11. Februar 2019

ARD-Propaganda von Thomas Spickhofen gegen den Brexit Es reicht

Fühlt sich das Land wirklich anders an?

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Irrationale Angst vor dem Brexit: Deutsche

Wann immer ich mit Deutschen in Deutschland rede, im Internet, am Telefon, bin ich erstaunt darüber, welches Bild sie vom Brexit und von der Stimmung in Britannien haben. Zwar ist mir die weitverbreitete Unkenntnis darüber, was es mit dem Backstop in Irland auf sich hat, schon des Öfteren begegnet, und auch die vielen halbwahren und schiefen Artikel, die „Tagesschau“ oder ZDF und deren Journalisten-Mob zu Brexit beizutragen haben, und zwar ausschließlich aus einer Perspektive und vor der Prämisse, dass der Brexit eine Häresie ohnegleichen am heiligen Tabernakel der europäischen Einigung darstellt, sind mir bekannt. Das Ausmaß der Propaganda, das auf Deutsche dann einprasselt, wenn sie sich ihren Medien aussetzen, ist mir indes unbekannt – Gott sei Dank.

Doch selbst die Gnade der ausländischen Residenz, die mir den täglichen Propagandakrieg in den deutschen angeblichen Qualitätsmedien erspart, hat jetzt eine Grenze erreicht. Der Herz-Schmerz-Manipulations-Beitrag, den Thomas Spickhofen, der angeblich im ARD-Studio in London sitzen soll, zusammengeschrieben hat, hat die Grenze überschritten. „Das Land fühlt sich anders an“, so lautet der unsinnige Titel über seinem Beitrag. Unsinnig deshalb, weil es wohl keinen lebenden Menschen gibt, der wissen kann, wie sich ein Land anfühlt. Er mag wissen, welche Eindrücke ihm sein Leben in einem bestimmten eng umrissenen lokalen Gebiet vermittelt, aber wie sich „das Land anfühlt“, das kann er nicht wissen. Wer anderes behauptet, ist bedenklich in die Nähe von Wahnsinn gedriftet.

Dass sich das „Land anders anfühlt“, das will Spickhofen durch ein Mitglied des „Entenclubs“ in Forest Hill belegen. Forest Hill liegt im Süden von London, für alle, die London nicht kennen, der Süden ist der Teil, der „affluent“, wohlhabend, ist. Die „richtigen“ Londoner leben im Norden und unterstützen Tottenham Hotspur oder den FC Arsenal. Im „Entenclub“, den die deutsche evangelische Gemeinde in London betreibt, hat Spickhofen eine „Sarah“ aufgetan. Sarah „hat beschlossen, mit ihrer Familie nach Deutschland zurückzukehren“, weil „sich das Land anders anfühlt“. Woran macht „Sarah“ das fest: an der Abstimmung zum Brexit. Das Ergebnis hat sie verstört, und sie hat sich gesagt, „vielleicht kennen wir das Land ja doch nicht so gut“. Die Einsicht hat leider nicht weit getragen, wie die Behauptung, „das Land habe sich verändert“, zeigt.

Wen das Abstimmungsergebnis des Referendums am 23. Juni des Jahres 2016 überrascht hat, der kann offenkundig nicht viel Anstrengung unternommen haben, um mit den Menschen, die in Britannien leben, zu reden. Vielleicht hat er zu viel Zeit in der Echokammer des „Entenclubs“ in Forest Hill verbracht, in dieser behüteten deutschen Exil-Enklave, in der man anscheinend so tun kann, als würde man in Britannien leben, aber sich dennoch nicht auf Land und Leute einlassen muss, sondern fremd bleiben kann.

„Sarah“, von der man als Leser gerne erfahren hätte, nach welchen Kriterien Spickhofen ausgerechnet sie ausgewählt hat, kann nicht nur das Land erfühlen, sie meint auch zu wissen, dass „die Engländer bevorzugt behandelt“ würden „im Vergleich zu Ausländern“, und zwar genau seit der Abstimmung im Juni 2016 und genau im Café-Geschäft im Krankenhaus. „Man spürt das.“ Dass die Behandlung weniger auf ihren Status als Ausländer, den sie vor sich herzutragen scheint, als auf ihre Person zurückzuführen ist, kommt der „fühlenden Sarah“ nicht in den Sinn.

