30. April 2019

Beobachtungen über fremdkulturelle Einflüsse in Paris und Oberammergau Für-immer-Weggehen und verstetigtes Neuankommen

Kulturell ausgelöscht sind die Deutschen schon längst

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Passt: Schwarzer in Lederhose

Nach vielen Jahren – es waren derer sage und staune 28 – habe ich vergangene Woche wieder einmal Paris besucht, die kulturelle Herzkammer Europas, jedem Abendländer sogar dann urvertraut, wenn er selber nie dort gewesen ist. Längst freilich durchlaufen ventrikuläre Fibrillationen den greisen Kontinent samt seiner pulsgebenden Zentren. Wie mir in den vergangenen Jahren vielfach von ortskundigen Bekannten versichert wurde, hat die Zahl der autochthonen Welschen an der Seine so kontinuierlich abgenommen, wie jene der nichtweißen Franzosen wuchs. Fernsehnachrichten lieferten von Zeit zu Zeit diesem Befund sekundierende Bilder von marodierenden Vorstadtjugendhorden nichtwelschen Typs, pittoresk umrahmt von brennenden Autos und demolierten Geschäften. Das Zeitfenster von 28 Sonnenumläufen gewährte mir eine einigermaßen erhellende Vergleichsperspektive. Die Zeit verändert Menschen wie Städte, doch normalerweise die Erstgenannten deutlich stärker. Diesmal war ich mir nicht sicher, wem von uns beiden sich die verstrichenen Jahre stärker eingeprägt haben, Lutetia oder mir. Ethnisch ist Paris vielerorts keine im traditionellen Sinne europäische Stadt mehr, was hier, teure Leser zur Linken, so wertfrei festgestellt sei, wie es unlängst Präsident Macron tat, als er statuierte, es gebe heute „keine französische Kultur, sondern nur eine Kultur in Frankreich“, und die sei „divers“.

Divers ist dann logischerweise und gottlob auch die Hauptstadt. Sortiert der Reisende in Gedanken die Touristen aus den Passanten heraus, ist gefühlt jeder vierte bis fünfte Pariser sehr deutlich dunkelhäutiger – respectivement schwärzer – als Jeanne d‘Arc, Sophie Marceau, Chateaubriand, Bonaparte oder de Gaulle. Gefühlt, wie gesagt; Wikipedia belehrt uns eines Schlechteren, nur 20,4 Prozent der Hauptstadtbevölkerung hätten den Mutterschoß außerhalb Frankreichs durchbrochen, heißt es dort, und unter denen wiederum drei Viertel außerhalb Europas. So kann man sich arglistig selber täuschen! Der Anteil „der Jugendlichen unter 18 Jahren mit Migrationshintergrund“ betrage indes 41 Prozent, und mehr als die Hälfte dieser Nachwachsenden habe Wurzeln außerhalb Europas; ob ihrerseits neue geschlagen wurden, die alten chthonisch fortwesen oder beides zugleich, ist statistisch schwer ermittelbar.

In Rede steht ein Prozess, der selbstredend nichts mit einer „Umvolkung“ oder dem sogenannten „Grand Remplacement“ oder anderen Ludermären weißer Rassisten zu tun hat, sondern nur ein Kommen und Gehen beziehungsweise ein Für-immer-Weggehen und verstetigtes Neuankommen ist, wie es in Metropolen seit jeher stattfindet und wie es schon vor mehr als zwei Jahrtausenden der Pythagoräer Nigidius Figulus im doppelgesichtigen altrömischen Gott Ianus weltgesetzhaft symbolisiert fand. Die schwarzen Lutetier sprechen, da mag Schopenhauer lästern, wie er will, die schönste oder jedenfalls klangschönste Sprache der Welt (wie gut, vermag ich nicht zu beurteilen); viele sind habituelle Franzosen, etwa jener graubärtige, hagere Wärter im Louvre, der mit heiligem Zorn einen (weißen) Barbaren anschnob, weil der allen Ernstes für ein Foto den Sockel ersteigen wollte, auf dem die geflügelte Nike von Samothrake in ihre leider verschollene Fanfare stößt. Aber wäre ein zur Hälfte von Schwarzen besiedeltes Paris noch Paris?

