22. Februar 2019

Yasmina Banaszczuk in „Spektrum der Wissenschaft“ über Selbstmordraten bei Männern und Frauen Toxische Männlichkeit

Tödliche Geschlechterrolle

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Sollen oft gar nicht erfolgreich sein: Selbstmordversuche bei Frauen

In „Spektrum der Wissenschaft“ müht sich Yasmina Banaszczuk, die dort als Soziologin verkauft werden soll, die Tatsache, dass sich Männer in Deutschland rund dreimal häufiger als Frauen per Suizid aus dem Leben befördern, zu erklären, besser: wegzuerklären. Ohne Erfolg.

Der Versuch, den man Studenten mit der Bemerkung „Thema verfehlt“ um die Ohren hauen würde, ist insofern bemerkenswert, als er Denkprobleme offenbart, die heute endemisch zu sein scheinen.

Es beginnt mit dem Frauen-aber-auch-Reflex, der dafür sorgt, dass Dingen, die sich zum Nachteil von Männern auswirken, sofort mit: „Frauen haben aber noch größere Probleme in X“ begegnet wird. Wird belegt, dass Jungen bei der schulischen Bildung Nachteile haben und deutlich hinter Mädchen zurückbleiben, dann wird behauptet, Frauen hätten bei der beruflichen Ausbildung Nachteile, Männer würden Karriere machen, Frauen auf der Strecke bleiben, ganz so, als gingen die Nachteile von Jungen dadurch weg. Dieser Aufrechen-Reflex, der vermutlich auf Boshaftigkeit oder toxischer Weiblichkeit basiert, findet sich auch bei Banaszczuk, die meint, darauf hinweisen zu müssen, dass Frauen häufiger Selbstmordversuche begehen als Männer, nur eben weniger erfolgreich dabei sind.

Der Gipfel des Zynismus findet sich dann in einem Kasten, der mit „Toxische Männlichkeit“ überschrieben ist. Die drei darin versammelten Punkte kann man so zusammenfassen, dass die höhere Erfolgsquote bei Selbstmordversuchen von Männern darauf zurückzuführen ist, dass Männer ihre Absicht konsequenter umsetzen als Frauen.

Die Frage, die nunmehr zu beantworten wäre, lautet: Warum sind Frauen, wenn sie einen Suizid begehen wollen, weniger konsequent als Männer? Die Antwort, die sich dabei aufdrängt und die jedem Soziologen einfallen müsste, wenn er sein Fach auch nur ansatzweise verstanden hätte, lautet: Weil viele Frauen Selbstmord als Erpressungsmittel einsetzen und ihre Versuche häufig so gestalten, dass sie misslingen müssen, denn ihr Ziel ist es nicht, sich umzubringen, ihr Ziel besteht darin, ihre Umwelt zu erpressen und sich in einer Opferrolle einzunisten.

Das ist natürlich eine politisch vollkommen unkorrekte Hypothese, aber wenn man die Mittel betrachtet, mit denen Frauen und Männer in sozialen Konflikten agieren, Frauen eher hinter dem Rücken der Gegner, durch das Streuen von Gerüchten und dauerhaftem Zwist, Männer eher offen und mit kurzem hartem Aufprall, nach dem die Sache erledigt ist, dann stimmt diese Hypothese mit den Geschlechterrollen, die Genderisten doch so gerne bemühen, überein.

Auch Banaszczuk bemüht Geschlechterrollen. Männer würden lernen, ihre Probleme zu verschweigen, sich seltener ärztlichen Rat holen als Frauen, suchten Männer Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld, dann sei ihr Ziel, mit Freunden Spaß zu haben und die Probleme zu vergessen, während Frauen mit Freundinnen ihre Probleme analysieren würden. „Auch heute“, so die Behauptung von Banaszczuk, „wachsen junge Männer noch mit der Idee auf, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen, sei ein Zeichen von Schwäche oder fehlender Männlichkeit“.

