29. April 2019

Veröffentlichung von Christian Fuchs und Paul Middelhoff über die „Neue Rechte“ Wie man ein „rechtes Netzwerk“ erfindet

Anwärter auf den „Relotius-Preis für Haltungsjournalismus“

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: shutterstock Fragwürdiger Investigativjournalismus: „Rechtes Netzwerk“

Der „Kampf gegen rechts“ ist inzwischen ein Hunderte Millionen schweres Unternehmen, das unzählige Initiativen nährt und fördert. Damit die Staatsknete zuverlässig weiter fließt, müssen immer neue „Rechte“ erfunden werden. Der Phantasie scheinen dabei keine Grenzen gesetzt zu sein, am wenigsten von journalistischen Skrupeln. Der vorläufige Höhepunkt dieser Bemühungen wurde von zwei Relotius-Jüngern der „Zeit“, Christian Fuchs und Paul Middelhoff, produziert. Ihr Buch „Das Netzwerk der Neuen Rechten“ hat den noch auszulobenden Relotius-Preis für Haltungsjournalismus hoch verdient. Beide sind sogenannte „Investigativ-Reporter“ und arbeiten für das gleichnamige Ressort der „Zeit“. Es verwundert nicht, dass sie sich mit dem Titel „Journalisten des Jahres“ beziehungsweise „Top 30 unter 30“-Journalisten schmücken dürfen. Gegen „rechts“ zu recherchieren, scheint geradezu eine Anwartschaft auf Auszeichnungen zu sein, egal wie das Rechercheprodukt aussieht.

Auch ein renommierter Verlag findet sich dann leicht. Der müsste seine Lektoren allerdings ferngehalten haben, damit der Veröffentlichung nichts im Wege stand. Weil die beiden Investigativ-Genies auch mich in ihr hexenhammermäßiges Opus magnum integriert haben, muss ich mich leider mit ihrem Machwerk beschäftigen. Das Ergebnis ist: Wenn alle „Recherchen“ zu den im Buch genannten Personen von der Qualität sind wie die über mich, stimmt an den fast 300 Seiten so gut wie nichts.

Middelhoff und Fuchs behaupten im Klappentext, dass sie durch Deutschland und Europa gereist seien und die „wichtigsten Protagonisten der Szene“ getroffen hätten. Wer hat das bezahlt? Die „Zeit“, der Verlag, das Familienministerium direkt oder indirekt aus dem Topf für den Kampf gegen rechts? Wer immer es war, warum wurde für diesen Aufwand ein so stümperhaftes Ergebnis nicht nur akzeptiert, sondern mit viel Eifer der Öffentlichkeit präsentiert?

Mich haben die Autoren nicht getroffen, sie haben mich nicht mal anständig gegoogelt. So behaupten sie in meiner Kurzvita auf Seite 81, ich arbeitete als Publizistin für die „Freie Welt“, „Journalistenwatch“ und eigentümlich frei. Tatsächlich bin ich Autorin der „Achse des Guten“ und habe seit drei Jahren einen eigenen Blog. Ich veröffentliche lediglich auf meinem Blog und auf der „Achse“. Meine Beiträge werden häufig von anderen Blogs und Online-Zeitungen übernommen. Es handelt sich dann klar um Zweitverwertungen. Solange mir die entsprechenden Medien offenstanden, habe ich auch Artikel in der „Jungen Welt“ und dem „Neuen Deutschland“ publiziert oder der „taz“Interviews gegeben, ohne dass jemand auf den Gedanken kommen würde, mich zur Autorin dieser Blätter zu erklären.

Ist die oben beschriebene Zuordnung noch eine Manipulation der kleineren Art, wird um des Grusel-Effekts willen behauptet, als Autorin würde ich vor der „drohenden Umvolkung“ warnen und Demokraten als „Systemlämmer“ bezeichnen. Es fehlt jeglicher Hinweis, wo ich das geschrieben haben soll. Aber so war es auch bei der Hexenverfolgung. Die Anzeige genügte, und die Frau fand sich mit fast hundertprozentiger Sicherheit auf dem Scheiterhaufen wieder. Wobei ich von Glück sagen kann, dass es bisher nur ein ideeller Scheiterhaufen ist. Aber die Bodentruppen der Schreibtischtäter, die Antifanten, sind bereits in der Nähe meiner Wohnung aktiv geworden, vorerst nur mit Flugblättern, die mir den Mund verbieten wollen.

Noch mehr Öl ins Feuer wird mit der gänzlich unbelegten Behauptung auf derselben Seite gegossen, ich gehörte „zu einem kleinen Zirkel der Frauen innerhalb der Neuen Rechten“. Was für ein Zirkel, wird nicht verraten. Geht auch schlecht, denn er ist ein reines Phantasieprodukt der beiden kreativen Netzwerkerfinder.

Auf Seite 83 bin ich schon wieder Thema. Diesmal mit der Erfindung, ich hätte an „einem der Märsche“ der kurdischstämmigen Menschenrechtsaktivistin (so wird sie tatsächlich von Fuchs/Middelhoff genannt) Leyla Bilge teilgenommen. Hier recyceln sie Fake News aus der Presse, auf die ich zwar mit einer Gegendarstellung geantwortet hatte, aber so viel Recherche wollten die beiden Investigativen lieber nicht betreiben. Es hätte ihr Konzept stören können.

