12. April 2019

Studien zu freiheitsfeindlichem Denken im politischen Spektrum Linker Autoritarismus

Die Werte der Aufklärung werden heute als repressiv betrachtet

von Katja Triebel

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Bildquelle: shutterstock Gibt es links genauso wie rechts: Autoritarismus

Ein Facebook-Post des Firearms United Network zum Waffenverbot in Neuseeland wirft der Regierung eine Umkehr zum „linken Autoritarismus“ vor. Dies hat mich veranlasst, mich mehr mit dieser Regierungsform zu beschäftigen.

„Lasst Euer Volk nicht den Glauben an die Demokratie verlieren. Keine Änderung der Waffengesetze hätte nach Christchurch veranlasst oder auch nur vorgeschlagen werden sollen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es die ganze Zeit über der Plan des Terroristen war. Stoppt diesen Wahnsinn. Oder zahlt den Preis für eine radikale Umkehr in Richtung Autoritarismus – eine Entwicklung, die Neuseeland bereits vor Jahren genommen zu haben scheint, als das Classification Office (auch bekannt als State Censorship) seine Kampagne intensivierte, um zu verhindern, dass Bürger ihre Informationsfreiheit ausüben. Eine Umkehr, aus der es kein Zurück mehr geben wird.“

Bei Google fand ich 98 und bei Google Scholar drei Treffer für „linker Autoritarismus“.  Der Suchbegriff „linker und rechter Autoritarismus“ ergab einen Treffer bei Google und zwei bei Google Scholar. Suche ich jedoch nach „left authoritarianism“ erhalte ich 11.100 beziehungsweise 139 Treffer. Es scheint, dass seit Adorno in Deutschland Autoritarismus nur auf der rechtsextremen Seite vorkommt.

„Ein von Milton Rokeach in den 1960er Jahren ausgeführter Zwischenruf mit dem Titel ‚The Open and the Closed Mind‘, in dem Rokeach angemerkt hat, dass Dogmatismus und Faschismus nicht nur rechts, sondern und fast noch häufiger links zu finden sind, ist (zumindest in Deutschland) weitgehend ungelesen geblieben. Eine relativ neue Untersuchung zur Frage des Faschismus/Dogmatismus kommt aus den Niederlanden und wurde von Jan-Willem van Prooijen und André P. M. Krouwel gerade in ‚Social Psychological and Personality Science‘ veröffentlicht. Van Prooijen und Krouwel messen darin dogmatische Intoleranz, einen Teilaspekt der autoritären Persönlichkeit, die Adorno et al. untersucht haben, also den Kern von Faschismus, und zwar über die folgenden Aussagen: ‚Ich finde, jeder sollte so denken wie ich.‘ – ‚Wenn jeder über eine Sache so nachdenken würde, wie ich das tue, dann käme jeder zur selben Meinung wie ich.‘ – ‚Leute, die über Dinge anders denken als ich, sind minderwertig.‘ – ‚Wie ich über Dinge denke, ist die Wahrheit.‘ – ‚Es macht mir Angst, wenn Menschen etwas anderes denken als ich.‘ – ‚Ich treffe selten Leute, die eine andere Meinung haben als ich.‘ Wer diesen Aussagen sechsmal zustimmt, hat sich zum dogmatisch-intoleranten Faschisten qualifiziert. In drei Untersuchungen haben Proojien und Krouwel die sechs Aussagen insgesamt 1.037 Probanden vorgelegt und eine Reihe unterschiedlicher Fragen untersucht. Dabei kamen sie unter anderem zu den folgenden Ergebnissen: Dogmatische Intoleranz ist unter jungen Probanden häufiger als unter alten Probanden. Dogmatische Intoleranz ist unter deutschen Probanden häufiger als unter niederländischen Probanden. Mit der Stärke der affektiven Bindung an eine politische Überzeugung wächst die dogmatische Intoleranz. Mit zunehmender dogmatischer Intoleranz steigt – wenig überraschend – die Bereitschaft, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken. Das für diesen Post wichtigste Ergebnis lautet: Dogmatische Intoleranz, und damit der Kern von Faschismus, findet sich nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums, sondern auch auf der linken Seite des politischen Spektrums.“ („Sciencefiles“ vom Dezember 2016.)

