf immer größeren Hautarealen sind subkutane Klecksographie der ästhetisch Verwirrten. Und damit basta.

Aber da wir Zeiten entgegengehen, in denen es normal ist, dass nichts mehr normal ist, ist dies wiederum völlig normal. Gerade die in der Gurkenfarbe angestrichene Partei ist in ihrer kollektiven Genderpsychose mit mittlerweile 66 Geschlechtern kräftig dabei, die Natur des Menschen Stück für Stück zu beerdigen. Eine weitere Ironie. Die Gurkenanalogien für Geschmacklosigkeit und Insuffizienz scheinen offensichtlich nicht auszugehen. Was hat dieses harmlose Gemüse in der früheren Evolutionsgeschichte eigentlich verbrochen? Und was haben dermatologische Selbstverstümmler in ihrem früheren Leben so alles angerichtet? Fragen über Fragen. Derweil wird es immer doller im Hühnerhof des ästhetischen Prekariats. Doch auch Tätowierte altern. So wird in nicht allzu ferner Zukunft die entscheidende morgendliche Frage in deutschen Altenheimen lauten: Welche Pampers passt zu welchem Steißgeweih?

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Saar-Revue“.


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