Dass sich die beiden Nachwuchs-Relotiusse mit mir beschäftigten, scheint an der von mir mitinitiierten „Gemeinsamen Erklärung“ von 2018 zu liegen, die 160.000 Menschen online unterstützt haben. Zwar haben wir uns in dieser „Gemeinsamen Erklärung“ nur für die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit an der deutschen Grenze eingesetzt, aber den Rechtsstaat zu verteidigen, ist heute verdächtig. Die Schreiber behaupten kühn, die Erklärung sei der Versuch, die „öffentliche Debatte um Geflüchtete mit der neurechten Argumentation aufzuladen, die Bundesrepublik würde sich nicht an die eigenen Gesetze halten“. Tatsächlich war es Ministerpräsident Seehofer, der von der „Herrschaft des Unrechts“ sprach. Ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages geht von einer „ungeklärten Rechtsgrundlage“ aus. Die Kanzlerin sprach selbst am 10. Juni 2018 bei Anne Will davon, dass europäisches Recht immer Vorrang vor deutschem Recht habe. Sind die etwa alle neurechts?

Damit ihr imaginiertes „rechtes Netzwerk“ irgendeine Wahrscheinlichkeit bekommen konnte, erklärten Fuchs und Middelhoff die „Gemeinsame Erklärung“ kurzerhand zum „öffentlichen Brückenschlag“ zwischen Konservativen und Neuen Rechten, indem sie willkürlich ein paar Unterstützer der einen oder anderen Gruppe zuordneten, ohne zu erläutern, was die angebliche Brückenschlag-Funktion ausmacht. Das Schema zieht sich durch das ganze Buch: Unbewiesene Behauptung reiht sich an unbewiesene Behauptung. Angeblich wollten die Unterzeichner der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ eine „starke autoritäre Führung“, obwohl im gesamten Text nichts davon zu finden ist.

Geradezu überschäumend phantasieren die Neu-Relotiusse, wenn sie sich als Textinterpreten betätigen. Da wird schon einmal aus der Rezension einer Bayreuther Opernaufführung ein Beispiel „neurechter Strategie“. So ging es meinem Text über die Lohengrin-Inszenierung von 2018. Neurechts ist schon, dass ich bemerkte, wie schön festlich das Bayreuther Publikum im Gegensatz zu den Berliner Theatergängern gekleidet war. Freude an Eleganz ist in Deutschland heute verdächtig. Ein ordentlicher Mensch darf sich so etwas keinesfalls hingeben. An welche finstere Zeit unserer Geschichte das erinnert, muss jeder für sich selbst einordnen.

Indem ich aber Wagner als „bürgerlichen Revolutionär“ bezeichnete, der gegen „Fürstenwillkür“ 1848 auf den Barrikaden stand, habe ich in den unbedarften Augen der Wächter gegen rechts endgültig eine „neurechte politische Botschaft“ untergebracht. Die frühbürgerliche Revolution von 1848, die unter anderem auch für die Pressefreiheit kämpfte, ist wegen ihrer freiheitlichen Ziele äußerst verdächtig. Machthaber scheinen im Weltbild von Fuchs/Middelhoff per se eine untertänigst zu bewundernde Spezies zu sein. Anders kann ich mir ihre Abneigung gegen Kritiker der Fürstenwillkür nicht erklären. Oder es ist einfach abgrundtiefe Unkenntnis der Geschichte.

Dann schieben sie mir eine weitere angebliche Botschaft unter, für die sich in keinem meiner Texte irgendein Beleg findet: „Deutschland ist eine Kulturnation, ist eine reiche Kulturnation mit einer reichen Tradition, die weiter zurückreicht als bis zu den zwölf Jahren der Barbarei im Dritten Reich. Alles, was nicht in dieses verklärte Bild passt, wird ausgeblendet.“ Als „Beleg“ wird geliefert, ich hätte in meiner Rezension, als ich Thomas Mann zitierte, nicht darauf hingewiesen, dass er wegen der Nazis ins Exil gegangen sei. Ich hätte auch nicht Richard Wagner als Antisemiten gebrandmarkt.

Was sagen die Autoren eigentlich zur Kanzlerin, die seit Jahrzehnten nach Bayreuth pilgert und in ihrem Gefolge Leute wie Claudia Roth, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter hatte, die sich alle auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter wichtigtaten, ohne sich von Wagner als Antisemiten zu distanzieren?

Ist die Argumentation auch absurd, so hat sie doch Methode. Mit solchen Unterstellungen soll ich in eine Nähe zur Vogelschiss-Theorie von Alexander Gauland gerückt werden, in der Hoffnung, dass schon etwas hängenbleibt. Das ist schon nicht mehr nur Relotius, das ist reinste Demagogie.

Ein letztes Wort dazu, für wie einfältig die Autoren ihre Leser halten. Es gibt ein paar Schaubilder im Buch, die stark an die Kritzeleien erinnern, mit denen wir uns in der sechsten Klasse langweilige Stunden verkürzt haben. Da wurden eine paar Kreise mit Namen gezeichnet und mögliche Verbindungslinien gezogen, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, wer mit wem geht. Nur sind es im Buch martialische Überschriften wie: „Die digitalen Infokrieger“ oder „Die Vordenker“. Letzteres könnte ich, wollte ich mich auf das Niveau von Fuchs/Middelhoff begeben, durchaus als Beweis ihrer Frauenfeindlichkeit anprangern. Denn die „Vordenker“ sind alles Männer, und mir als Frau wird damit unterstellt, ich könne nicht selbst denken.

Ich kann jedem im Buch Erwähnten nur raten, zu prüfen, ob die „Recherche“ der beiden Investigativ-Genies von der Qualität ist wie die Fakes, die sie über mich publiziert haben, und es ihnen nicht durchgehen zu lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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