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine neuere Studie aus Montana (USA): Linke sind ebenso wahrscheinlich dogmatische Autoritäre wie Rechte. „‚Unsere Daten deuten darauf hin, dass durchschnittliche Amerikaner auf der politisch linken Seite genauso wahrscheinlich dogmatische Autoritäre sind wie solche auf der politisch rechten. Und diese linken Autoritären können genauso voreingenommen, dogmatisch und extremistisch sein wie rechte Autoritäre‘, sagte Conway gegenüber ‚Psypost‘.“ („Psypost“ vom Januar 2018.)

Beide Studien haben etwas Gemeinsames: Sie haben die Fragen für die Linken so umformuliert, dass sie in deren Gedankenwelt passen. Hier ein Beispiel: „Frage 3 für Rechte: ‚Es ist immer besser, dem Urteil der zuständigen Behörden in Regierung und Religion zu vertrauen, als den lauten Hetzern in unserer Gesellschaft zuzuhören, die versuchen, Zweifel in den Köpfen der Menschen zu wecken.‘ Frage 3 für Linke: ‚Es ist immer besser, dem Urteil der zuständigen Behörden in der Wissenschaft in Bezug auf Themen wie globale Erwärmung und Evolution zu vertrauen, als den lauten Hetzern inunserer Gesellschaft zuzuhören, die versuchen, Zweifel in den Köpfen der Menschen zu schaffen.‘“ („Left-Wing Authoritarianism in the United States“ vom Januar 2019.)

Studien richtig interpretieren!

Wenn wir also deutsche Studien zum Autoritarismus untersuchen, dann sollten wir uns ganz genau die Fragen und die Interpretation der Studienverfasser anschauen. So wie bei der neuesten Leipziger Autoritarismus-Studie. Deren Ergebnisse wurden von der „Zeit“ mit der Schlagzeile „40 Prozent der Deutschen können sich ein autoritäres Regime vorstellen“ verbreitet und mit einer Warnung vor dem „zunehmenden Fremdenhass“ versehen. Kritik kam von der „Welt“, wo der renommierte Chemnitzer Extremismusforscher Eckhard Jesse die Interpretation der Studie für unseriös hält, unter anderem weil die Studie „vergisst“, zu erwähnen, dass die Werte 2002 viel höher lagen. In der „NZZ“ darf Jesse seine Kritik detailliert ausführen: „Die zum Teil weich formulierten Aussagen führen zu einem hohen Anteil an Zustimmung, etwa beim Komplex der ‚Ausländerfeindlichkeit‘, die einen gewissen Interpretationsspielraum erlaubt, wenn zur Auswahl steht: ‚Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen‘ (35,7 Prozent Zustimmung), oder: ‚Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken‘ (26,5 Prozent), oder: ‚Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet‘ (35,6 Prozent). Wer hier zustimmt, ist nach der Studie manifest ausländerfeindlich. Die Antwort ‚teils/teils‘ gilt als ‚latente Zustimmung‘, nicht als ‚latente Ablehnung‘. Aber messen die Aussagen, wie behauptet, Ausländerfeindlichkeit oder nicht vielmehr Vorurteile gegenüber Ausländern?“ – „Das gutbetuchte und bildungsnahe Elektorat der Grünen (die Studie wurde in diesem Jahr unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt) kommt am besten weg. Die kühnen Interpretationen sind durch die Empirie somit nicht gedeckt.“ – „Die Alternative heißt eben nicht: demokratisch contra rechtsextremistisch. Wer nicht rechtsextremistisch ist, muss keineswegs demokratisch sein. Aber die Autoren wollen vom Linksextremismus nichts wissen. Denn der Hinweis darauf führe zur ‚Untätigkeit gegenüber der Ausbreitung extrem-rechter Aktivitäten‘. Warum eigentlich? Und die Gewalt von rechts habe ganz andere Ausmaße als die von links, der keine ‚Ideologie der Ungleichwertigkeit‘ zugrunde liege. Zur Untermauerung beruft sich Decker auf eine Statistik zur Hasskriminalität für das Jahr 2017 (7.180 Fälle von rechts, 44 von links), die in die Irre führt. Die tatsächliche Zahl der Gewalttaten für 2017 (rechts: 1.054; links: 1.648) sucht der Leser vergeblich.“ (Eckhard Jesse in der „NZZ“ vom Januar 2019.)

Früher liberal-progressiv – jetzt autoritär-konservativ?

Ich bin über 50 Jahre, die ersten 40 Jahre fühlte ich mich liberal-progressiv, doch langsam schiebt man mich in die autoritäre, rechte Ecke. Warum? Ich bin schon immer gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit gewesen, wenn ich auch manche dieser Worte nicht kannte. Ich war „Emma“-Abonnentin, bin immer noch Feministin und habe jahrzehntelang die Grünen gewählt.

