28. März 2019

Zeitgefühl in Afrika als Hindernis für Entwicklung Unpünktlichkeit als Statussymbol

Die Bürokratie wurde vom Westen übernommen, nicht aber die Effizienz

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock In Afrika keine Tugend: Pünktlichkeit

Im Westen wurde das Arbeiten nach der Uhr mit der Industrialisierung allgemein verbindlich. Die Arbeitsorganisation des Industriesystems forderte Pünktlichkeit. Das hat dazu geführt, dass heute nicht nur die Arbeit, sondern auch die Freizeit minutiös geplant wird, ein Phänomen, das viele beklagen. In Afrika konnte ich ein völlig anderes Zeitgefühl beobachten. Afrikaner leben nach einem eigenen Rhythmus. Es gibt ein inneres Widerstreben, Zeit als etwas zu sehen, das verrinnt oder gar verschwendet werden kann. Zeit ist etwas Gottgegebenes, das es nicht zu nutzen, sondern zu verbrauchen gilt. Dies wird nicht nur von Afrikanern, sondern auch von Entwicklungshelfern und anderen Menschen, die dort leben, als größere Freiheit wahrgenommen. Afrikaner machen sich darüber lustig, wenn Europäer Pünktlichkeit als eine Form von Höflichkeit bezeichnen.

Das hat jedoch auch seine Schattenseiten, denn diese Haltung führt dazu, dass man sich ungern im Voraus festlegt und plant. Die Uhr bekommt den Charakter eines Kontrollinstruments. Bei der Arbeit unterwirft man sich kaum einem Zeitmaß. „Arbeit“ und „Freizeit“ werden nicht streng voneinander getrennt. Das gilt auch für die Eliten. Es gibt selten eine konsequente und zielorientierte, das heißt sinnvolle Nutzung der zur Verfügung stehenden Zeit. Die Einstellung zu Terminen ist lässig.

Die Verschwendung von Zeit und die zu kurzfristigen Zeitperspektiven bei den Eliten sind mit ein Grund für die Rückständigkeit. Pünktlichkeit bei der Arbeit und deren Kontrolle – wie durch die damaligen Staatspräsidenten Sankara (Burkina Faso) und Kountché (Niger) – erregen großes Aufsehen. Unpünktlichkeit wird auch bewusst als Mittel eingesetzt, um den eigenen Status zu betonen und an die eigene Wichtigkeit und Macht zu erinnern. Veranstaltungen etwa beginnen erst, wenn der protokollarisch wichtigste Teilnehmer eingetroffen ist – wann auch immer das sein mag.

Doch es besteht ein Zusammenhang zwischen Pünktlichkeit und Effizienz. Das mangelnde Zeitgefühl führt zu einer statischen und nicht zu einer dynamischen Lebenseinstellung. Die Ethnologin Kundri Böhmer-Bauer versuchte in Simbabwe mehrmals, den Zeitpunkt für eine Verabredung am Nachmittag genauer festzulegen, bis schließlich der Gesprächspartner ungeduldig sagte: „Nach dem Mittagessen und vor Sonnenuntergang.“ Genauer ging es nicht.

Wenn sich die Entwicklungsländer über Geschenke von Kapital und Know-how hinaus aus eigener Kraft auf einen höheren Lebensstandard zu bewegen wollen, wird ihnen die wenigstens teilweise Übernahme westlichen Zeitdenkens nicht erspart bleiben. Dass das möglich ist, zeigen leistungsorientierte afrikanische Emigranten, die den westlichen Arbeitsstil übernehmen und damit erfolgreich sind. Zum wirtschaftlichen Erfolg gehören Disziplin und Zuverlässigkeit sowie eine verlässliche und gut organisierte Verwaltung.

Die Bürokratie in Afrika hat viele üble Wesensmerkmale europäischer Bürokratie übernommen, ohne die entsprechende Effizienz zu bieten. Das ist katastrophal in Verbindung mit weitverbreitetem Fatalismus, Absentismus, das heißt dem gewohnheitsmäßigen Fernbleiben vom Arbeitsplatz, und Gleichgültigkeit. Die Inkompetenz der Bürokratie wird dadurch noch verstärkt, dass sehr viele Stellen nicht nach Ausbildung und Qualifikation, sondern nach dem Verwandtschaftsgrad des Stelleninhabers mit demjenigen, der über die Stelle zu entscheiden hat, besetzt sind. Das „système débrouille“, das System des „Durchwurstelns“, herrscht allenthalben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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