Das bringt uns zurück zur toxischen Männlichkeit, denn die Erklärung, die die Autorin ihren Lesern nahelegen will, lautet schlicht: Männer bringen sich häufiger um, weil sie traditionelle Geschlechtsrollen von Männlichkeit internalisiert haben, Geschlechtsrollen, die töten, deshalb „toxische Männlichkeit“. Wären Männer wie Frauen, dann würden sie häufiger mit dem Versuch, sich umzubringen, scheitern (wollen), dann würden sie, ich zitiere: keine „Vorkehrungen“ treffen, die gewährleisten, dass sie „rechtzeitig entdeckt“ werden. Anders formuliert: Wären Männer nicht so toxisch männlich, dann würden sie ihre Selbstmordversuche wie Frauen dazu einsetzen, ihre soziale Umwelt zu erpressen, ihren Selbstmordversuch so arrangieren, dass die Gefahr, „nicht rechtzeitig entdeckt“ zu werden, minimiert, nicht maximiert wird.

Das alles hat natürlich überhaupt nichts mit den Ursachen der häufigeren Selbstmorde unter Männern zu tun, aber auf diese Weise ist es Banaszczuk gelungen, die Tatsache eines Missverhältnisses von drei zu eins bei Selbstmorden zwischen Männern und Frauen zu einem männlichen Problem zu stilisieren. Die sind halt selbst schuld, das Problem wäre gelöst, wenn Männer so wären wie Frauen.

Dass klassische Tautologien wie diese in deutschen Medien Legion sind, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. An die menschliche Kälte und den Zynismus, der damit verbunden ist, ein Problem von Männern vom Tisch zu wischen, um über die Vorteile zu sinnieren, die es Männern bringen würde, wenn sie Frauen wären, werde ich mich nie gewöhnen.

Eine spannende Frage dabei ist: Wie schafft man es, das erhebliche Problem, immerhin geht es um Selbstmord, durch die Diskussion einer psychologischen Belanglosigkeit zu ersetzen, die noch dazu keinerlei Beitrag zur Erklärung des bei Männern häufigeren Selbstmordes leistet. Die Beantwortung der Frage: „Warum bringen sich Männer häufiger um?“, wird von Banaszczuk durch Ausführungen darüber umgangen, dass Frauen andere Methoden haben, mit psychischen Krankheiten umzugehen. Bislang ist nicht einmal belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen Selbstmord und psychischer Krankheit gibt, denn diejenigen, die erfolgreich sind, kann man zwangsläufig nicht mehr befragen oder untersuchen (Dr. habil. Heike Diefenbach hat dies für Selbstmorde von Homosexuellen analysiert), untersuchen kann man diejenigen, die erfolglos waren, das sind mehrheitlich Frauen.

Angesichts solcher Texte kann man nicht anders, als sich die Frage zu stellen, ob hinter der fehlenden Empathie und der Verachtung für konsequentes Handeln bei gleichzeitigem Feiern von Hintenrum-Strategien zur moralischen Erpressung der Umgebung und persönlichem Einnisten in der Opferrolle, toxische Bösartigkeit oder toxische Blödheit steht. Ich gebe diese Frage an die Leser zu Entscheidung weiter.

PS: Es passt ins Bild, dass dieser Beitrag in „Spektrum der Wissenschaft“ mit „Suizid-Paradox“ überschrieben ist. Ein Paradoxon liegt vor, wenn aus logisch korrekter Argumentation ein Schluss folgt, der die Argumentation als falsch erweist. Ein berühmtes Beispiel ist das Kreter-Paradox: Alle Kreter sind Lügner. Ich bin ein Kreter. Was Banaszczuk beschreibt, ist gerade kein Paradoxon, das einzige Paradoxon hier besteht darin, dass Banaszczuk häufigeres Scheitern als größeren Erfolg verkaufen will.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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