Angesichts so viel intuitiver Einbildung, die ein deutscher Redakteur glaubt seinen Lesern zumuten zu können, fragt man sich, ob es sinnvoll ist, die Vernunft und die Fakten zu berichten aus jenem Land, in dem ich nun seit 13 Jahren lebe, 13 Jahre, in denen sich absolut nichts verändert hat, was das tägliche Leben betrifft. Meine „favorite places“, Orte, an denen ich mich regelmäßig einfinde, sind mir – wenn überhaupt – noch lieber geworden. In meinem Stammcafé werde ich bestenfalls noch freundlicher bedient, denn wenn man mehrere Jahre in derselben Umgebung ist, lernt man zwangsläufig Leute kennen, wird wiedererkannt, findet Anschluss, es sei denn, man ist eine „fühlende Sarah“.

Die Leichtigkeit des Daseins in Britannien, sie ist eher größer denn kleiner geworden. Kontakt zu bekommen, wenn man „out and about“, „von auswärts“ ist, ist nach wie vor kein Problem, was möglicherweise auch daran liegt, dass ich mich auf Britannien als Land eingelassen habe und mich nicht in den „Entenclub in Forest Hill“ zurückziehe, um mein Deutschsein als unterscheidendes Merkmal zu feiern oder die deutsche evangelische Kirchengemeinde zum Ausfüllen von Aufenthaltsberechtigungen anzuhalten.

Aber halt. Spätestens hier im Beitrag von Spickhofen ist mir dann der Kragen geplatzt. Deutsche brauchen keine Aufenthaltsberechtigungen im Vereinigten Königreich – nach wie vor nicht. Sie können einreisen und ausreisen, wie sie wollen. Was also wird da in Forest Hill ausgefüllt? Und wo kommt die Unsicherheit her, die – wie Spickhofen suggerieren will – angeblich so verbreitet ist, weil man nicht wisse, wie es nun weitergehe?

Wie oft soll die britische Regierung, die Behörde „Visas and Immigration“, Theresa May und wer alles noch erklären, dass sich für die EU-Bürger, die in Britannien leben, bis zum 30. Juni 2021 überhaupt nichts ändert, auch dann nicht, wenn es zu einem harten Brexit kommt (der Brexiteer Dominic Raab spricht in diesem Zusammenhang gar von einer moralischen Verpflichtung, die gegenüber den EU-Bürgern bestehe, die im Vereinigten Königreich leben)? Wie oft soll das „Settlement Scheme“ noch ausgebreitet und diskutiert werden, in dem klar und deutlich steht, dass, wer vor dem 31. Dezember 2020 in Britannien gelebt hat, automatisch „Settlement Status“ erhält, wenn er fünf Jahre zuvor in Britannien gelebt hat, und „pre-settlement Status“, wenn das nicht der Fall ist?

Vermutlich sind solche harten Fakten nichts, im Vergleich zum Gefühl von „Sarah“, die in Forest Hill bei der deutschen evangelischen Kirchengemeinde ihre Ängste, oder soll man sagen: ihre Hysterie auslebt. Dass „Sarah“ so ungehindert die Hysterie in der ARD ausleben kann, so ungehindert fühlen kann, „dass Engländer bevorzugt werden“ und „das Land sich verändert hat“, dass Spickhofen die Aussagen zu keinem Zeitpunkt in einen Kontext einordnet, vielmehr versucht, zu suggerieren, das, was Sarah aus dem „deutschen evangelischen Entenclub in Forest Hill“ erzählt, sei in irgendeiner Weise verallgemeinerbar, gebe auch nur in Teilen wieder, was in Britannien, einem Land, das auch außerhalb von London noch bewohnt sein soll, derzeit an Stimmung herrscht, ist ein absoluter Tiefpunkt dessen, was in Deutschland wohl immer noch als Journalismus angesehen wird. Für wie dumm glaubt Spickhofen eigentlich, seine Leser verkaufen zu können?

Wir haben uns in den letzten Jahren an einiges gewöhnt, was einst vorzeigbaren Journalismus zu Junk-Journalismus reduziert hat: Es wird nicht mehr recherchiert. Es werden Einzelfälle zu allgemeinen Aussagen aufgeblasen. Die beiden Seiten einer Medaille, die es nach wie vor zu jedem Thema gibt, kommen generell nicht mehr vor, die Berichterstattung konzentriert sich regelmäßig nur auf eine Seite und widmet sich entweder ausschließlich dem Beklagen des Negativen oder dem Bejubeln des Positiven. Junk-Journalismus wie der, den Spickhofen verbreitet, zeichnet sich durch die Auswahl von möglichst abstrusen Extrembeispielen aus, die der ideologischen Nachricht, die verbreitet werden soll, dienlich ist. Ziel von Junk-Journalismus ist Propaganda, nicht Information.

Folglich muss der, der sich informieren will, die öffentlich-rechtlichen Medien, deren Informationsauftrag wieder zu einem Propagandaauftrag geworden ist, meiden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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