Diese Frage könnte öffentlich kein Weißer mehr stellen, der noch auf eine Karriere und Einladungen zu den Partys des Juste Milieu spekuliert, egal in welcher Branche; er würde flugs als Rassist entlarvt und abgestraft. Da ich über dergleichen Flausen hinaus, also praktisch immun bin, lande ich mit ihr allenfalls in der „taz“, der „Frankfurter Rundschau“ oder einem anderen in Auflösung begriffenen Detachement der qualitätsjournalistischen Arrièregarde. Ich stelle die Frage freilich nicht aus der Perspektive des Rassisten – es mangelt mir an Phantasie, mich wirklich in einen solchen hineinzuversetzen, ich bin zu reaktionär und wahrscheinlich zu wenig durch die Welt gereist dafür –‍, sondern als Phänomenologe, Ästhet und Kulturanthropologe. Gewiss, aus der Sicht eines progressiven Politologen wäre sogar ein vollständig von Schwarzen besiedeltes Paris noch Paris, sofern dessen Bewohner sich nicht zu einer Umbenennung entschlössen, doch das ist nicht gemeint. Ich spreche, wenn ich „Paris“ sage, nicht von einem x-beliebigen Ballungszentrum mit x-beliebigen Bewohnern (das tu‘ ich nicht mal, wenn ich heute „Berlin“ sage, obwohl beachtliche Gründe vorlägen), sondern von einem in sich geschlossenen jahrhundertealten Mentalitätsraum und kulturellen Ausstrahlungszentrum, von einem Daseinsgefühl und Stadtgesicht, von einer Aura, von Savoir-vivre, eleganten Frauen und geraunten Frivolitäten, von den Tuilerien und Le Meurice, Pigalle und Chanson, Bistros und Separees, Foie gras und rotem Wein, der das Herzleid verliebter Romanprotagonisten täubt, von Varieté und Operá, Liberté und Gloire, Bohème und Barrikade, von Hugo, Flaubert, Rivarol, Chamfort, Proust und Houellebecq, von einer literarisch-geistigen Welt, die zwar nicht fähig wäre, „Die Kritik der reinen Vernunft“, „Die Wissenschaft der Logik“ und „Die Kunst der Fuge“ hervorzubringen, aber sonst nahezu alles. Ich bezähme mich mit weiteren Exempeln; wer mich verstehen will, versteht mich.

Bekanntlich aber ist nichts von Dauer, Troja, Jericho, Karthago, Babel, Tenochtitlan und das hunderttorige Theben sind verschwunden, versunken, verweht; am Antlitz Jerusalems, Roms, Konstantinopels, Alexandrias oder Bagdads haben die Stürme der Epochen gefurcht und die Begründer der jeweils nächsten gemeißelt. Panta rhei, in jedem Ende liegt ein Anfang, und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Städte verwandeln sich, Bevölkerungen wechseln. Nichts bleibt, wie es ist.