Habe ich mich geändert oder die Gesellschaft?

Natürlich habe ich mich geändert. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich mit Politik und habe mich zum ersten Mal mit Libertarismus sowie Demokratie und Anarchie auseinandergesetzt. Ich habe die Novellen zum Waffenrecht national und international sehr eng verfolgt und dabei gemerkt, wie Politiker arbeiten. Ich habe ein Dossier zum Lobbyismus geschrieben und vieles mehr.

Dabei hat sich meine Einstellung zum Staat geändert. Ich glaube heute nicht mehr, dass Politiker schlauer sind als ich oder dass sie mein Wohl beziehungsweise das Wohl des Volkes immer beachten oder dass sie überhaupt erahnen, welche Folgeschäden sie mit ihren Gesetzen verursachen. Ich bin skeptisch, was Großprojekte angeht (Agrarwende, Energiewende, Verkehrswende, Waffenverbote und so weiter), und auch gegenüber internationalen Institutionen und NGOs (EU, UN, Stockholm International Peace Research Institute, Greenpeace, Small Arms Survey, Attac, Peta und so weiter). Die einzige Wende, die mir gefallen hat, war der Mauerfall. Diese kam von unten – nicht von oben. Und ich vertraue mehr auf kleine Initiativen als auf angebliche „Kunstrasen-IGs“, die Zuwendungen von Superreichen erhalten.

Wo ich mich jedoch nicht geändert habe, sind meine Einstellungen zu Rassismus, Sexismus, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit. Ich bin auch immer noch ein Fan der Aufklärung und der realistischen Wissenschaft. Hier hat sich jedoch die („postmoderne“) Gesellschaft geändert. Die „Ruhrbarone haben“ das treffend beschrieben (es lohnt sich, den gesamten Artikel zu lesen): „Die Werte der Aufklärung werden als naiv, totalisierend und repressiv betrachtet. Das Streben, den Status quo zu ‚zerschlagen‘, verbreitete Annahmen und mächtige Institutionen herauszufordern und sich für Marginalisierte einzusetzen, ist durchaus liberal. Sich dem entgegenzustellen, ist entschieden konservativ. Erstmals in der Geschichte sind wir jedoch an einem Punkt angelangt, an dem der Status quo durchweg liberal geprägt ist. Der heutige Liberalismus tritt für Freiheit und Gleichheit ein, unabhängig von Geschlecht, Ethnie oder Sexualität. Daraus resultiert eine verwirrende Situation, in der Liberale, welche diesen Status quo erhalten möchten, als konservativ gelten, und jene, die den Konservatismus um jeden Preis bekämpfen wollen, zu Verteidigern von Irrationalismus und Illiberalismus werden. Haben die frühen Postmodernisten noch dem Diskurs den Diskurs entgegengesetzt, folgen heutige Aktivisten postmodernen Ideen zu ihrer logischen Konsequenz und verhalten sich zunehmend autoritär. Die freie Meinungsäußerung ist heute unter Beschuss, da das frei geäußerte Wort als gefährlich gilt. Es wird als derart bedrohlich erachtet, dass Menschen, die sich selbst als Liberale bezeichnen, es für gerechtfertigt halten, es mit Gewalt zu unterdrücken. An die Stelle von Diskussionen, in denen wir versuchen, andere mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen, treten heute Verweise auf die Identität (‚Als lesbische Latina kann ich sagen…‘) und schiere Wut. Trotz der Tatsache, dass Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie und Fremdenfeindlichkeit in westlichen Gesellschaften einen Tiefstand erreicht haben, legen linke Akademiker und Aktivisten einen fatalistischen Pessimismus an den Tag. Postmodernes Denken begünstigt Bestätigungsfehler. Für die eigene repressive Macht haben postmoderne Akademiker und Aktivisten kein Bewusstsein. Für Außenstehende ist sie jedoch offensichtlich. So meint Andrew Sullivan zur Intersektionalität: ‚Es wird eine klassische Orthodoxie postuliert, welche jede erdenkliche menschliche Erfahrung erklärt, und durch die alle Aussagen gefiltert werden müssen.‘ – ‚Wie einst der Puritanismus in Neu-England, kontrolliert Intersektionalität heute die Sprache und darüber hinaus die Bedingungen eines jeden Diskurses.‘“ („Wie der Postmodernismus die Aufklärung abwickelt“, Mai 2017.)

„Ruhrbarone“: „Wie der Postmodernismus die Aufklärung abwickelt“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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