07. März 2019

Malaria-Anstieg Afrikaner schützen sich halbherzig

Moskitonetze werden zu wenig genutzt

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Finden in Afrika zu wenig Akzeptanz: Moskitonetze

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihren Welt-Malaria-Bericht veröffentlicht. Die Infektionszahlen für Malaria haben sich zuletzt wieder erhöht. Die Zahl der erfassten Malariaerkrankungen stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um gut zwei Millionen auf 219 Millionen Fälle. Etwa 90 Prozent aller Erkrankungen werden aus Afrika gemeldet. 435.000 Menschen, darunter rund 266.000 Kleinkinder, fielen der Krankheit zum Opfer. Rund 70 Prozent aller Malariafälle betreffen elf Länder: Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Mosambik, Burkina Faso, Kamerun, Ghana, Mali, Niger, Uganda, Tansania und Indien (hier allerdings die weniger gefährliche Art Plasmodium vivax). 2017 waren in Nigeria rund 59 Millionen Menschen an Malaria erkrankt. Der Report lässt durchblicken, dass das Engagement dieser Länder als zu gering eingeschätzt wird. Richtige Prioritäten haben einmal mehr Äthiopien und Ruanda gesetzt. Dort ist die Zahl der Erkrankungen deutlich zurückgegangen.

Die Hoffnungen auf die Einführung eines Impfschutzes sind aber immer wieder enttäuscht worden. Malaria wird von Plasmodien ausgelöst. Diese Parasiten sind vom Differenzierungsgrad her viel weiter entwickelt als Bakterien. Sie entwickeln schneller Resistenzen, das heißt, ein Impfstoff, der tatsächlich Erfolge zeigt, kann bereits sehr schnell wieder untauglich sein. Neu entwickelte Mittel werden rasch unwirksam, zumal wenn sie schon massenhaft zur Vorbeugung eingesetzt wurden. Ein Impfstoff mit dem sperrigen Namen „RTS,S/AS01“ wurde an der New York University entdeckt und von dem britischen Pharmaunternehmen Glaxosmithkline (GSK) entwickelt. Der Impfstoff ist im Herbst 2013 von der Firma GSK zur begrenzten Anwendung und für Studien in sieben afrikanischen Ländern ausgeliefert worden. Nach insgesamt drei Teilimpfungen konnte mindestens ein Drittel der Geimpften für vier Jahre vor einer Erkrankung bewahrt werden. Dies könnte bedeuten, dass jährlich bis zu 200.000 Todesfälle verhindert würden. Es bleibt abzuwarten, wie lange ein Impfschutz überhaupt anhält, weil der Spiegel der schützenden Antikörper mit der Zeit deutlich absinkt. Die Staatengemeinschaft, vor allem die USA und die britische Regierung, investierte laut WHO insgesamt rund 3,1 Milliarden US-Dollar.

Keine Luft unterm Moskitonetz

Hauptursache für die weite Verbreitung sind schlechte hygienische Bedingungen, vor allem in ländlichen Regionen. Die Anophelesmücke („anophelos“ ist das griechische Wort für „schädlich“) sticht meist in der Dämmerung zu. Die Überträger der Malariaparasiten sind tagsüber weniger aktiv. Aus medizinischen und epidemiologischen Gründen lohnt es sich, immer wieder moskitofreundliche Pfützen und andere Stellen mit stehendem Wasser trockenzulegen. In Seen, Pfützen und Sümpfen legen die Anophelesmücken ihre Eier ab, die sich innerhalb von wenigen Tagen zu neuen Mücken entwickeln. Brackwasser mit Müll vermischt bildet den besten Nährboden auch für Aedesmücken, die Gelbfieber, Dengue oder Zika übertragen. Um ihre Eier zu ernähren, benötigen die weiblichen Mücken Blut. Nur die Weibchen ernähren sich vom Blut der Menschen, und deshalb sind auch nur sie gefährlich.

Moskitonetze sind, gemeinsam mit langer, heller, mückenfester Kleidung ein guter Schutz gegen die gefährlichen Stiche. Zusätzlich müssen unbedeckte Körperteile (Nacken, Knöchel, Gesicht und so weiter) mit Repellents eingerieben werden. Es gelten vor allem mit Insektiziden imprägnierte Netze über den Betten als wirksame, billige und praktikable Bekämpfungsmethode. Bislang mit nur mäßigem Erfolg. In 88 Ländern, davon 39 in Afrika, werden die Moskitonetze kostenlos verteilt. Aber leider nehmen nach meinen Erfahrungen selbst gebildete Afrikaner das Angebot nicht ausreichend an. Viele der Empfänger zweckentfremden die robusten Netze (zum Beispiel für die Landwirtschaft, als Fischernetze, Vorhänge oder Siebe), weil es ihnen angeblich unter den Netzen zu heiß ist. Auch William Easterly hat von unsachgemäßer Verwendung der Netze berichtet. Nicht selten nutzen sogar die gebildeten afrikanischen Projektleiter von Wohltätigkeitsorganisationen – etwa vom Globalen Fonds zur Bekämpfung unter anderem von Malaria –‍, die die Netze kostenlos verteilen und der Bevölkerung ihren Nutzen zur Verhinderung der Malaria nahebringen sollen, die Netze selbst nicht. Sie gaben mir gegenüber ganz offen zu, dass sie es lästig fanden, darunter zu schlafen. Sie bekämen darunter keine Luft. Die Lerneffekte der Bevölkerung zur sachgerechten Anwendung der Netze waren entsprechend gering.

Gerade ist mir aus dem Sahel ein Bericht zugegangen: „In den Familien werden die Netze nicht schonend behandelt, selten repariert, die Imprägnierung nicht erneuert. Für viele Familien ist es auf Dauer finanziell nicht möglich, alle fünf Jahre neue Netze (circa drei Euro) zu kaufen. Unrat und Unordnung sind Brutstätten für die Mücken. Die Menschen werden vor allem in der Dämmerung gestochen, nicht in der Nacht. Kinder sind dem in der Regel ungeschützt ausgesetzt. Die Netze bestehen aus engmaschigem Kunststoff und sind in den schlecht belüfteten Räumen und der Enge sicherlich unangenehm. Während der Erntezeiten bleiben die Familien auf den Feldern – ohne Netze. Wird dann jemand krank, wird er oft falsch behandelt. Unqualifizierte ‚Mediziner‘ verordnen ohne jede Voruntersuchung oft gefälschte und falsche Medikamente, oder man geht zum Guérisseur (Heiler) oder zur Straßenapotheke und nimmt irgendetwas. Der falsche Einsatz der Medikamente beschleunigt die Resistenzbildung. Die Kinder sterben meist an Dehydration und Erschöpfung, weil sich nicht ausreichend, adäquat und vor allem nicht zeitig um sie gekümmert wird. Eigentlich ist es unverständlich, dass sich dieser Zustand nach so vielen Jahren der Intervention nicht gebessert hat. Man hinterfragt die Todesursachen nicht ausreichend und sieht im Verlust Allahs Willen. Die Mediziner kommen daher kaum in die Verlegenheit, dafür verantwortlich gemacht zu werden.“

Der WHO zufolge leben in Afrika immer noch rund 280 Millionen Menschen ohne adäquates Moskitonetz in ihrem Zuhause.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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