Keine Sorge, ich komme wieder auf Paris zurück, aber ich gestatte mir eine Abschweifung, die uns jetzt nach ausgerechnet Oberammergau führt. Ich stieg im vergangenen Sommer dortselbst auf dem Weg nach *** aus dem Zug und fand in der ansonsten menschenleeren Bahnhofshalle, die strenggenommen ein Hüttlein ist, einen Trupp juveniler Schwarzer vor, vertieft in eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, ins Herumlungern. Gut, dachte ich, was sollen sie in Deutschland anderes tun? Sie säen nicht, sie ernten nicht, und das Sozialamt nährt sie doch; die Vöglein wären töricht, wenn sie davonflögen. Dennoch erregte dieser Anblick meinen Widerwillen, weniger wegen der ostentativ zelebrierten Tagedieberei, sondern weil ich diese sonnenbebrillten und mit ihren Händis hantierenden Mohrenbuben, die ein im Radius von fünf- bis sechstausend Kilometern allgemein unverständliches Idiom sprachen, als Empfangskomitee eines pittoresken oberbayrischen Alpenstädtchens denkbar unpassend fand. „Unpassend“ ist das passende Wort: Es passte nicht zusammen. Sie passten nicht dorthin. Sie waren groteske Fremdkörper. Der Adorno-Kalauer, dass kein richtiges Leben im falschen möglich sei, menetekelte um diese Räbchenschar. Was also, frug ich mich, sollte der Unsinn, sie hierher umzutopfen? Später erzählte ich einer Bekannten (mit Migrationshintergrund) vom Oberammergauer Begrüßungsausschuss, und sie teilte mein Befremden nicht nur prompt, sondern schimpfte über eine Kanzlerin, die deutschlandweit die Wegweiser derart verstellt habe, dass solche Ankünfte daraus resultierten. Allerdings wollte sie mir nicht folgen, als ich ihr versicherte, dass ich mich auch an einem kohlpechrabenschwarzen Comité d‘accueil mitten in Oberbayern nicht gestoßen haben würde, wenn die Burschen in Lederhosen dort gesessen und im breitesten

Bayrisch miteinander geredet hätten. Nein, sie sei grundsätzlich dagegen, die Länder mögen doch bitte bleiben, was, und die Völker, wo sie sind. Aber sie selbst?, fragte ich. Und mein Großvater? Das gehöre zur normalen innereuropäischen Arbeitsmigration und sei etwas anderes. Solche Wanderungen hätten immer zur Anpassung der Ankömmlinge an die Kultur des Aufnahmelandes geführt, bei leichter Modifikation der Letzteren, es habe sich gewissermaßen die Würzmischung allmählich verändert. Was derzeit in Westeuropa stattfinde, sei die dauerhafte Etablierung des Fremden, Fremdkulturellen, religiös Feindseligen, ohne auch nur das Ziel einer Anpassung an die Sitten der Einheimischen noch ins Auge zu fassen, perverserweise finanziert von den Steuern der Autochthonen. Die Geburten gäben eine eindeutige Auskunft darüber, wohin dieser Prozess führe: Verdrängung und langsame kulturelle Auslöschung.

Oh, gab ich zurück, kulturell ausgelöscht seien die meisten Deutschen ohnehin längst, sie möge sich nur die Reden der Kanzlerette oder die Interviews des Grünen-Chefs anhören, da prange die Unbildung in aller Unbewusstheit und Schamferne, und überhaupt seien mir viele Deutsche eben ihrer Unbildung wegen fremd bis zum Ekel. Das deutsche Bildungs- und Universitätswesen produziere nur noch kulturellen Tiefstand, öffentliche Debatten hätten sich dem intellektuellen Niveau polynesischer Totem-Kulte angenähert, was früher Feuilleton war, sei heute Regierungsbordell, dieser Kampf sei verloren, man müsse sich der Erhaltung der Zivilisation widmen, mit Verbündeten welcher Herkunft auch immer.

Ich wollte sodann meine Habitus-Theorie entfalten, die auf der Beobachtung fußt, dass es zahlreiche Schwarzen- oder Asiatenkinder gibt, die in Europa geboren und habituell vollkommen europäisiert sind, die Landessprache im Zungenschlag jener Region sprechen, aus der sie stammen – als prominente Partes pro toto nenne ich gern die Fußballer David Alaba und Manuel Akanji –‍, aber Madame mochte nicht mehr zuhören, also wechselten wir das Thema.

Festgehalten sei gleichwohl: Wenn sie Lederhosen trügen und Bayrisch sprächen, wäre mein Sinn für Harmonie befriedigt. Dasselbe gälte sinngemäß für Paris. Ich bin kein Rassist, ich bin Kulturchauvinist. Ist aber wahrscheinlich noch schlimmer.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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